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GID: Biologisierung der Armut

GID_Titel220Sehr lesenswert ist die aktuelle Schwerpunktausgabe "Biologisierung der Armut: Genetik und soziale Ungleichheit" des Gen-ethischen Informationsdienstes GID. Insbesondere zu empfehlen sind der Beitrag "Der Ausschluss der Armen" (von Friederike Habermann) und "'Arbeitsscheu' und 'asozial'" (von Dirk Stegemann). Habermann zeichnet nach, wie unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen immer mehr Menschen ins Abseits gedrängt werden und ihre Situation zugleich naturalisiert wird. Spezifische Verhaltensempfehlungen sowohl für die Prekarisierten als auch für die Privilegierten zeigt Habermann als Herrschaftsmechanismen auf.

Dirk Stegemann arbeitet nach, wie in der deutschen Geschichte und aktuell Menschen als 'asozial' diffamiert wurden und werden. Er erarbeitet prägnant die Verfolgungsgeschichte in der Nazi-Zeit und die mangelnde Aufarbeitung der Verbrechen nach 1945 - eine Anerkennung der Verfolgung von so genannten 'Asozialen' fehle bis heute. Gleichzeitig erläutert Stegemann, wie erst mit dem kapitalismus - verbunden mit der 'protestantischen Arbeitsethik' - überhaupt ein Denken aufkommt, dass Arbeiten der Zweck des Menschseins sei. Stegemann schreibt: "Mit der Industrialisierung [...] setzte sich das von der Kirche und insbesondere von den Calvinist_innen propagierte Arbeitsethos durch, nach dem nicht essen sollte, wer nicht arbeitet. War 'Arbeit' in der Antike zum Teil regelrecht verpönt, wurde sie mit der Reformation zur 'Berufung' und Pflicht. [...] Erst dieses Arbeitsethos ermöglichte es, die gesamte Bevölkerung, ihre Lebensweise und ihren Arbeitsrhythmus den Anforderungen der kapitalistischen Produktion zu unterwerfen, und es bildet bis heute die Grundlage der kapitalistischen Ökonomie." (S.17)

Allein der Beitrag von Jörg Niewöhner zur Epigenetik geht, abseits der materiellen Grundlagen, Zukünften epigenetischer Forschung nach. Er betrachtet dabei allein die aktuelle Epigenetik und argumentiert gerade nicht auch aus ihrer Historie heraus. Conrad Hall Waddington prägte den Begriff und das Forschungsgebiet bereits zu Beginn der 1940er Jahre und fokussierte sämtliche Bestandteile der Zelle außer der DNA, die an der Ausbildung von Merkmalen Anteil haben könnten. Er ging damit von Prozesshaftigkeit und einer Vielfalt von wirkenden Faktoren aus. Die heutige Epigenetik untersucht hingegen nur noch jene Faktoren, die direkt an der DNA angreifen - man muss also von einer Genetisierung der Epigenetik sprechen. Diese Entwicklung ist auch der ganz materiellen Grundlage geschuldet, dass die Genetik über Jahrzehnte massiv gefördert wurde. Nach dem Scheitern genetischer Erklärungen - u.a. durch die 'ernüchternden' Ergebnisse des Humangenomprojekts - suchten Genetiker zunehmend weitere Arbeitsfelder, nutzten und bedingten den Hype der Epigenetik (vgl. auch hier). Wie bei der Dominanz 'genetischer Expertise', mit der Epigenetik grundlegend andere Forschungsfragen und -ergebnisse als in der Genetik möglich werden sollten, erschließt sich nicht.

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