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Seit 2014 wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Forschungsprofessur „Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung“ an der Hochschule Merseburg gefördert. Nach sechs Jahren erfolgreicher und anerkannter Arbeit wird sie nun als ordentliche Professur verstetigt.

Seit 2014 wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Forschungsprofessur „Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung“ an der Hochschule Merseburg gefördert – die erste Juniorprofessur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften überhaupt. Nach sechs Jahren erfolgreicher und anerkannter Arbeit wird sie nun als ordentliche Professur verstetigt.

2010, nach den Aufdeckungen von sexualisierter Gewalt an Schulen und weiteren Institutionen, richtete das BMBF die Förderlinie „Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten“ ein. Gefördert wurden zahlreiche Forschungsprojekte und fünf Juniorprofessuren – eine davon als „Forschungsprofessur“ an der Hochschule Merseburg, die mit Prof. Heinz-Jürgen Voß besetzt wurde. Er leitete an der Hochschule bereits das Projekt „Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung“. Die Wahl auf Merseburg fiel auch deshalb, weil hier bereits seit Beginn der 1990er Jahre ein Schwerpunktstudium zu Sexualität existiert, seit 2009 der bundesweit einzigartige konsekutive Masterstudiengang „Angewandte Sexualwissenschaft“.

Die Ergebnisse des von Heinz-Jürgen Voß geleiteten Projekts liegen nun mit einer fundierten Handreichung für Fachkräfte und zwei Abschlussbänden vor. Sie sollen insbesondere Fachkräfte der ambulanten Erziehungshilfen – aber auch allgemein Fachkräfte im sozialen Bereich – fit machen für den Umgang mit Sexualität und der Prävention sexualisierter Gewalt.

Darüber hinaus ist einiges entstanden: Angeschlossen an die Forschungsprofessur konnten die Ausstellungen des Präventionsinstituts PETZE nach Sachsen-Anhalt geholt werden. Auch ist die Hochschule daran beteiligt, gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung, dem Landesschulamt und dem LISA die Etablierung von Schutzkonzepten an Schulen voranzutreiben, wurden Fort- und Weiterbildungen zur Prävention sexualisierter Gewalt und zur Förderung von geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung entwickelt – und werden kontinuierlich angeboten. Nicht zuletzt soll der Regionale Arbeitskreis für Fachkräfte ambulanter Erziehungshilfen zu den Themen Sexualität und sexualisierter Gewalt, der sich im Saalekreis - initiiert vom Forschungsprojekt - gebildet hat, bundesweit Pilotwirkung entfalten.

Ebenfalls mit bundesweiter und teilweise auch europaweiter Ausstrahlung konnten durch die Forschungsprofessur weitere Projekte und Publikationen initiiert werden, die an einer flächendeckenden Forschungslandschaft mitwirken. So wurden die Buchreihen „Angewandte Sexualwissenschaft“ (im Gießener Psychosozial Verlag) und „Sexualwissenschaftliche Schriften“ (im Hochschulverlag Merseburg) gegründet, in denen in der sechsjährigen Förderung 30 Bücher erschienen sind. Das EU-Projekt TRASE zu Sexualität und Behinderung sowie weitere Bundes- und Landesprojekte konnten eingeworben werden – insgesamt kamen, verbunden mit der Forschungsprofessur, Drittmittel von rund 2,5 Millionen Euro nach Merseburg.

Mit der Verstetigung wird Prof. Voß die erfolgreichen Forschungen und Praxisprojekte zur Prävention sexualisierter Gewalt fortsetzen und daneben Bedingungen sexuellen Wohlergehens und geschlechtlicher Selbstbestimmung verfolgen. Mit seiner Expertise als Biologe und Sozialwissenschaftler wird er sich weiterhin in die Fachdebatte und gesellschaftliche Diskussion zu geschlechtlicher Vielfalt einbringen.

Kontakt:
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Professur Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung
Hochschule Merseburg
E-Mail: heinz-juergen.voss@hs-merseburg.de

Der Studiengang Sexologie – Sexuelle Gesundheit und Sexualberatung ist körperorientiert angelegt, setzt Berufserfahrung voraus und zielt insbesondere auf therapeutische Berufsgruppen und Felder der Erwachsenenpädagogik.

Mit 23 Studierenden startet zum Sommersemester der nächste Durchgang des Studiengangs „Sexologie – Sexuelle Gesundheit und Sexualberatung“, der in Kooperation zwischen der Hochschule Merseburg (Deutschland, Sachsen-Anhalt) und dem Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie Uster (Schweiz) durchgeführt wird. Der aktuellen Situation mit Covid-19 angemessen, startet der Kurs mit theoretischen Inhalten digital als Webinar, bevor es später auch zu den körperorientierten Inhalten kommt.

Der kostenpflichtige Studiengang erfreut sich zunehmender Beliebtheit und ergänzt seit dem Jahr 2014 das innovative und breit aufgestellte Angebot der Hochschule Merseburg: Neben Studiengängen im Bereich Ingenieur- und Naturwissenschaften und in den Wirtschafts- und Informationswissenschaften ist es an der Hochschule möglich, Studiengänge im Fachbereich Soziale Arbeit. Medien. Kultur zu belegen. Bereits seit 2009 gibt es an der Hochschule auch den konsekutiven, kostenfreien Studiengang Angewandte Sexualwissenschaft. Merseburg ist damit ein zentrales sexualwissenschaftliches Zentrum der Bundesrepublik.

Der Studiengang Sexologie – Sexuelle Gesundheit und Sexualberatung ist körperorientiert angelegt, setzt Berufserfahrung voraus und zielt insbesondere auf therapeutische Berufsgruppen und Felder der Erwachsenenpädagogik. Er baut damit auf der Definition sexueller Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation auf: „Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Es wird der Körper einbezogen, da eine gute Körperwahrnehmung eine wichtige Grundbedingung für das sexuelle Wohlbefinden ist. Entsprechend stehen neben den grundlegenden sexualwissenschaftlichen und -pädagogischen Lehrinhalten sowie Themen der Selbstreflexion auch Atem- und Bewegungsübungen auf dem Lehrplan.

Informationen zum Studiengang finden Sie hier: https://www.hs-merseburg.de/studium/studiengaenge/sexologie/ .

Für Fragen steht Ihnen der Studiengangsverantwortliche Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß zur Verfügung: heinz-juergen.voss@hs-merseburg.de .

Lara Ledwa war bei ihrer historischen Aufarbeitung auch auf „problematische Tendenzen im LAZ wie Rassismus, Klassismus und Transfeindlichkeit gestoßen“ (S. 14/15) und hatte in ihrem insgesamt gegenüber dem LAZ dennoch sehr wertschätzenden Buch auch kritische Selbstreflexion in Bezug auf die eigene Geschichte angeregt und eingefordert.
Cover des Buches "Mit schwulen Lesbengrüßen: Das lesbische Aktionszentrum Westberlin"

Es geht um das Buch Mit schwulen Lesbengrüßen: Das Lesbische Aktionszentrum Westberlin (LAZ) von Lara Ledwa (Informationen: https://www.psychosozial-verlag.de/2930 ). Auf dem Cover ist das Venussymbol in lesbischer Variante mit einer kämpferischen Faust zu sehen, der Kreis wird gesprengt. Außerdem wird als Untertitel, einer historischen Studie angemessen, der Schriftzug „Das Lesbische Aktionszentrum Westberlin (LAZ)“ verwendet.

Dagegen haben drei angebliche Gründerinnen des LAZ nun über eine Rechtsanwaltskanzlei die Forderung nach einer Unterlassungserklärung verschickt. Sie behaupten, sie seien die Urheber*innen des Logos, die Cover-Gestaltung verletze ihre Urheber*innenrechte, und sie fordern die Einstellung des Buchvertriebs und Schadenersatz.

Was aus ehemals kapitalismuskritischem Aktivismus alles werden kann! Das kämpferische Venussymbol in den verschiedenen Abwandlungen ist in der lesbischen Community und auch für Trans*-Inter*-Aktivismus mittlerweile weit verbreitet – und das kämpferische Venussymbol wurde schon verwendet, lange bevor sich das LAZ überhaupt gründete.

Der jetzt behauptete Rechtsanspruch, der nicht gerechtfertigt erscheint, bedroht lesbischen, feministischen und queer-feministischen Aktivismus. Und mit Kapitalismuskritik hat er gar nichts mehr zu tun. Vielmehr ist jetzt die Frage: Wem gehört der lesbische Aktivismus?

Die Auseinandersetzung hat insbesondere einen inhaltlichen Hintergrund: Einige der ehemaligen LAZ-Aktivistinnen hatten sich zuletzt deutlich von den historischen Forschungen Lara Ledwas distanziert, weil sie nicht alle Ausführungen für gerechtfertigt hielten. Denn Ledwa war bei ihrer historischen Aufarbeitung auch auf „problematische Tendenzen im LAZ wie Rassismus, Klassismus und Transfeindlichkeit gestoßen“ (S. 14/15) und hatte in ihrem insgesamt gegenüber dem LAZ dennoch sehr wertschätzenden Buch auch kritische Selbstreflexion in Bezug auf die eigene Geschichte angeregt und eingefordert. Auf diesem Weg eine kritische Stimme unterdrücken zu wollen, hat mit lesbischem, feministischem und queerfeministischem Aktivismus ganz sicher nichts zu tun.

"Der Vorstand der DGfPI sollte entscheiden, ob er Wissenschaft überhaupt unter den Herausgeber*innen der Zeitschrift will – das bedeutet auch kritisches Reflektieren, Betrachten unterschiedlicher Positionen, bedachte und gründlich fundierte Ableitungen. Wenn das gewollt ist, dann sind Wissenschaftler*innen im Herausgeber*innen-Gremium der DGfPI richtig. Wenn es hingegen darum geht, eine Position – zum Beispiel gegen die pädagogische und therapeutische Arbeit mit übergriffigen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, wie sie etwa von „Kein Täter werden“ geleistet wird – möglichst scharf zu machen und pointiert und unwidersprochen zu vertreten, dann sind Wissenschaftler*innen fehl am Platz."

Den folgenden Brief, den ich am 24.2.2020 an das Herausgeber*innengremium der DGfPI-Zeitschrift und den Vorstand der DGfPI (Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung) geschickt habe, möchte hiermit aus Gründen der Transparenz zur Kenntnis geben.

Zugleich distanziere ich mich von der Ausgabe 2/2019 der DGfPI-Zeitschrift: In die Gestaltung der Ausgabe war ich nicht einbezogen - sondern war zwischenzeitlich aus dem Redaktionsverteiler entfernt worden. Bei Kenntnis der Beiträge hätte ich mich dafür eingesetzt, dass ein Beitrag zu Vorhautbeschneidung tatsächlich den aktuellen wissenschaftlichen Sachstand abbildet, gerade weil die Debatte - wie wir wissen - seit spätestens 2012 unter antisemitischem und rassistischem Vorzeichen geführt wird. Die DGfPI hat sich offenbar entschieden, auf welcher Seite sie stehen will. Und nun ist klarer, warum der Vorstand die Anfeindungen gegen mich mitgetragen hat, anstatt ihnen zu entgegnen.

Mein Rücktrittsschreiben im Volltext:

Merseburg, 24.2.2020

Rücktritt aus dem Herausgeber*innen-Gremium der Zeitschrift der DGfPI (PDF)

Liebe Kolleg*innen im Herausgeber*innen-Gremium der DGfPI-Zeitschrift,
sehr geehrter Vorstand der DGfPI,

seit mittlerweile über einem Jahr werde ich durch ein Papier von Tauwetter verunglimpft und vom Vorstand der DGfPI unter Druck gesetzt und genötigt, mich zu den Anwürfen zu verhalten. Dem möchte ich mich nicht länger aussetzen, denn es gibt zu viel Wichtigeres zu tun.

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Sehr gern weise ich auf den eben erschienenen Band "Intersektionalität: Von der Antidiskriminierung zur befreiten Gesellschaft?" hin, den Christopher Sweetapple, Salih Alexander Wolter und ich gerade im Schmetterling-Verlag (Reihe: black books) veröffentlicht haben. Ganz praktisch - und in Verbindung mit dem Themenfeld Gewalt / sexualisierte Gewalt - wird darin das Konzept und die Praxis der Intersektionalität vorgestellt.

Wer eine Rezension schreiben will, kann ein Rezensionsexemplar gern beim Verlag oder auch direkt bei mir ( voss@heinzjuergenvoss.de ) anfordern.

Intersektionalität: Von der Antidiskriminierung zur befreiten Gesellschaft?
von: Christopher Sweetapple / Heinz-Jürgen Voß / Salih Alexander Wolter
Stuttgart: Schmetterling-Verlag
1. Auflage 2020, 12 Euro
ISBN 3-89657-167-2
Informationen beim Verlag: http://www.schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-167-2.htm

Klappentext:
Intersektionalität wurde in der Bundesrepublik bereits seit den frühen 1990er-Jahren von Linken eingefordert, die als Jüdinnen, People of Color und/oder Menschen mit Behinderung ihre Situation als Mehrfachdiskriminierte im Ein-Punkt-Aktivismus etwa der Frauen- und Homobewegung nicht berücksichtigt sahen. Der deutschsprachige akademische Betrieb griff solche Kritik erst mit zehnjähriger Verspätung auf und behandelt sie zumeist als reinen Theorie-Import aus den USA. Heute erfährt der vor allem im queerfeministischen Spektrum of Color verbreitete intersektionale Ansatz, der den gängigen Rassismus thematisiert, zum Teil heftigen Widerspruch nicht nur – erwartbar – von rechts, sondern auch von links. Der Vorwurf lautet, hier werde «Identitätspolitik» zulasten eines Engagements für eine grundlegend andere, bessere Gesellschaft betrieben.

Vor diesem Hintergrund zeichnen die Autoren zunächst den Denkweg der Schwarzen US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw nach, die dem «provisorischen Konzept» Intersektionalität Ende der 1980er-Jahre nicht nur den Namen gab, sondern es in Antonio Gramscis Reflexionen zu einem westlichen Marxismus fundierte und zugleich «postmoderne» Ideen dafür politisch nutzbar machte. Daneben wird ein Überblick über das aktuelle Weiterdenken des Konzepts aus einer internationalen soziografischen Perspektive gegeben. Im zweiten Teil des Buches werden, mit zahlreichen Interview-Auszügen belegt, die Ergebnisse einer über mehrere Jahre hin bundesweit durchgeführten wissenschaftlichen Studie zu sexualisierter Gewalt gegen Jugendliche dargestellt. Hier zeigen sich überdeutlich die Notwendigkeit eines intersektionalen Ansatzes zur Prävention und der Stärkung migrantischer Selbstorganisation. In einem kurzen politischen Schlusskapitel wird das Fazit aus Theorie und Empirie gezogen: Bei der Intersektionalität geht es nicht um die Pflege von kulturellen Eigenheiten, sondern um eine gesamtgesellschaftlich ausgelegte «Untersuchung der Unterdrückung», die für linke Politik unter den heutigen Verhältnissen äußerst produktiv sein kann.

Alois Kösters: So greift er gerade – und darauf zielt sein Beitrag – eine der engagiertesten der Einrichtungen an, die sich für lesbische, schwule, bi, trans* und inter* Personen unterschiedlichen Alters einsetzen.

„Qualität spielt keine Rolle“ (Ausgabe vom 13.2.2020, S. 4), behauptet Alois Kösters in der Magdeburger Volksstimme vom 13.2.2020. Bereits im Jahr 2016 hatte er in dem Blatt, dessen Chefredakteur er ist, einen Angriff gegen Gender forciert, mit ähnlich wenig Belegen wie heute. In seinem aktuellen Beitrag postuliert er ein „Füllhorn“, das allen voran aus Brüssel gefüllt werde, um Gender-Reflexion in der Gesellschaft voranzubringen. „Zahlreiche Forschungsprojekte laufen an den Universitäten. Überall werden Seminare angeboten“ – meint Kösters, obwohl die groß angelegte Studie „Sexuelle Bildung für das Lehramt“, für die mehr als 2.700 Lehrkräfte und Lehramtsstudierende insbesondere aus Sachsen-Anhalt und Sachsen befragt wurden, gerade erst festgestellt hat, dass nur etwa zehn Prozent der Lehrkräfte einige Lehrinhalte zu Sexueller Bildung (Sexualpädagogik) hatten und nur fünf Prozent von Inhalten zur Prävention sexualisierter Gewalt profitieren konnten. In der Sozialen Arbeit sieht es nicht anders aus. Das bedeutet: Aktuell leisten wir uns in der Bundesrepublik Deutschland, dass Fachkräfte nicht oder zu schlecht ausgebildet sind, um sexualisierter Gewalt vorzubeugen und die geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Das sollte ein Skandal sein! Aber der Volksstimme-Chefredakteur macht lieber Stimmung gegen die EU und schürt Feindschaft gegen kleine Projekte, bei denen viele Leute ehrenamtlich arbeiten und nur wenige in geringem Umfang über meist befristete Stellen finanziert sind. So greift er gerade – und darauf zielt sein Beitrag – eine der engagiertesten der Einrichtungen an, die sich für lesbische, schwule, bi, trans* und inter* Personen unterschiedlichen Alters einsetzen. Kösters schreibt, nachdem er sich über vermeintlich überbordende EU-Förderung verbreitet hat: „Wer zum Beispiel einige geförderte Veröffentlichungen des ‚Kompetenzzentrums geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe KgKJH‘ prüft, stellt fest, dass Qualität oft keine Rolle mehr spielt.“

Warum diese Attacke, die ohne Beleg oder irgendeine Form der Fundierung auskommt? Der Volksstimme-Mann hätte sich schließlich auch die Mühe machen können, die eine oder andere Publikation des Kompetenzzentrums zu rezensieren, dessen Leiterin im Themenfeld immerhin promoviert ist und an Hochschulen lehrt. Und das Kompetenzzentrum, die Leiterin und die weitern Angestellten machen wichtige Arbeit: Noch immer ist es so, dass zwei Drittel der jungen Lesben und Schwulen (unter 18 Jahren) von physischer und psychischer Gewalt berichten, die sie erlebt haben. Etwa die Hälfte von ihnen nutzen problematische Strategien – etwa überhöhten Substanzkonsum –, um mit diesen Erfahrungen fertig zu werden. Etwa 20 Prozent der lesbischen und schwulen Jugendlichen und etwa 40 Prozent der trans* und inter* Jugendlichen geben an, im Alter von 18 Jahren mindestens einen Suizidversuch unternommen zu haben. Das Kompetenzzentrums geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe KgKJH leistet durch seine Bildungsarbeit hier wichtige Arbeit, die bedeutsam ist, damit Jugendlichen das Leben lebenswert erscheint. Und sei es nur, dass der richtige Flyer bei genau der richtigen Person liegen bleibt.

Alois Kösters mimt „alte Schule“ – allerdings ohne die Höflichkeiten, die seinerzeit üblich waren. Selbstverständlich sollte es sein, eine bewusst geführte Attacke zu fundieren, Belege zu bringen, sich auseinanderzusetzen. Das scheint der Magdeburger Volksstimme offenbar unnötig. Hier spottet man ohne Kenntnis und Beleg über andere – die nicht die medialen Mittel haben. Damit kommt die hässlichste Seite Sachsen-Anhalts zum Vorschein – der zum Glück eine andere gegenüber steht: unter anderem die exzellenten Medienkoffer „Geschlechtervielfalt und Vielfalt der Familienformen“, ein Projekt, das vom CDU-geführten Ministerium für Justiz und Gleichstellung vorangetrieben und vom KgKJH verantwortet wird. Auch hier hat das KgKJH, wie bei anderen Projekten, einen wissenschaftlichen Projektbeirat hinzugezogen, auch um Attacken begegnen zu können, die bei einem Anteil von 25 Prozent für die rechtsextreme AfD im Landtag leider nicht ausbleiben. Etwas Gutes hat es: So ist das Kompetenzzentrums geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe gegen allzu plumpe populistische Kritik abgesichert.

Heinz-Jürgen Voß

24. und 25. April 2020, Hochschule Merseburg, Fachkongress "Sinnlich konkret - achtsam sensibel: Sexuelle Selbstbestimmung und Prävention sexualisierter Gewalt im Fokus sexualwissenschaftlicher Forschung und Praxis"

Zum Abschluss des vom BMBF geförderten Projekts "Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung" und anlässlich der Emeritierung von Prof. Dr. Konrad Weller veranstalten wir am 24. und 25. April 2020 an der Hochschule Merseburg den Fachkongress "Sinnlich konkret - achtsam sensibel: Sexuelle Selbstbestimmung und Prävention sexualisierter Gewalt im Fokus sexualwissenschaftlicher Forschung und Praxis".

Sinnlich konkret und achtsam sensibel sollen Vertreter_innen unterschiedlicher Generationen, Denkrichtungen und Ansätze der Sexualwissenschaft und Sexuellen Bildung zusammenkommen, um zu diskutieren, zu resümieren und zu erleben. Anregende Fachvorträge von Wissenschaftler_innen aus unterschiedlichen Feldern werden eingebettet in sinnlich-konkrete und achtsam-sensible Methoden- und Materialpräsentationen sowie Workshopangebote. Wir freuen uns als Keynote-Speaker Dagmar Herzog (New York) und Elisabeth Tuider (Kassel) ankündigen zu können. Für weitere Beiträge haben u.a. Gunter Schmidt, Kurt Starke, Uwe Sielert und Ulrike Busch zugesagt. Freuen Sie sich auf diese und die weiteren Beiträge!

Das vollständige Programm und die Informationen zur Anmeldung finden Sie hier: https://www.hs-merseburg.de/skas/ .

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen - wir würden uns sehr freuen, Sie und euch zur Tagung in Merseburg begrüßen zu können!

Intersektionalität: Von der Antidiskriminierung zur befreiten Gesellschaft?

Ich freue mich, den neuen Band von Christopher Sweetapple, Salih Alexander Wolter und mir im Schmetterling-Verlag ankündigen zu können. Er erscheint im 1. Halbjahr 2020:

Sweetapple, Christopher / Voß, Heinz-Jürgen / Wolter, Salih Alexander:
Intersektionalität: Von der Antidiskriminierung zur befreiten Gesellschaft?

Stuttgart: Schmetterling-Verlag
1. Auflage 2020, ca. 15 Euro
ISBN 3-89657-167-2
Informationen beim Verlag

Cover des Buches "Intersektionalität"

Klappentext:
Intersektionalität wurde in der Bundesrepublik bereits seit den frühen 1990er-Jahren von Linken eingefordert, die als Jüdinnen, People of Color und/oder Menschen mit Behinderung ihre Situation als Mehrfachdiskriminierte im Ein-Punkt-Aktivismus etwa der Frauen- und Homobewegung nicht berücksichtigt sahen. Der deutschsprachige akademische Betrieb griff solche Kritik erst mit zehnjähriger Verspätung auf und behandelt sie zumeist als reinen Theorie-Import aus den USA. Heute erfährt der vor allem im queerfeministischen Spektrum of Color verbreitete intersektionale Ansatz, der den gängigen Rassismus thematisiert, zum Teil heftigen Widerspruch nicht nur – erwartbar – von rechts, sondern auch von links. Der Vorwurf lautet, hier werde «Identitätspolitik» zulasten eines Engagements für eine grundlegend andere, bessere Gesellschaft betrieben.
Vor diesem Hintergrund zeichnen die Autoren zunächst den Denkweg der Schwarzen US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw nach, die dem «provisorischen Konzept» Intersektionalität Ende der 1980er-Jahre nicht nur den Namen gab, sondern es in Antonio Gramscis Reflexionen zu einem westlichen Marxismus fundierte und zugleich «postmoderne» Ideen dafür politisch nutzbar machte. Daneben wird ein Überblick über das aktuelle Weiterdenken des Konzepts aus einer internationalen soziografischen Perspektive gegeben. Im zweiten Teil des Buches werden, mit zahlreichen Interview-Auszügen belegt, die Ergebnisse einer über mehrere Jahre hin bundesweit durchgeführten wissenschaftlichen Studie zu sexualisierter Gewalt gegen Jugendliche dargestellt. Hier zeigen sich überdeutlich die Notwendigkeit eines intersektionalen Ansatzes zur Prävention und der Stärkung migrantischer Selbstorganisation. In einem kurzen politischen Schlusskapitel wird das Fazit aus Theorie und Empirie gezogen: Bei der Intersektionalität geht es nicht um die Pflege von kulturellen Eigenheiten, sondern um eine gesamtgesellschaftlich ausgelegte «Untersuchung der Unterdrückung», die für linke Politik unter den heutigen Verhältnissen äußerst produktiv sein kann.

Moskau: Veranstaltung „Männer: Gesundheit und Sexualität“ („Здоровье и сексуальность мужчины“)

Moskau ist eine Reise wert! Das gilt nicht nur im Hinblick auf die Sehenswürdigkeiten, die gerade in besonderer Weise festlich beleuchtet sind und in Bezug auf Street-Art-Kunst, die man bei genauer Suche in der Stadt hier und da entdecken kann. Auch die wissenschaftliche Diskussion lohnt, wie ich gerade selbst erfahren durfte.

Der "Rote Platz" mit Kreml, Kaufhaus "Gum" und einer weihnachtlichen Eisbahn

Im Rahmen der vom Goethe-Institut und Kooperationspartner*innen organisierten und insgesamt sehr gut besuchten Veranstaltungsreihe „Mann sein“ („Быть мужчиной“) hatte ich am 5. Dezember 2019 Gelegenheit zur Veranstaltung „Männer: Gesundheit und Sexualität“ („Здоровье и сексуальность мужчины“) beizutragen und mit dem Wissenschaftler und praktisch tätigen Psychologen Dr. Dmitri Stebakow ins Gespräch zu kommen. In seinem Vortrag „Männer im Wartezimmer des Psychologen“ erläuterte Strebakow, wie sich aktuell die gesellschaftlichen Anforderungen an Männer in Russland verändern. Während es für Frauen als legitimer erscheine, bei Stress und besonderen Herausforderungen auch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei der Besuch bei einem/einer Psychologen/Psychologin noch stigmatisiert. Das gelte insbesondere im ländlichen Raum, aber auch noch in Großstädten, wie Moskau.

Street-Art in der Nähe der Metro-Station "Ба́бушкинская"

Bereits zuvor durfte ich mit einem Vortrag „Zur Pluralisierung von Männlichkeiten im Kontext sexueller Gesundheit“ eröffnen und dabei ausgehend von der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Einblicke in die aktuelle Heterogenität im Hinblick auf Männlichkeiten geben.

WHO (2011): „[Sexuelle Gesundheit] ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen. Sexuelle Gesundheit setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt.“

Dabei konnte ich auch auf Ergebnisse der PARTNER-Studien zurückgreifen, die seit den 1970er Jahren regelmäßig die Jugendsexualität in Ostdeutschland (zunächst noch DDR) erheben – und deren PARTNER-III-Studie (1990) auch Vergleichsdaten zwischen DDR, BRD und Sowjetunion (wir sprechen von 1989/90) liefert. Etwa in Bezug auf „Kinder als Lebenswert“ und „Arbeit als Lebenswert“ ergeben sich interessante Vergleichsdaten, ebenso gilt das für die sexuelle Zufriedenheit (siehe die Foliensätze S.27-34: Deutsch / Russisch). Davon ausgehend ließ sich mit den 2013 publizierten Ergebnissen der PARTNER-4-Studie die Pluralisierung von Lebensweisen nachweisen, wenn auch hier ohne russische Vergleichsdaten. Daran schloss ich im Vortrag Fragen zur Verbesserung der Situation von LGBTI in Deutschland an.

Das Podium bei der Veranstaltung "Männer: gesundheit und Sexualität" des Goethe-Instituts in Moskau

Anschließend ergab sich eine gute Diskussion, in die sich auch zahlreiche der insgesamt 150 Teilnehmenden einbrachten. Dabei ging es um die Verbesserung der psychologischen Beratung für Männer, ob und wie auch cis Frauen als Täterinnen im Hinblick auf sexualisierte Gewalt in Deutschland im Blick seien und ob Sexualität sich stets klar als Identität ausprägen müsse. Schließlich wurde thematisiert, dass Konversionstherapien im Hinblick auf Homosexualität schädlich seien – und in Deutschland derzeit zurecht bei Minderjährigen verboten würden – und wie wichtig Sexualpädagogik / Sexuelle Bildung in der Schule ist, um Selbstbestimmung zu ermöglichen und Übergriffe zu verhindern (oder zu verringern). Moderiert wurde die Diskussion gewandt von Maxim Semeljak, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Men’s Health“.

Die Veranstaltung war eine gute Erfahrung und weckt Lust, die aktuell laufende PARTNER-5-Studie auch durch eine Vergleichsstudie zu Russland zu ergänzen. Vielleicht ergibt sich – jetzt oder auch später – eine entsprechende Kooperation!

Heinz-Jürgen Voß

Am 1. Februar 2020 findet im Pavillon Hannover (Raschplatz, gleich hinterm Hauptbahnhof) das Symposium „Feministische Friedensarbeit: Reflexion. Organisation. Thema – ‚Gender‘ und ‚Intersektionalität‘ als Chancen der antimilitaristischen und pazifistischen Arbeit“ statt.

Seit Jahren fordern Feminist*innen in der Friedensbewegung eine substantielle Arbeit der Friedensbewegung zu Geschlechterfragen im Verhältnis zu Militarismus, aber auch der eigenen Friedensarbeit.

Ebenfalls lange fordern queere People of Colour-Aktivist*innen (PoC) die Friedensbewegung in der BRD auf, die Arbeit intersektional aufzustellen, also die Verwobenheit von Herrschaftsverhältnissen im Blick zu haben.

Die Zeit ist (schon lange) reif, dass diese Fragen auch in einer emanzipatorischen, bewegungsnahen Friedensarbeit gestellt werden. Dazu laden wir ein:

 Ablauf:  1.Februar 2020, 9:30- 18:00

  • Frieden und Gender. Möglichkeiten und Herausforderungen von Ansätzen in ihrer praktischen Umsetzung (Referentin Gesa Bent, Wendland)
  • Kolonialismus und Rassismus als Grundlagen deutscher und europäischer Expansionspolitik (Referentin Katharina Oguntoye, Berlin)
  • „Intersektionalität“ – was soll das denn? Von race, class, gender – eine Unterdrückungsgeschichte und ihre emanzipatorischen Gegenentwürfe (Referentin Joanna Mechnich, Hannover)

Inhaltliche Workshops werden am Nachmittag das Thema vertiefen und aus den Ebenen Reflexion, Organisation und Thema beleuchten.

Das komplette Programm findet sich ausführlich unter http://friedensbertha.de

Anmeldung entweder per Mail (anmeldung@friedensbertha.de) oder über die Homepage.

Flyer und Plakate können ebenfalls über die Mailadresse angefordert werden.

Unter dem Projektnamen bertha – Werkstatt für intersektionale Friedensarbeit haben sich Aktive aus der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) zusammengefunden. Die Veranstaltung wird unterstützt u.a. vom Bund für Soziale Verteidigung, der KURVE Wustrow, der DFG-VK, der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen, sowie der Stiftung Leben und Umwelt Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen

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