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Offener Brief zum Leitartikel in der Zeitschrift des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Hr. Dr. Mannke, sehr geehrte Fr. Seltmann-Kuke,

[Hier als pdf-Datei.]

mit Bestürzung habe ich Ihr Statement (Leitartikel) in der aktuellen Zeitschrift des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt gelesen. Ich möchte mich dazu in diesem Brief auch daher an Sie wenden, weil Ihr Verband in meinem Wirkungsort seinen Sitz hat – und weil ich Sie bei unseren Veranstaltungen zu Toleranz, Akzeptanz und gegen Rassismus noch nicht kennenlernen durfte.

Ihr Beitrag nutzt nicht nur äußerst problematische Begriffe wie „Invasion“ und „ungehemmte[] Einwanderungsströme“ in Bezug auf Menschen, sondern verwendet – fast schon als prägnantes Beispiel für Lehrbücher – koloniale und rassistische Ressentiments. So ist es ein altes Motiv, Rassismus über Sexualität zu verhandeln. Einmal wurden und werden Musliminnen und Muslime von Weißen als bedrohlich imaginiert, einmal gelten sie als begehrenswert. Beide Facetten treten in ihrem Beitrag hervor, wenn Sie von „sicher oft attraktiven muslimischen Männern“ schreiben und ihnen gleichzeitig zuschreiben, besonders patriarchal und damit bedrohlich zu sein. Für Ihre aktuelle Lektüre mit Blick auf die Verschränkung von Rassismus und Geschlecht/Sexualität kann ich sehr empfehlen: „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule‘“ (hg. von Koray Yılmaz-Günay) und „Schwarze Frau, weiße Herrin“ (von Martha Mamozai).

Mit Ihrer Argumentation machen Sie zweierlei: 1) Sie bauen Stereotype auf, konstruieren eine Gruppe und übertragen dann Ihre Stereotype auf eine Gruppe. Damit machen Sie es unmöglich, dass Menschen individuell sprechen und individuell wahrgenommen werden können. 2) Sie konstruieren eine vermeintlich offene und nicht-patriarchale deutsche Mehrheitsgesellschaft – und dass vor einem Hintergrund, in dem patriarchale Diskriminierungen und Ausschlüsse gerade in der deutschen Gesellschaft offensichtlich sind. Sehen wir etwa auf die Wissenschaften und dort die Professuren, so haben wir dort noch immer nur einen Frauenanteil von etwa 20%, bei den hoch dotierten Professuren ist er noch einmal wesentlich geringer. In anderen Ländern sieht das ganz anders aus – so liegt der Frauenanteil an Professuren in der Türkei bei knapp 30%, im Iran immerhin bei um die 25%. (Vgl. u.a. „Frauenstudium und Hochschulkarrieren in der Türkei“, von Çiğdem Borchers.) Dafür gibt es unterschiedliche Hintergründe. Aber daher ist es wichtig, dass Sie tatsächlich patriarchale Verhältnisse in den Blick nehmen, anstatt sie rassistisch auszulagern. In Bezug auf das Geschlechterverhältnis geht es dabei einerseits um Diskriminierung, andererseits um Gewalt: So ist sexualisierte Gewalt in der Bundesrepublik noch immer gegen Mädchen und Frauen häufig. Als Leitung zu einem Forschungsprojekt zu sexualisierter Gewalt kann ich Ihnen gern weitere Auskunft geben. Gleichzeitig würde es mich auch hier freuen, wenn Sie gegen die sexualisierte Gewalt in der deutschen Gesellschaft streiten würden.

Neben der leider sehr rassistischen Argumentation, die Sie wählen und offenbar nicht als solche erkennen, empfinde ich es ebenfalls als perfide, wenn Sie die Wende 1989 als Argument anbringen (vgl. Spiegel-Artikel, 6./7.11.2015), um Ihre Vorannahmen nicht einmal rechtfertigen zu müssen. 1989 gingen engagierte Menschen auf die Straße, um politische Änderungen und ein wirtschaftlich besseres Leben für sich erreichen zu wollen. Ob die Erwartungen aufgegangen sind, entscheidet jede_r für sich. Aber die Menschen stritten gerade für Demokratie, für Menschlichkeit und Miteinander und gegen Ängste. Gleichzeitig bildete sich schon damals in Teilen der weißen Bevölkerung Pogromstimmung/Terrorismus heraus, der Menschen bedrohte. Viele Menschen wurden ermordet. Und so lehrt uns die Wende, dass gerade nicht alles ‚im Eifer des Gefechts‘ gesagt werden sollte und dass auf jeden Fall Diskussion erforderlich ist. Mit dem Argument, sich ‚nicht den Mund verbieten lassen zu wollen‘ – wie Sie es im Interview mit dem Spiegel äußerten – stellen Sie sich gerade nicht der Diskussion, sondern schließen sich ein. Das ist besonders schwierig, auch weil Sie den „Leitartikel“ nicht als Person schrieben, sondern in einer Leitungsfunktion des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt. Ohne Diskussion wird demokratische Kultur und Aushandlung nicht möglich sein. Und daher möchte ich gern anbieten, dass ich Ihnen meine Position weiter deutlich unterlege. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass Sie mit Ihrem Text – und auch den gewählten Metaphern – Ängste bei Personen der Mehrheitsgesellschaft erzeugen. Vor dem Hintergrund der nun wieder aktuellen Pogromstimmung, des Terrorismus aus Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft spielen Sie – sicherlich ungewollt – mit dem Feuer und mit Menschenleben.

Schließen möchte ich mit einem Blick auf die Wende, der deutlich macht, dass es gerade darum gehen muss, dass alle Menschen Gehör finden. Denn die Wende-Erinnerungen von Schwarzen und jüdischen Menschen taucht in den Rückblicken auf die deutsch-deutsche Vereinigung nicht auf. May Ayim, Westberliner Logopädin ghanaischer Herkunft und deutscher Muttersprache beschreibt ihre Erfahrungen im Jahr 1990:

„Seit 1984 lebe und arbeite ich in Westberlin und bin in dieser Stadt mehr zu Hause als irgendwo sonst. Dank meines nicht ausgeprägten Orientierungssinnes verlaufe ich mich jeden Tag in den Straßen, aber dennoch, im Vergleich zu den Städten, in denen Ich bisher gewohnt und studiert habe, war Berlin stets ein Ort, an dem ich mich recht geborgen fühlte. Meine Hautfarbe ist im Straßenbild kein außergewöhnlicher Blickfang, ich werde hier nicht jeden Tag für mein gutes Deutsch gelobt und nur selten bin ich in Seminaren, bei Veranstaltungen oder Parties die einzige Schwarze inmitten einer unbestimmten Zahl von Weißen. Ich muss mich zwar häufig, aber nicht ständig erklären. Ich erinnere mich an frühere Zeiten, in kleinen westdeutschen Städten, wo ich oft das Gefühl hatte, unter ständiger Beobachtung zu stehen, an stets forschenden und fragenden Blicken zu erkranken. […]
In den ersten Tagen nach dem 9. November 1989 bemerkte ich, dass kaum ImmigrantInnen und Schwarze Deutsche im Stadtbild zu sehen waren, zumindest nur selten solche mit dunkler Hautfarbe. Ich fragte mich, wie viele Jüdinnen (nicht) auf der Straße waren. Ein paar Afro-Deutsche, die ich im Jahr zuvor in Ostberlin kennengelernt hatte, liefen mir zufällig über den Weg und wir freuten uns, nun mehr Begegnungsmöglichkeiten zu haben. Ich war allein unterwegs, wollte ein bisschen von der allgemeinen Begeisterung einatmen, den historischen Moment spüren und meine zurückhaltende Freude teilen. Zurückhaltend deshalb, weil ich von den bevorstehenden Verschärfungen in der Gesetzgebung für ImmigrantInnen und Zufluchtsuchende gehört hatte. Ebenso wie andere Schwarze Deutsche und Immigrantlnnen wusste ich, dass selbst ein deutscher Pass keine Einladungskarte zu den Ost-West-Feierlichkeiten darstellte. Wir spürten, dass mit der bevorstehenden innerdeutschen Vereinigung eine zunehmende Abgrenzung nach außen einhergehen würde – ein Außen, das uns einschließen würde. Unsere Beteiligung am Fest war nicht gefragt.
Das neue «Wir» in – wie es Kanzler Kohl zu formulieren beliebt – «diesem unseren Land» hatte und hat keinen Platz für alle.
«Hau ab du […], hast du kein Zuhause?»
Zum ersten Mal, seit ich in Berlin lebte, musste ich mich nun beinahe täglich gegen unverblümte Beleidigungen, feindliche Blicke und/oder offen rassistische Diffamierungen zur Wehr setzen. Ich begann wieder, beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln nach den Gesichtern Schwarzer Menschen Ausschau zu halten. Eine Freundin hielt in der S-Bahn ihre Afrodeutsche Tochter auf dem Schoß, als sie zu hören bekam: «Solche wie euch brauchen wir jetzt nicht mehr, wir sind hier schon selber mehr als genug!» Ein zehnjähriger afrikanischer Junge wurde aus der vollen U-Bahn auf den Bahnsteig hinaus gestoßen, um einem weißen Deutschen Platz zu machen ...“ (Ayim, May (2012 [zuerst veröffentlicht 1997]): Das Jahr 1990: Heimat und Einheit aus afro-deutscher Perspektive. In: Piesche, Peggy (Hg.): Euer Schweigen schützt euch nicht: Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland. Berlin: Orlanda Frauenverlag, S. 53–68, Zitat: S.55f.)

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß

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