Jahrelang Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe beim Münchner Oktoberfest – und keine Skandalisierung. Hin zu einer Debatte tatsächlich über sexualisierte Gewalt.

Aktuell hat die konservative und rechtspopulistische Ecke ihr Ventil gefunden: Sie nutzt die sexistischen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht, um gegen Migrant_innen und Geflüchtete zu hetzen. „Ein Anschlag hätte den Stoff der nationalen Aufregung ebenso liefern können, ein Kindsmord, irgendeine andere Tat“, wie die Zeitschrift Spiegel schreibt (Heft 2/2016, S. 11). Die seit Monaten stattfindenden Attentate auf Geflüchtete und die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte wurden hingegen eher bagatellisierend und entschuldigend in das Alltagsgeschäft eingeordnet – ‚die Deutschen seien halt zu sehr gefordert‘. In die eine Richtung Skandalisierung, wenn es hingegen um mehrheitsdeutsche Täter_innen geht: Entschuldigung.

Keine Skandalisierung wert waren über Jahre hinweg die Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe auf dem Münchner Oktoberfest. Jährlich – und die Vereine zur Opferberatung Amyna, Imma, Frauennotruf, ’sichere Wiesn‘ sprechen von einer Zunahme – kam es dort zu 4 bis 6 bei der Polizei angezeigten Vergewaltigungen und unterstützten die Vereine etwa 150 bis 200 Frauen, die von sexuellen Übergriffen oder weiteren Delikten betroffen waren. Die Dunkelziffer wird von den Vereinen als deutlich höher angenommen. Diese Delikte führten nicht zum bundesweiten Skandal – aber auf dem Oktoberfest waren eben in aller Regel mehrheitsdeutsche Biertrinker die Täter. Doch just als Lohaus/Wizorek nun auch diese Übergriffe in München skandalisierten und einforderten, dass die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt nicht so rassistisch geführt werden darf, wie es aktuell geschieht, wurden Lohaus/Wizorek der Lüge bezichtigt. Im von den beiden Autorinnen zitierten taz-Artikel war für das Jahr 2009 von zehn Vergewaltigungen und 200 weiteren Delikten die Rede – die Münchner Polizei dementiert nun – jetzt, 2016[!] – eilig: es seien im Jahr 2009 ’nur‘ 6 angezeigte vollendete Vergewaltigungen gewesen. Obgleich sich also die Delikte und Angaben der Frauenvereine bestätigen, sah sich die Polizei jetzt, 2016[!] genötigt, die Angaben des taz-Artikels aus dem Jahr 2009 zu korrigieren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) betitelte einen Beitrag gar mit „Lügenzahl vom Oktoberfest“ – und bagatellisierte die Vergewaltigungen beim Oktoberfest. „Allein in der ersten Wiesnwoche halfen die Teams von Amyna, Imma und des Frauennotrufs München 91 Frauen“, hieß es im Jahr 2012 (Süddeutsche Zeitung); 2013 „hat ‚Sichere Wiesn‘ 156 Opfer betreut, darunter zwei Vergewaltigungsopfer“ (Abendzeitung).

Auch die Situation zum sogenannten ‚Herrentag‘, an dem sich Frauen kaum aus dem Haus trauen können, weil sie fast überall sexistisch beleidigt werden, und die ‚alltäglichen‘ Ereignisse in jeder Disco taugen nicht zu einer Skandalisierung – immerhin sind dort in aller Regel Mehrheitsdeutsche die Täter.

Als Wissenschaftler*in im Feld der sexualisierten Gewalt und der geschlechtlichen und sexuellen Selbstbestimmung fällt mir auf, wie schwer es selbst nach den Aufdeckungen von massiven sexuellen Übergriffen in Internaten war, politische Entscheidungsträger*innen für das Thema Prävention sexualisierter Gewalt und Förderung geschlechtlich-sexueller Selbstbestimmung zu gewinnen. Aktuell fehlt eine flächendeckende Forschungslandschaft – an der Hochschule Merseburg gibt es den einzigen[!] sexualwissenschaftlichen Studiengang im deutschsprachigen Raum überhaupt. Die notwendige Lehre zu sexueller Bildung, Unterstützung geschlechtlich-sexueller Selbstbestimmung, Prävention sexualisierter Gewalt findet bisher weder in Lehramtsstudiengängen, noch in der Ausbildung von Erzieher*innen und in den weiteren Berufen statt, in denen Menschen mit Menschen zu tun haben. Die Ausgebildeten bekommen bzgl. dieser Inhalte keine professionellen Kenntnisse; und solche Kenntnisse würden auch umfassen, eigene Normen zu hinterfragen, wo und wie sie etwa geschlechtlich-sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen verletzen. Doch anstatt dass die Sexualpädagog*innen im Feld zu unterstützen – sie leisten immerhin die notwendige Ausbildungsarbeit im Rahmen ihrer knappen personellen Möglichkeiten -, wurden sie in den vergangenen Monaten gerade von den Rechtsaußen-Blättern Junge-Freiheit und – mittlerweile in zahlreichen Artikeln leider – FAZ teils wüst beschimpft. Aber genau diese Sexualpädagog*innen ermöglichen, dass Prävention sexualisierter Gewalt und die Unterstützung geschlechtlich-sexueller Selbstbestimmung in Einrichtungen wirksam thematisiert wird. Aber ‚geschlechtlich-sexuelle Selbstbestimmung‘ heißt eben auch, dass Kinder und Jugendliche gestärkt werden, egal ob sie gleich- oder andergeschlechtlich begehren und auch wenn sie trans*- oder inter*-geschlechtlich sind. Das wiederum ist einigen äußerst Konservativen und Rechtsaußen ein Dorn im Auge.

Also:

  • Die aktuelle Debatte nutzt niemandem – gerade nicht den Betroffenen sexualisierter Gewalt. Es wird ein Problem rassifiziert, das die gesamte Gesellschaft und gerade alle deutschen Männer angeht, diejenigen, die in Deutschland geboren sind und die, die erst kürzer in Deutschland sind. Aktuell wird hingegen die sexualisierte Gewalt von Mehrheitsdeutschen unsichtbar gemacht – sie erhalten einen ‚Persilschein‘ und werden angeregt, weiter übergriffig gegen Frauen zu sein.
  • Die rassistische Prägung der aktuellen Debatte begünstigt rassistische Gewalt. Sexuelle Gewalt und rassistische Gewalt überlagern sich vielfach – und so ist es endlich nötig, dass endlich die Konzepte von Mehrfachdiskriminierung und Intersektionalität, wie sie in Deutschland von LesMigras, von Gladt (u.a. Projekt HEJ – Handreichungen für emanzipatorische Jungenarbeit) und von I-Päd entwickelt wurden, deutlich in politische und (sexual-)wissenschaftliche Konzepte eingehen.
  • Konkret zu Köln: Es kommt erst einmal auf nüchterne (und nicht so kurzatmige) Aufarbeitung an. Hier ist die Perspektive von Feministinnen of Color und rassismuskritischen weißen Feministinnen wichtig, die darauf schauen, was in der Kölner Silvesternacht tatsächlich stattgefunden hat. Die Aufarbeitung darf nicht bei den mehrheitsdeutschen Männern aus den Parteien, dem Innenministerium oder den Türstehern liegen, die jetzt schon sehr eilig Asylverschräfungen fordern oder ‚groß aufräumen‘. Die größte Expertise liegt bei den Vereinen, die bereits mit intersektionalen Konzepten arbeiten, also zu Rassismus und Geschlechterverhältnissen gleichermaßen.
  • Sexualisierte Gewalt muss nachhaltig angegangen werden. Das bedeutet, dass ein politischer Wille auch im von Männern dominierten Bundestag und in den von Männern dominierten Parteispitzen nötig ist, Präventionskonzepte auf den Weg zu bringen, anstatt stets und stetig bei den Praxisprojekten – wie den Frauennotrufen – einsparen zu wollen. Es muss eine gute – und auch intersektional geschulte [!] – flächendeckende Praxislandschaft entstehen. Und es muss eine flächendeckende gute sexualwissenschaftliche Forschungs- und Ausbildungslandschaft entstehen.
  • Gleichzeitig darf man vor lauter Prävention auch nicht das Ziel aus dem Auge verlieren: Es geht um eine selbstbestimmte geschlechtlich-sexuelle Entwicklung und Betätigung (bzw. auch Nicht-Betätigung) von Menschen und es geht darum, dass Sexualität als positive Kraft vermittelt wird, vor der mensch keine Angst haben soll, aber verantwortlich mit der eigenen Sexualität und grenzachtend gegenüber der Anderer umgeht.

Heinz-Jürgen Voß

Ein Gedanke zu „Jahrelang Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe beim Münchner Oktoberfest – und keine Skandalisierung. Hin zu einer Debatte tatsächlich über sexualisierte Gewalt.

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