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„Keine biologische [...] Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt.“ (Beauvoir, "Das andere Geschlecht", 2008 [1949]: 334)

Dieses Zitat aus "Das andere Geschlecht" ist vielen bekannt. Beauvoir wendet sich in diesem Buch deutlich gegen die Vorannahme, dass es "natürliche", biologische Geschlechter gebe. Sie führt aus, dass es aktuell in dieser Gesellschaft "Frauen" und "Männer" gibt, wobei "Frauen" gegenüber "Männern" benachteiligt sind, diskriminiert werden und in der patriarchalisch organisierten Gesellschaft Gewalt erfahren. Deutlich wird, dass es notwendig ist, etwas gegen diese Diskriminierungen und die Gewalt zu tun! Gleichzeitig macht Beauvoir klar, dass nur weil aktuell in dieser Gesellschaft zwei Geschlechter unterschieden werden, man diese nicht zu "Ewigkeiten", sie nicht als "natürlich" erklären dürfe. Dieser Punkt ist gerade in der deutschsprachigen Rezeption oft runtergefallen - aber es sind beide Perspektiven notwendig, um konsequent und dauerhaft Diskriminierungen und Gewalt, die in der Geschichte westlicher Gesellschaften ja so stark mit Geschlecht verknüpft sind, zu überwinden.

Beauvoir hebt in einem Interview aus dem Jahr 1976 noch einmal deutlich hervor: Die „‚weiblichen‘ Qualitäten sind also nicht angeboren, sondern resultieren aus unserer Unterdrückung. Aber wir könnten sie auch nach der Befreiung bewahren – und die Männer müssten sie erlernen. Aber man darf nicht ins andere Extrem fallen: sagen, die Frau habe eine besondere Erdverbundenheit, habe den Rhythmus des Mondes und der Ebbe und Flut im Blut und all dieses Zeug … Sie habe mehr Seele, sei von Natur aus weniger destruktiv et cetera. Nein! Es ist etwas dran, aber das ist nicht unsere Natur, sondern das Resultat unserer Lebensbedingungen. Die so ‚weiblichen‘ kleinen Mädchen sind fabriziert und nicht geboren! Zahlreiche Untersuchungen beweisen es! Eine Frau hat a priori keinen besonderen Wert, nur weil sie Frau ist! Das wäre finsterster Biologismus und steht in krassem Gegensatz zu allem, was ich denke.“ (Beauvoir in: "Simone de Beauvoir heute. Gespräche aus zehn Jahren." 1986 [1983]: 77)

In diesem Sinne sei Beauvoirs "Das andere Geschlecht" hier einmal allen wärmstens zur Lektüre empfohlen - gerade nach den neuerlichen Anregungen von Judith Butler nach 1990 werden einige Passagen neu lesbar und verständlicher.

Film "Doktorspiele": Welches Geschlecht hat 'Mutti' Natur?

Bereits etwas her ist eine schöne Veranstaltung der Homoelektrik Leipzig. Dabei herausgekommen und mit zum Einsatz kam ein eigens gedrehter Film, der sich kritisch mit Geschlecht und Biologie auseinandersetzt. Der Film steht kostenlos zum Download bereit und eignet sich bestens für den Einsatz im Schulunterricht und in der Lehre im Studium. Es lässt sich mit ihm anschaulich die Diskussion eröffnen, wie Geschlecht gemacht wird.

"Doktorspiele" oder: "Welches Geschlecht hat Mutti Natur?" --> zur Download-Seite

„Es liegt sowohl Wahrheit wie Humor in Lourbets […] Vermutung, dass, wenn man die Beschaffenheit der Genitalzellen [Eizelle, Samenzelle, Anm. HV] umkehrte, es für die Anhänger dieser Entwickelungslehre ein leichtes sein würde, die Kennzeichen für das Geschlecht so abzuleiten, wie sie sie jetzt für den umgekehrten Fall angeben. Es würde dann die weibliche Zelle, kleiner und beweglicher als die männliche, das Weib mit ihrer geringeren Körpergrösse, ihrem erregbaren Nervensystem und ihrer Unfähigkeit zu angestrengter Aufmerksam-keit verkörpern, während die männliche Zelle, gross, ruhig und auf sich selbst beruhend, die Grösse und Kraft, das unparteiische Denken und die leichte Kon-zentration der Aufmerksamkeit des Mannes darstellen würde.“
(Thompson, H. B. [1905, engl. 1903]: Vergleichende Psychologie der Geschlechter. Experimentelle Untersuchungen der normalen Geistesfähigkeiten bei Mann und Weib. Autorisierte Übersetzung von J. E. Kötscher. A. Stuber’s Verlag (C. Kabitzsch), Würzburg.)

Thompson, die für ihre hervorragende Dissertation ausgezeichnet wurde, bringt hier auf den Punkt (Lourbet tat dies keineswegs so deutlich), wie sich androzentrische Sicht in unsere Beschreibungsweisen einprägt. Oft wurde die Eizelle als passiv beschrieben, während die Entwicklung von der Samenzelle ausgehe - Thompson stellt dar, dass auch im umgekehrten Fall der männliche Beitrag aufgewertet worden wäre.

Interessant ist, dass noch im 19. Jh. niemand "Eizelle" oder "Samenzelle" überhaupt als Begriffe genutzt hätte, vielmehr wurde sogar oft Ähnlichkeit und Gemeinsamkeit der Vererbungsbeiträge herausgestellt. Die aktuelle sehr differente Beschreibung verstellt dabei den Blick - gerade darauf, wie Embryonalentwicklung erfolgt.

Das hier nur als kurzer Zugang und Einladung zur Beschäftigung; einführend empfohlen sei: "The Egg and the Sperm: How Science Has Constructed a Romance Based on Stereotypical Male-Female Roles", von E. Martin (1991) - Online, 5Mb

Aktuell sei auf den lesenswerten Artikel "Der Code des linken Geistes" in der Zeitschrift "der Freitag" (gedruckte Ausgabe vom 28.10.2010; Nr. 43, S.18) hingewiesen. Dort wird einmal mehr dargestellt, dass mit dem Humangenomprojekt 2001 wesentliche Annahmen der Genetik korrigiert werden mussten. Mit der sich nun zeigenden geringen Anzahl von "Genen" beim Menschen erscheint es unwahrscheilich, dass weitreichende Merkmale auf Erbsubstanz zurückzuführen sind. Stattdessen stellen sich Umwelt und Sozialisation als die tatsächlich bedeutsamen Faktoren dar.


(Abbildungsmotiv mit freundlicher Genehmigung von http://asta-bochum.de/gug/ )

Veranstaltungsreihe mit den folgenden Veranstaltungen:
Mittwoch, 10.11.2010: „Kriegsursache Männlichkeit“ mit Andreas Heilmann (Institut für Sozialwissenschaften der HU Berlin)
Freitag, 26.11.2010: „Gender trouble in der Bundeswehr“ mit Dr. Cordula Dittmer (Zentrum für Konfliktforschung, Universität Marburg)
Mittwoch, 12.01.2011 -- Fällt aus!! Neuer Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben -- : „Sexuelle Gewalt in militärischen Konflikten. Männer und Frauen als Täter / Täterinnen und Opfer“ mit Dr. Regina Mühlhäuser

Veranstaltungsort jeweils: Pavillon (Hannover, Lister Meile 4)
Beginn jeweils: 19.00 Uhr

Ausführliche und aktuelle Informationen auf: www.frieden-hannover.de.

Der Band „Gemachte Differenz“ muss unbedingter Bestandteil jedes sozial- und kulturwissenschaftlichen sowie biologischen und medizinischen Studiums werden. Historisch, sozialwissenschaftlich und biologisch gleichermaßen fundiert, werden in dem Buch Kontinuität und Neuetablierung rassistischer Konzepte in Biologie und Medizin in den Blick gerückt. Auch BiologInnen und MedizinerInnen werden sich den Kritiken auf Grund der auch biologisch und medizinisch fachlich sehr guten Qualität der Beiträge in Zukunft nicht entziehen können.

Weiter gehts mit der Rezension bei literaturkritik.de: hier

AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften (Hg.)
Gemachte Differenz: Kontinuitäten biologischer »Rasse«-Konzepte
ISBN: 978-3-89771-475-5
Preis: 19.80 Euro
Erschienen bei: Unrast-Verlag

Da gerade um die Evolutionstheorien oft mehr Glauben als Wissen besteht, sei das folgende Essay wärmstens empfohlen: TAZ-Beitrag. Insbesondere sei auch auf das kleine Buch "Charles Darwin zur Einführung" von Julia Voss verwiesen, mit dem man einen nüchternen Zugang zu Charles Darwins Betrachtungen gewinnt. Nicht umsonst warfen Antifeministen den Bestrebungen zur Frauenemanzipation unter anderem "darwinistische Schwärmerei" vor. Darwins Theorien waren in verschiedene Richtungen anschlussfähig... Deshalb: Einfach auch die Schriften Darwins mal kritisch selber lesen!

Unter dem Titel "Was Mädchen zu Mädchen und Jungs zu Jungs macht" veröffentlichte die Zeitschrift DIE ZEIT im Juni dieses Jahres einen Beitrag zur Neurobiologie von Geschlecht: "Rosa Hirn und blaues Hirn? Nein, sagt die Neurobiologin Lise Eliot. Rollenbilder und das Verhalten der Eltern machen den Unterschied – mit Folgen für die Entwicklung." ...und hier gehts auf zeit.de weiter.

Eliot hat nun auch ein Buch herausgegeben: "Wie verschieden sind sie?: Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen"; in der Kurbeschreibung heißt es: "Es gibt sie, die Unterschiede zwischen den Gehirnen von neugeborenen Mädchen und Jungen - sie sind jedoch verschwindend gering. Erst soziale Einflüsse aller Art verstärken sie derart massiv, dass die altbekannten Vorurteile über geschlechterspezifische Stärken und Schwächen entstehen. Lise Eliot zeigt, dass wir den Unterschied im Interesse unserer Kinder nicht zu einem großen werden lassen sollten, und liefert damit einen neuen Ausblick auf das Verhältnis der Geschlechter...."

Weitere gute Arbeiten zu Gehirn und Geschlecht sind:
Jordan/Quaiser-Pohl: "Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken - und Männer ihnen Recht geben. Über Schwächen, die gar keine sind." (ISBN 3423344008; gebraucht ab 4 EUR) und
Schmitz: "Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn? Über den Geschlechterdeterminismus in der Hirnforschung und Ansätze zu seiner Dekonstruktion" (Online).

"Früher galten sie als typisch weibliche Hormone. Nun sind sie ein Geheimtip auch für den alternden Adonis" schrieb "ZEIT Wissen" vor einiger Zeit. Grund genug, diesen Artikel hier zu verlinken, schließlich steht schon länger fest, dass Östrogene als auch Testosterone bei Frauen und Männern vorkommen und jeweils wichtige Bedeutungen haben - nur in das "populäre Wissen" will das nicht so richtig rein...

Zum Artikel:
Östrogene sind auch Männersache

Weitere lesenswerte Beiträge zum Thema:
Ebeling, K. S. (2006b): Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier. Zur Geschichte der Geschlechtshormone. In: Ebeling, K. S., Schmitz, S. (Hrsg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften – Einführung in ein komplexes Wechselspiel. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S.235-246.
Oudshoorn, N. (1994): Beyond the natural body: An archeology of sex hormones. Routledge, London, New York.
Sengoopta, C. (2006): The Most Secret Quintessence of Life. Sex, Glands, and Hormones, 1850-1950. The University of Chicago Press, Chicago, London.

AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften (Hrsg.): "Gemachte Differenz - Kontinuitäten biologischer »Rasse«-Konzepte", unrast-Verlag, Münster, 2009. ISBN: 978-3897714755, Preis: 19,80 EUR.

In dem Buch wird sowohl Rassismus in der Geschichte der Biologie problematisiert, als auch solcher der aktuell noch vorhanden ist und teilweise sogar wieder auflebt. Es sind ausnahmslos alle Beiträge sehr lesenswert - und sie sind biologisch und sozialwissenschaftlich sehr gut fundiert. In diesem Sinne sei das Buch empfohlen - und es beugt in jedem Fall solchen rassistischen Ausführungen wie denen von Sarrazin vor!

Weitere Informationen finden sich auf der Verlagsseite:
http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,283,13.html

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