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Gern weise ich auf das Interview in der Siegessäule hin, in dem die Zeitschrift rechte Entwicklungen insebesondere in der schwulen Community in den Fokus rückt. Am Ende sage ich mit Blick auf Handlungsmöglichkeiten:

"Durch Streiten und gesetzliche Entscheidungen hat sich die Situation von Schwulen und Lesben verbessert, gerade wenn sie nicht antisemitisch, rassistisch oder transfeindlich diskriminiert sind – sie, auch ich, können dieses Privileg nutzen, um Marginalisierte zu unterstützen, anstatt sich darauf einzuschießen, die allerbesten und allerbürgerlichsten nationalen Deutschen zu werden. Anstatt uns zu bemitleiden und von „Sprechverboten“ zu schwadronieren, könnten wir weißen Schwule uns reflektieren und gucken, wo wir selbst diskriminieren und verletzen! Es geht darum, eigene Vorurteile zu bearbeiten und an den Sichtweisen anderer interessiert zu sein. Ja, vielleicht ist es das: Interessiert sein, lernen zuzuhören – das ist es, was uns alle weiterbringen kann. Zum Beispiel freue ich mich persönlich darauf, bei der Veranstaltung in Berlin-Weißensee die künstlerischen Arbeiten von Rüzgâr Buşki und Tal Iungman sehen zu können und darüber ins Gespräch zu kommen." Das ganze Interview gibt es hier.

Auch wenn der Begriff „Heteronormativität“ bereits 1991 formuliert wurde (vgl. auch Gender-Glossar), lassen sich weiterhin bemerkenswerte und aktuelle Reflexionen hinzusetzen, wie der vorliegende Band zeigt. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Warner hat seinerzeit den Begriff geprägt, um (Hetero-)Sexualität als „normatives gesellschaftliches Strukturprinzip“ (S. 90; vgl. Gender-Glossar) zu beschreiben und zu untersuchen. Es geht bei „Heteronormativität“ also um den normativen Charakter von Heterosexualität in Gesellschaft, nicht um die Ablehnung von Heterosexualität an sich (wie es mitunter in rechtspopulistischen Zuschreibungen der wissenschaftlichen Theoriebildung unterstellt wird). Der Begriff „Homonormativität“ in der heute gebräuchlichen Form wurde deutlich später – 2002 – von Lisa Duggan geprägt, um neuere Politiken zu beschreiben, mit denen bisher gesellschaftlich stigmatisierte homosexuelle Lebensweisen in die klassischen heteronormativen Bahnen gelenkt werden. Ehe, Kinder, Hausbesitz, Monogamie und das "Recht", im Militär mitzutun, würden nun auch dort Standard und Lesben und Schwule erhielten gesellschaftliche Integrationsangebote, wenn sie sich an der Heteronorm und den klassischen gesellschaftlichen Idealen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ orientierten.

Der 2016 im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienene Sammelband „Über Heteronormativität“, herausgegeben von Maria Teresa Herrera Vivar, Petra Rostock, Uta Schirmer und Karen Wagels, liefert nun ein Upgrade des Analysestandes zu Heteronormativität, den Martin Mlinarić in seinem Überblicksbeitrag zur heteronormativen Situation in Serbien und Kroatien treffend charakterisiert:

„Doch handelt es sich bei dem zeitgenössischen Dispositiv wirklich nur um ein Update von Heteronormativität? In der Selbstwahrnehmung des globalen Nordens erscheint es eher als Upgrade eines heteronormativen Betriebssystems respektive Dispositivs als eine höherwertige Konfiguration, die nicht nur einfach aktualisiert, sondern auf eine ganz neue, überlegenere Stufe gehoben wurde und sich als deutlich effizienter, ‚besser‘ und ‚gerechter‘ als ältere Versionen erweist.“ (S. 215, Hervorhebungen im Original)

Dieses Upgrade werde gerade dadurch erreicht, dass das im globalen Norden etablierte "heteronormative Betriebssystem" über den punktuellen, leicht rückholbaren Einschluss einiger homosexueller Lebensstile gegenüber den normativen Systemen im globalen Süden als „überlegen“ präsentiert werde: Continue reading “Gesellschaftlich findet ein Heteronormativitäts-Upgrade statt… Rezension von “Über Heteronormativität” (hg. von Herrera Vivar/Rostock/Schirmer/Wagels)” »

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PSY-Cetin-2549-v03.indd[aktualisiert: 25.6.2017]

Das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ von Zülfukar Çetin und mir soll zur Diskussion anregen. Von daher freuen wir uns sehr über Besprechungen. Die folgende Seite bietet eine Übersicht - sie wird in loser Folge aktualisiert.

Mit der Besprechung "Warum schwule Sichtbarkeit nicht grundsätzlich gut ist" macht Ulrike Kümel den Auftakt. Ihre auf dem Portal Queer.de erschienene Besprechung kommt zum Fazit: "Ich finde das Buch wichtig. Nach dem Lesen wissen wir, dass schwule Emanzipation viel mit der Unterdrückung anderer zu tun hat. "Homosexualität" als Konzept und Identität hat viel mit Rassismus und Kolonialismus zu tun – und damit auch Anteil an Gewalt gegen Menschen. Das ist wichtig zu wissen, damit heute sensibel gestritten werden kann." Die ausführliche Rezension findet sich hier. Insbesondere auf der Facebookseite von Queer.de schloss sich direkt nach der Veröffentlichung eine intensive Diskussion an.

Im Katalog der schwulen Buchläden "Der Dicke" wird das Buch prominent hervorgehoben. Dort heißt es zu "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität": "Noch heute gelten 'Sichtbarkeit' und 'Identität' weithin als Schlüsselbegriffe politischer Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt. Die Autoren des vorliegenden Bandes hinterfragen das Bestehen einer einheitlichen schwulen Identität aus unterschiedlichen Perspektiven: geschichtlich, wissenschaftstheoretisch und mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Homonationalismus und rassistische Gentrifizierung." Der Dicke online

Auch Transgenderradio (Berlin) empfiehlt das Buch - in der Oktober-Sendung (2016) - den Zuörenden zur Lektüre. zu Transgenderradio

In der Zeitschrift "analyse & kritik" (November 2016) hat Lisa Krall das Buch besprochen. Krall schreibt: "Çetin und Voß setzen sich in ihrem Band kritisch mit der Identitätskategorie »des Homosexuellen« und der mit ihr verbundenen Emanzipationsbewegung auseinander und diskutieren beides als Bestandteile westlicher Hegemonie. Im dicht argumentierten ersten Teil bereiten sie den Boden für zwei weitere Kapitel, die sich einmal auf »Homosexualität« in Naturwissenschaften und in Pädagogik konzentrieren (Voß) und zweitens Homo-/Queerpolitiken sowie Homonationalismus in Zusammenhang mit Gentrifizierung setzen (Çetin). Sichtbarkeit und Identität werden dabei in unterschiedlichen Kontexten betrachtet: Anhand historischer und aktueller Beispiele aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft machen sie die Verschränkungen der Kategorie »Homosexualität« mit Kolonialismus und Rassismus nachvollziehbar und hinterfragen die Relevanz starrer Identitätskategorien. Sie zeigen, dass Kategorisierungen, die der Sichtbarmachung und Anerkennung dienen, nicht unschuldig, sondern Teil von Herrschaftsverhältnissen sind, da sie nur bestimmte Personen einschließen und in diesem Fall ausschließen, wer nicht weiß, europäisch, bürgerlich oder männlich ist. Ihre intersektionalen Analyse bringt nicht nur Gegenwart und Vergangenheit zusammen, sondern auch das, was gewöhnlich in Theorie und Praxis unterteilt wird. So gelingt es an gesellschaftliche Phänomene und aktuelle Herausforderungen sowie an theoretische Auseinandersetzungen anzuknüpfen und diese um wichtige Perspektiven zu erweitern." zur Zeitschrift/Rezension

"Du musst es lesen!" heißt es in einer Rezension von Joachim Schönert im "Lustblättchen" (Wiesbaden und Rhein-Main) vom November 2016. Und weiter: "Das Buch ist aktuell in seinen wissenschaftlichen Analysen und Beispielen und äußerst hilfreich beim Erkennen von Zusammenhängen." zur Zeitschrift

In der Zeitschrift Siegessäule diskutiert Roberto Manteufel das Buch "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven" in seiner Kolumne "Seitenblick". Er merkt unter anderem an: "In ihrem Buch gehen [Çetin und Voss] ans Eingemachte. Sie skizzieren, wie das Wort 'homosexuell' allein schon durch seine historischen Ursprünge rassistisch gefärbt wurde. 'Echte Homosexualität' fände sich zum Beispiel nur bei reichen weißen Nordeuropäern, konstatierte Hirschfeld. Ursprünge, die bis heute ihre Wellen schlagen. Denn – um mal so richtig die Ironiekeule zu schwingen – wir als weiße, aufgeklärte Schwule wissen schon, wie es geht. Also in Sachen Toleranz und Miteinander und überhaupt. Dagegen sehen zum Beispiel die Muslime so richtig alt aus. [...] Klingt doch einleuchtend. Nur stimmt das wirklich? Erschreckend klar analysieren Çetin und Voss, wie hinter solchen Gedankengängen ein neues Wir-Verständnis steht, das auch hervorragend als politisches Kampfinstrument dient. Denn Wir, das sind inzwischen auch wir Homos. Wir sind die treuen Demokraten, die gebildet sind und euch den Wohlstand bringen, wenn ihr es nur richtig macht. Vertraut uns bitte, denn was wahre Freiheit ist, das wissen einzig wir. Denn Wir, das sind diejenigen, die in Schwarz und Weiß denken, in Okzident und Orient, in fortschrittlich und rückständig. Ganz ehrlich, Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das riecht nach großem Ärger." (Siegessäule, Dezember 2016, S. 49)

Antje Schrupp rezensierte das Buch unter dem Titel "Homosexualität verlernen? Gute Idee." auf ihrem Blog www.antjeschrupp.com und im österreichischen Standard. In der Besprechung heißt es u.a.: "Mit sehr großem Interesse habe ich dieses Buch gelesen, in dem es um die Frage geht, wie sich der westliche Diskurs über Homosexualität mit Nationalismus und rassistischen Zuschreibungen an „Migrant_innen“ verbindet. [...] Angesichts der gegenwärtigen Diskurse, in denen speziell türkischen jungen Männern eine besonders ausgeprägte Homophobie zugeschrieben wird, ist es aufschlussreich, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts die Türkei ein Eldorado für westliche Schwule war, weil man sich dort nicht verstecken musste. Amüsant auch zu lesen, wie dann mit Hilfe westlicher Wissenschaftskonstrukte das ominöse homosexuelle Wesen, das bestimmte Menschen eben haben und andere nicht, versucht wurde, in körperlichen Markern zu vereindeutigen; in den Keimdrüsen oder in den Genen, je nachdem, was in der Biologie gerade Mode war. Die enge Verbindung dieser westlichen Erfindung der Homosexualität mit rassistischen und nationalistischen Ideologien war mir neu. Sie ist in dem vorliegenden Buch vielleicht auch etwas zu stark gezeichnet, man müsste, sagt die politische Ideengeschichtlerin in mir, die entsprechenden Diskurse noch einmal in einem größeren Rahmen kontextualisieren, um sie entsprechend bewerten zu können. Aber unbedingt muss heutiger schwuler Aktivismus diese Schattenseiten der eigenen Geschichte reflektieren und tut er tatsächlich viel zu wenig." zur Rezension hier (Antje Schrupp: Aus Liebe zur Freiheit) und hier (derStandard).

Theodor Itten besprach "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven" in der Zeitschrift "Psychotherapie Wissenschaft". Dort schreibt er u.a.: Das Buch "kommt in drei Teilen daher. Im ersten werden die Homosexualität und 'die Anderen' besprochen. [...] Danach wird die Homosexualität im Kontext von Naturwissenschaft und Pädagogik ausgiebig reflektiert. [...] Um diese prozessorientierten theoretischen Überlegungen praxisnah zu verankern, beschreibt Çetin im dritten Teil, die homo- und queerpolitischen Dynamiken und Gentrifizierungsprozesse in Berlin. Hier wird die vielfältige homosexuelle Lebensweise als individuelle Bereicherung dargestellt. Wie sich Menschen in der Psychopolitik einer großen Metropole zurechtzufinden, ist hier wunderbar und eindrücklich beschrieben." (Theodor Itten, Psychotherapie Wissenschaft, Jg. 6, Heft 2 (2016))

Unter dem Titel "Für ein Streitgespräch – Deutungskampf schwuler Emanzipation" rezensierte Folke Brodersen "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität" auf dem Blog der Feministischen Studien. Bordersen führt dabei u.a. aus und bezieht den kürzlich von Patsy l’Amour laLove herausgegebenen Sammelband "Selbsthass & Emanzipation" mit ein: "In und zu einer solchen Politik ist ein Streiten möglich und nötig. Eine Verwerfung des Gegenübers und Markierung als persona non grata kann ihr aber nicht zuträglich sein. Polemisierungen wie etwa l’Amour laLoves Vorwurf an Voß und Çetin, einen Kampf „gegen die Homosexualität an sich“ zu führen, delegitimiert die Position des Gegenübers im Diskurs und verstellt von vornherein jede gemeinsame Engführung oder Reibung. [...] Die Polarisierung zwischen Hetero- und (Rest der) Homosexualität, aus der l’Amour laLove Impulse zur Diskussion der psychischen Verfasstheit schwuler Subjekte ableitet, erscheint vor diesem Hintergrund nicht mehr als gegebenes Faktum, sondern ist ein Effekt gegenwärtiger neo-konservativer Transformationen. [...] Ähnliches gilt für die diskursive Verwerfung queerer Muslim_innen, die Zuweisung von Archaik an einen ‚islamischen Kulturkreis‘ sowie für die gesamte Entgegensetzung zwischen ‚Muslim_innen und Schwulen‘ [... E]ine politische Vision [muss] darauf bauen, Beziehungen neu zu gestalten. Entgegen der Zergliederung zwischen ‚Tunten‘, ‚Türken‘ und ‚happy rainbowfamilies‘ wäre zu versuchen, nicht nur situative Bündnisse zu schmieden, sondern auch kollektiv wie individuell Haltungen der Sorge, der Freude und der Lust an- und miteinander zu stiften. Nicht etwa um melancholisch das Begehren nach einer kollektiven Bewegung zu heilen, sondern um eine Hierarchisierung und Verwerfung bestehender Differenzen nicht zuzulassen." zur ganzen Besprechung
In der eigentlichen Rezension in der gedruckten Ausgabe der Feministischen Studien wendet sich Brodersen dann ausschließlich "Schwule Sitbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven" zu und endet auf der folgenden Schlussfolgerung: "Trotz dieser Kritiken am Resumee des Bandes, bleibt dieser mit seiner umfassenden empirischen Beschreibung und der Darstellung der spezifischen Funktionen von politischer Sichtbarkeit eine lohnende Lektüre. Für interessierte Beobachter_innen gegenwärtiger Ausdrucksformen ›schwuler‹ Politiken ist er damit eine gewinnbringende Zusammenstellung." (Feministische Studien, Heft 1/2017)

Auf Querelles-net - Rezensionszeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung besprach Lisa Krall das Buch und hält abschließend fest: "Dass Auseinandersetzungen angeregt werden, wie es formuliertes Ziel des Buches ist, gelingt aber mit Sicherheit, und zwar nicht nur aufgrund der eng geführten, aber sehr fundierten theoretischen Analysen, sondern auch dadurch, dass es die Lesenden aus ihrer Komfortzone holt, wovon nicht alle begeistert sein werden. Die durch zahlreiche Beispiele untermauerten Argumentationen erweisen sich als zwingend, und es lohnt sich, ihnen zu folgen. So wie es nach wie vor mehr privilegienreflektierender Geschlechterforschung und feministischer Bewegungen bedarf, ist es notwendig, die eigene Beteiligung an Herrschaft zu thematisieren, wie Çetin und Voß am Beispiel der Schwulen aufzeigen. Der Forderung der Autor_innen, Identitäten zu verlernen (vgl. S. 17), könnte in diesem Sinne wohl auch Gayatri Chakravorty Spivaks (1996) Vorschlag hinzugefügt werden, Privilegien als einen Verlust zu verstehen." zur ganzen Besprechung

Christian Höller betont in den Lambda Nachrichten die Notwendigkeit des kritischen Charakter des Buches, um Debatten zu eröffnen. Er hält fest: "Das Buch wird als Streitschrift für kontroverse Diskussionen sorgen. Es macht deutlich, wie sehr sich die derzeitige Polarisierung auch in der LSBTI-Welt ausbreitet." (Lambda Nachrichten, März–April, Nr. 168, 39. Jahrgang, 1/2017)

Mehr als eine Rezension verfasst Patsy l'Amour laLove - es handelt sich um einen persönlichen Standpunkt, der mit der Werbung für die Vorstellung (am 24.11.2016, Berlin) des eigenen - zu "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven" inhaltlich konträren - Buchs verbunden ist; pikanterweise erscheint der Beitrag zudem drei Tage nachdem auf meinem Blog in einem Gastkommentar die von Patsy l’Amour laLove gehostete „Polymorphia“ (vom 21.11.2016) kritisiert worden war. Im Standpunkt stellt laLove mit Blick auf das Buch "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven" fest: "Das schwule Antigewaltprojekt Maneo, das unwissenden Leserinnen und Lesern nach der Lektüre des Buches als rassistischer Scheißverein erscheinen muss und in Berlin doch eine unwahrscheinlich wichtige Arbeit leistet..." usw. Als Information: Bei Maneo handelt es sich um ein "Opfertelefon auf Feindbildsuche", bei dem Queer.de die Frage stellt, ob Fragebögen gezielt ausgefüllt wurden, um "Stimmung gegen Ausländer zu machen" und das auch Judith Butler im Interview mit der jungle world explizit als rassistischen Akteur in Berlin benannt hat. Der Beitrag von laLove findet sich nun ebenfalls in der Zeitschrift jungle world - Ausgabe vom 24.11.2016, Titel "Die schwule Gefahr".

Georg Klauda verfasste eine Besprechung des von Patsy l'Amour laLove herausgegebenen Bandes "Beißreflexe" und setzte sich dabei - in der Zeitschrift "analyse und kritik" - auch mit unserem Buch "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven" auseinander. Diesbezüglich schreibt er u. a.: "Çetin und Voß halten dem entgegen, dass sich sexuelles Begehren, wie fast alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisgegenstände, nicht in eindeutigen, binären Kategorien, sondern in Spektren und Möglichkeitsräumen ereignet, die sich einer starren Festlegung entziehen. Die Erfindung einer identitären Homosexualität sei ein politisches Projekt der westlichen Schwulenbewegung gewesen. Im Kontext einer heteronormativen bürgerlichen Gesellschaft lieferte der Rückbezug aufs eigene, ungewollte »Anderssein« eine Entschuldigung dafür, sich dem Zwang zur Heterosexualität lebensgeschichtlich zu entziehen, ohne die Norm als solche in Frage zu stellen. Dies erschien als notwendige Voraussetzung, um von der Mehrheit Anerkennung und Respekt verlangen zu dürfen." Der gesamte Beitrag findet sich hier.

In der zur Buchmesse in Leipzig erschienenen Graswurzelrevolution schreibt Antje Schrupp unter dem Titel "Homosexualität und Antirassismus" pointiert zum Buch: "Der westliche Diskurs über Homosexualität ist eng mit Nationalismus und rassistischen Zuschreibungen an "Migrant_innen" verbunden. Viele Menschen im Westen sind überzeugt, dass die Akzeptanz vielfältiger sexueller Identitäten eine speziell westliche Errungenschaft sei. Und allzu oft dient der Vorwurf der Homophobie der Bekräftigung einer westlichen Überlegenheit und die Behauptung, man müsse LGBTQ-Rechte schützen, zur Legitimation von Kriegen. Das Buch "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität. Kritische Perspektiven" von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß liefert wichtige Erkenntnisse zu dieser Verbindung und bezieht klar eine Position auf der antirassistischen Seite des Diskurses." zur Rezension

Für die Progress - die Zeitschrift der österreichischen Hochschüler*innenschaft - rezensierte Hagen Blix "Schwule Sichtbarkeit..." In der Besprechung heißt es abschließend: "In einer Zeit, in der in Deutschland ein Autonomes Schwulenreferat die AfD zu einer Podiumsdiskussion einzuladen gewillt ist und die Teilnahme antidemokratischer Kräfte – erschienen in Begleitung von gut 20 Neonazis – als für eine „umfassende Meinungsbildung unumgänglich“ verteidigt, in einer Zeit in der zugleich die Rückholbarkeit des Erstrittenen in der Homophobie derselben Partei deutlich wird, sei die Lektüre dieses Buchs dringend empfohlen." Online

 

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Aktuell hat die konservative und rechtspopulistische Ecke ihr Ventil gefunden: Sie nutzt die sexistischen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht, um gegen Migrant_innen und Geflüchtete zu hetzen. "Ein Anschlag hätte den Stoff der nationalen Aufregung ebenso liefern können, ein Kindsmord, irgendeine andere Tat", wie die Zeitschrift Spiegel schreibt (Heft 2/2016, S. 11). Die seit Monaten stattfindenden Attentate auf Geflüchtete und die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte wurden hingegen eher bagatellisierend und entschuldigend in das Alltagsgeschäft eingeordnet - 'die Deutschen seien halt zu sehr gefordert'. In die eine Richtung Skandalisierung, wenn es hingegen um mehrheitsdeutsche Täter_innen geht: Entschuldigung.

Keine Skandalisierung wert waren über Jahre hinweg die Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe auf dem Münchner Oktoberfest. Jährlich - und die Vereine zur Opferberatung Amyna, Imma, Frauennotruf, 'sichere Wiesn' sprechen von einer Zunahme - kam es dort zu 4 bis 6 bei der Polizei angezeigten Vergewaltigungen und unterstützten die Vereine etwa 150 bis 200 Frauen, die von sexuellen Übergriffen oder weiteren Delikten betroffen waren. Die Dunkelziffer wird von den Vereinen als deutlich höher angenommen. Diese Delikte führten nicht zum bundesweiten Skandal - aber auf dem Oktoberfest waren eben in aller Regel mehrheitsdeutsche Biertrinker die Täter. Doch just als Lohaus/Wizorek nun auch diese Übergriffe in München skandalisierten und einforderten, dass die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt nicht so rassistisch geführt werden darf, wie es aktuell geschieht, wurden Lohaus/Wizorek der Lüge bezichtigt. Im von den beiden Autorinnen zitierten taz-Artikel war für das Jahr 2009 von zehn Vergewaltigungen und 200 weiteren Delikten die Rede - die Münchner Polizei dementiert nun - jetzt, 2016[!] - eilig: es seien im Jahr 2009 'nur' 6 angezeigte vollendete Vergewaltigungen gewesen. Obgleich sich also die Delikte und Angaben der Frauenvereine bestätigen, sah sich die Polizei jetzt, 2016[!] genötigt, die Angaben des taz-Artikels aus dem Jahr 2009 zu korrigieren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) betitelte einen Beitrag gar mit "Lügenzahl vom Oktoberfest" - und bagatellisierte die Vergewaltigungen beim Oktoberfest. "Allein in der ersten Wiesnwoche halfen die Teams von Amyna, Imma und des Frauennotrufs München 91 Frauen", hieß es im Jahr 2012 (Süddeutsche Zeitung); 2013 "hat 'Sichere Wiesn' 156 Opfer betreut, darunter zwei Vergewaltigungsopfer" (Abendzeitung).

Auch die Situation zum sogenannten 'Herrentag', an dem sich Frauen kaum aus dem Haus trauen können, weil sie fast überall sexistisch beleidigt werden, und die 'alltäglichen' Ereignisse in jeder Disco taugen nicht zu einer Skandalisierung - immerhin sind dort in aller Regel Mehrheitsdeutsche die Täter.

Als Wissenschaftler*in im Feld der sexualisierten Gewalt und der geschlechtlichen und sexuellen Selbstbestimmung fällt mir auf, wie schwer es selbst nach den Aufdeckungen von massiven sexuellen Übergriffen in Internaten war, politische Entscheidungsträger*innen für das Thema Prävention sexualisierter Gewalt und Förderung geschlechtlich-sexueller Selbstbestimmung zu gewinnen. Aktuell fehlt eine flächendeckende Forschungslandschaft - an der Hochschule Merseburg gibt es den einzigen[!] sexualwissenschaftlichen Studiengang im deutschsprachigen Raum überhaupt. Die notwendige Lehre zu sexueller Bildung, Unterstützung geschlechtlich-sexueller Selbstbestimmung, Prävention sexualisierter Gewalt findet bisher weder in Lehramtsstudiengängen, noch in der Ausbildung von Erzieher*innen und in den weiteren Berufen statt, in denen Menschen mit Menschen zu tun haben. Die Ausgebildeten bekommen bzgl. dieser Inhalte keine professionellen Kenntnisse; und solche Kenntnisse würden auch umfassen, eigene Normen zu hinterfragen, wo und wie sie etwa geschlechtlich-sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen verletzen. Doch anstatt dass die Sexualpädagog*innen im Feld zu unterstützen - sie leisten immerhin die notwendige Ausbildungsarbeit im Rahmen ihrer knappen personellen Möglichkeiten -, wurden sie in den vergangenen Monaten gerade von den Rechtsaußen-Blättern Junge-Freiheit und - mittlerweile in zahlreichen Artikeln leider - FAZ teils wüst beschimpft. Aber genau diese Sexualpädagog*innen ermöglichen, dass Prävention sexualisierter Gewalt und die Unterstützung geschlechtlich-sexueller Selbstbestimmung in Einrichtungen wirksam thematisiert wird. Aber 'geschlechtlich-sexuelle Selbstbestimmung' heißt eben auch, dass Kinder und Jugendliche gestärkt werden, egal ob sie gleich- oder andergeschlechtlich begehren und auch wenn sie trans*- oder inter*-geschlechtlich sind. Das wiederum ist einigen äußerst Konservativen und Rechtsaußen ein Dorn im Auge.

Also:

  • Die aktuelle Debatte nutzt niemandem - gerade nicht den Betroffenen sexualisierter Gewalt. Es wird ein Problem rassifiziert, das die gesamte Gesellschaft und gerade alle deutschen Männer angeht, diejenigen, die in Deutschland geboren sind und die, die erst kürzer in Deutschland sind. Aktuell wird hingegen die sexualisierte Gewalt von Mehrheitsdeutschen unsichtbar gemacht - sie erhalten einen 'Persilschein' und werden angeregt, weiter übergriffig gegen Frauen zu sein.
  • Die rassistische Prägung der aktuellen Debatte begünstigt rassistische Gewalt. Sexuelle Gewalt und rassistische Gewalt überlagern sich vielfach - und so ist es endlich nötig, dass endlich die Konzepte von Mehrfachdiskriminierung und Intersektionalität, wie sie in Deutschland von LesMigras, von Gladt (u.a. Projekt HEJ - Handreichungen für emanzipatorische Jungenarbeit) und von I-Päd entwickelt wurden, deutlich in politische und (sexual-)wissenschaftliche Konzepte eingehen.
  • Konkret zu Köln: Es kommt erst einmal auf nüchterne (und nicht so kurzatmige) Aufarbeitung an. Hier ist die Perspektive von Feministinnen of Color und rassismuskritischen weißen Feministinnen wichtig, die darauf schauen, was in der Kölner Silvesternacht tatsächlich stattgefunden hat. Die Aufarbeitung darf nicht bei den mehrheitsdeutschen Männern aus den Parteien, dem Innenministerium oder den Türstehern liegen, die jetzt schon sehr eilig Asylverschräfungen fordern oder 'groß aufräumen'. Die größte Expertise liegt bei den Vereinen, die bereits mit intersektionalen Konzepten arbeiten, also zu Rassismus und Geschlechterverhältnissen gleichermaßen.
  • Sexualisierte Gewalt muss nachhaltig angegangen werden. Das bedeutet, dass ein politischer Wille auch im von Männern dominierten Bundestag und in den von Männern dominierten Parteispitzen nötig ist, Präventionskonzepte auf den Weg zu bringen, anstatt stets und stetig bei den Praxisprojekten - wie den Frauennotrufen - einsparen zu wollen. Es muss eine gute - und auch intersektional geschulte [!] - flächendeckende Praxislandschaft entstehen. Und es muss eine flächendeckende gute sexualwissenschaftliche Forschungs- und Ausbildungslandschaft entstehen.
  • Gleichzeitig darf man vor lauter Prävention auch nicht das Ziel aus dem Auge verlieren: Es geht um eine selbstbestimmte geschlechtlich-sexuelle Entwicklung und Betätigung (bzw. auch Nicht-Betätigung) von Menschen und es geht darum, dass Sexualität als positive Kraft vermittelt wird, vor der mensch keine Angst haben soll, aber verantwortlich mit der eigenen Sexualität und grenzachtend gegenüber der Anderer umgeht.

Heinz-Jürgen Voß

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[Update (21.1.2016): Gute neue Beiträge werden jeweils unten angefügt]

Es gibt nun auch einige nüchternere Beiträge zu den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln. Ich finde erschütternd, dass hier wieder ein Ereignis herausgegriffen und Geflüchteten angelastet wird. Einerseits stellt sich die Situation offenbar anders dar (keinem Geflüchteten wird bei den Kölner Ereignissen bisher ein Sexualdelikt vorgeworfen!), andererseits ist es endlich an der Zeit, dass institutionell dagegen vorgegangen wird, dass 35% der cis*-Frauen (bei Trans* liegt die Zahl noch höher) in ihrem Leben von sexualisierter Gewalt betroffen sind und dass es quasi bei jedem Großereignis (Münchner Oktoberfest, Karneval) stetig zu sexistischer Gewalt gegen Frauen kommt: Stefanie Lohaus und Anne Wizorek schreiben auch hierzu sehr gut und sie zitieren u.a. den folgenden Karnevalsbericht: "[Beim Karneval ist] allein der kurze Weg zur Toilette [] der reinste Spießrutenlauf. Drei Umarmungen von wildfremden, besoffenen Männern, zwei Klapse auf den Hintern, ein hochgehobener Dirndlrock und ein absichtlich ins Dekolleté geschütteter Bierschwall sind die Bilanz von dreißig Metern" ( http://www.vice.com/de/read/die-rape-culture-wurde-nicht-nach-deutschland-importiert-sie-war-schon-immer-da-aufschrei-118 )

Sehen wir uns die Verhältnisse der Unterbringung und Befragung Geflüchteter in Deutschland an, finden wir in einem Extremmaß begünstigende Faktoren für sexualisierte Gewalt gegen Geflüchtete und eine von den Behörden hergestellte Befragungssituation, die jeglichen Standards der Vorbeugung vor (Re-)Traumatisierung widerspricht. (Falls das von Interesse ist: Ausführlicher zu diesem Thema - sexualisierte Gewalt und Flucht - haben Farid Hashemi, Torsten Linke und ich gerade einen Beitrag verfasst und sind wir auch gern zu Vorträgen bereit.)

Konkret zu Köln:

1) ZEIT: Die Ereignisse stellen sich nun so dar: "31 Tatverdächtige hat die Bundespolizei wegen der Übergriffe an Silvester ermittelt, 18 davon sind Asylbewerber. Sexualdelikte werden letzteren aber nicht angelastet. [...] Unter den 31 bekannten Verdächtigen der übrigen Delikte seien neun algerische, acht marokkanische, fünf iranische, vier syrische, ein irakischer, ein serbischer, ein US-amerikanischer und zwei deutsche Staatsangehörige." http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-01/koeln-verdaechtige-asylbewerber-bundespolizei-silvester

2) Frankfurter Rundschau: "Auch gibt die Bundespolizei bekannt, dass sie nach bisherigem Stand 32 Straftaten festgestellt hat - mit 31 namentlich bekannten Tatverdächtigen. [...] Zwar seien wegen Sexualdelikten drei Strafanzeigen bei der Bundespolizei eingegangen, sagte der Sprecher weiter. Tatverdächtige seien in diesen Fällen aber nicht ermittelt worden." http://mobil.fr-online.de/cms/politik/uebergriffe-in-koeln-viele-nationalitaeten-unter-den-verdaechtigen,4232484,33480158,view,asFitMl.html

3) Deutschlandfunk: "Ungereimtheiten und Widersprüche bei der Polizei. [...] Aus der Bundespolizeibehörde heißt es, Flüchtlinge hätten grinsend ihre Aufenthaltstitel zerrissen. Nachfragen des DLF ergaben, das geht gar nicht: Es handelt sich um Scheckkarten-Formate. Nur ein begriffliches Problem? Oder mehr? Es gibt weitere Unklarheiten und Widersprüche." http://www.deutschlandfunk.de/silvesternacht-in-koeln-ungereimtheiten-und-widersprueche.1818.de.html?dram:article_id=341911

4) Weitere gute, weil ihren gründlichen Informations- und Diskussionsauftrag ernst nehmende, Beiträge sind auch die folgenden:

- Neues Deutschland: Angstmacherei mit System - In der Köln-Debatte werden laut Nadia Shehadeh sexistische Gesellschaftsstrukturen verschleiert und Missstände ethnisiert. http://www.neues-deutschland.de/artikel/997289.angstmacherei-mit-system.html

- taz: Seit der Kölner Silvesternacht wird einer sexismusfreien Zeit hinterhergetrauert. Die hat es in Deutschland nie gegeben. Von Hengameh Yaghoobifarah. http://taz.de/Gewalt-gegen-Frauen/!5263311/

-  Die Rape Culture wurde nicht nach Deutschland importiert – sie war schon immer da. Von Stefanie Lohaus und Anne Wizorek. http://www.vice.com/de/read/die-rape-culture-wurde-nicht-nach-deutschland-importiert-sie-war-schon-immer-da-aufschrei-118 (English translation: https://www.vice.com/en_uk/read/rape-culture-germany-cologne-new-years-2016-876 )

- Die rassistische Hysterie nach den Übergriffen in verschiedenen deutschen Städten schadet den Opfern, weil sie eine wirkliche Debatte über sexualisierte Gewalt verhindert. Von Margarete Stokowski. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/margarete-stokowski-ueber-sexualisierte-gewalt-a-1070905.html

- Antje Schrupp nach einem Beitrag... "Das rassistische Narrativ 'schwarzer Mann vergewaltigt weiße Frau' ist volle Kanne durchgeschlagen" [1] https://www.facebook.com/antjeschrupp/posts/10205704490195631 ; [2] http://www.stern.de/familie/leben/koeln---was-jetzt-zu-tun-ist--ein-gastbeitrag-von-antje-schrupp-6632962.html

- Musa Okwonga: "Wie umgehen mit den sexuellen Übergriffen in Köln und Hamburg?" http://www.okwonga.com/wie-umgehen-mit-den-sexuellen-ubergriffen-in-koln-und-hamburg/

- Bundesforum Männer: "Für das Bundesforum Männer steht fest, dass die bekanntgewordenen Straftaten in keiner Weise verharmlost oder gerechtfertigt werden dürfen. Genauso scharf weist das Bundesforum Männer jedoch zurück, dass die Geschehnisse als ressentimentbeladene Bestätigung für Stereotypen vom 'Flüchtlingsmann' instrumentalisiert und verallgemeinert werden." https://bundesforum-maenner.de/2016/01/koeln-hamburg-stuttgart-sexualisierte-gewalt-geht-nirgendwo/

Update [21.1.2016]

- FR: „Sexismus durchzieht unsere Gesellschaft“, Interview von Anne Wizorek gegenüber der Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/politik/angriffe-in-koeln--sexismus-durchzieht-unsere-gesellschaft-,1472596,33465600.html

- TAZ: „Die CSU entdeckt die Lügenpresse“ - Armin Nassehi über patriarchale Netzwerke, salonfähigen Rassismus und eine nach rechts driftende Sehnsucht nach einfachen Antworten. http://www.taz.de/!5263616/

-FR: „Kein Generalverdacht gegen Schutzsuchende“, Interview von Katharina Lumpp (Vertreterin für das UNHCR in Dtl.) gegenüber der Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/politik/uebergriffe-in-koeln--kein-generalverdacht-gegen-schutzsuchende-,1472596,33484326.html

- FR: „Männer sollen für Frauen kämpfen“, Lamya Kaddor im Interview mit der Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/politik/-maenner-sollen-fuer-frauen-kaempfen-,1472596,33483878.html

- malifuror, Beitrag von Malaika Bunzenthal: Rape Culture und rassistische Doppelmoral. https://malifuror.blog-space.eu/rape-culture-und-rassistische-doppelmoral/

- ScienceBlogs: Geständnisse eines arabisch und nordafrikanisch aussehenden Menschen. http://scienceblogs.de/zoonpolitikon/2016/01/09/gestaendnisse-eines-arabisch-und-nordafrikanisch-aussehenden-menschen/

- Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos: http://ausnahmslos.org/

- Ein paar Jahrzehnte Frauenleben in Schland – Eine Bilanz. https://sandracharlottereichert.wordpress.com/2016/01/10/ein-paar-jahrzehnte-frauenleben-in-schland-eine-bilanz/

- Stellungnahme des Gender_Diversity Fachverbandes gegen SEXUALISIERTE GEWALT, RASSISMEN UND IDENTITÄRE GRENZZIEHUNGEN. http://www.gender-diversity.de/de-de/infosaktuelles.aspx

- ZDF: #ausnahmslos: Frauen wehren sich gegen Populisten. heute.de

- Tagessiegel: Manuela Schwesig unterstützt Initiative "#ausnahmslos" Sexismus in Deutschland nicht "importiert". Tagesspiegel

- SZ: Kampagne #ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. SZ

- ZEIT: Twitter-Kampagne gegen sexuelle Gewalt - Prominente Feministinnen machen sich unter dem Hashtag #ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt stark – und wehren sich gegen eine Instrumentalisierung von rechts. ZEIT

- Publikative: Köln und die Konsequenzen: Der Sexismus der Anderen, von Helene Buchholz. Publikative

- Shehadistan zu #ausnahmslos. Online bei Facebook.

- ZEIT: Deutsche Respektlosigkeiten, Beitrag von Hilal Sezgin. ZEIT

- Stellungnahme des Betroffenenrats beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ( UBSKM ) zu den Fällen sexualisierter Gewalt in der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten: Link

- ZEIT: Sind wir über Nacht zu einer feministischen Nation geworden?Von Christina Klemm und Sabine Hark. Link

Heinz-Jürgen Voß

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[Update 13.12.2015: Rosa und ich diskutieren intensiv per E-Mail. Wir arbeiten.]

Nach einem Telefonat von 55 Minuten sagt Rosa von Praunheim ein Seminar ab, das er morgen an der Hochschule Merseburg halten wollte. Nach einigen Eingangsfreundlichkeiten und nochmaliger Erläuterung der Erreichbarkeit der Hochschule Merseburg, kam das Telefonat rasch auf den Begriff Person of Color. Rosa erläuterte, dass er den Begriff bisher noch nicht kannte und es schwierig fände, wenn eine migrantische Person, die er selbst als weiß zuschrieb, sich als „of Color“ bezeichnete. Davon aus kamen wir im Gespräch zu der bei Tea-Riffic (später bei Mädchenmannschaft) formulierten Kritik und der Gegendarstellung auf der Facebook-Seite Rosa von Praunheims. Ich regte an, dass Rosa beides beim Seminar in Merseburg aufgreifen und in die Diskussion bringen sollte. Und weiter ging es zu „dem Islam“. Bei ihm wollte Rosa keinerlei Unterscheidung zulassen. Alle homosexuellen muslimischen Männer und Frauen seien unterdrückt. Das gelte sowohl für islamisch geprägte Länder als auch für Musliminnen und Muslime in Berlin. Diese trauten sich – nach Meinung Rosas – nicht vor seine Kamera, weil sie Angst hätten von den Eltern in „ihren Herkunftsländern“ erkannt zu werden. Besorgt zeigte sich Rosa über die Geflüchteten – sei seien muslimisch und damit homophob. Abwehrend verwies ich auf Basisargumente – etwa die von Zülfukar Çetin in seiner Dissertation „Homophobie und Islamophobie“ ausgewerteten Interviews und das von Thomas Bauer veröffentlichte Buch „Die Kultur der Ambiguität: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“. Das wollte Rosa von Praunheim nicht gelten lassen. Auch Verweise auf gelebten gleichgeschlechtlichen Sex etwa in Afghanistan, mehrere Geschlechter und institutionalisierte Geschlechterkategorien etwa in Pakistan ließ Rosa von Praunheim nicht gelten. Die Diskussion verlief ruhig aber bestimmt von beiden Seiten. Ich regte an, den morgigen Austausch mit den Merseburger Studierenden für die Diskussion zu nutzen. Rosa fragte, ob auch Gender-Studierende in Merseburg seien. Ich sagte ja und diversifizierte ein wenig unterschiedliche berufliche und Bildungs-Verortungen. Da kam auf einmal von Rosa die Ansage, dass er für morgen absage und dass ich das Seminar in Vertretung für ihn allein geben solle. Er fühle sich selbst nicht den aktuellen Debatten gewachsen, sei mittlerweile schon älter und stecke nicht mehr so in den aktuellen Diskussionen. Gerade Kritiken von Genderseite seien problematisch. Seine Sicht schöpfe aus der Erfahrung, meine sei hingegen nur theoretisch und stamme von empirischen Studien und würde lediglich die Ränder betreffen. Seine Sicht treffe zu. Ich regte noch einmal an, dass Seminar gerade für die Debatte zu nutzen. Rosa von Praunheim lehnte das ab und meinte nur, dass er sich entschieden habe. Ich setzte noch einmal an, und sagte, dass er die Entscheidung einfach noch einmal überschlafen sollte… Noch bevor ich den Satz zu Ende gesprochen hatte, hatte er aufgelegt.

Ich finde es schade. Wie sollen eigene weiße Selbstverständlichkeiten reflektiert und bearbeitet werden, wie sollen „Vorurteilshamster“, wie soll antimuslimischer Rassismus in der deutschen Gesellschaft bearbeitet werden, wenn sich selbst eine Person, die kritische Debatte gewöhnt sein sollte, nicht traut, mit 21 Studierenden zu diskutieren. Sehr schade. Von dem neuen Film „Überleben in Neukölln“ ist nach den Aussagen im Telefonat nur antimuslimischer Rassismus zu erwarten; er ist auch ein Zeichen dafür, dass die Schwulenbewegung neben der Homobefreiung eben auch ganz viel Scheiße gebracht hat – Homonationalismus und Ausgrenzung und Hass gegen andere Menschen, die genauso schön gruppiert werden wie „die Schwulen“.

Heinz-Jürgen Voß

Gespraeche_ueber_Rassismus_Cetin_TasRezension von:
Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände; hg. von Zülfukar Çetin und Savaş Taş.

Das von Zülfukar Çetin und Savaş Taş herausgegebene Buch "Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände" versammelt Gespräche mit und Beiträge von Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen und Künstler_innen gegen Rassismus: Iman Attia; María do Mar Castro Varela; Maisha Eggers; Mutlu Ergün-Hamaz; Elsa Fernandez; Noa Ha; Nivedita Prasad; Isidora Randjelović; Marianna Salzmann; Yasemin Shooman; Vassilis S. Tsianos; Deniz Utlu; Women in Exile; Koray Yılmaz-Günay; Anna-Esther Younes; Halil Can; Ayşe Güleç.

[...] Wird aus dem Beitrag von Ayşe Güleç ganz plastisch deutlich, wie wichtig die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus ist, so ist der Band in seiner Gesamtheit bemerkenswert. Versammelt sind Beiträge von rassismuserfahrenen Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Künstler_innen, die theoretisch und praktisch fundierte, klare Analysen vorlegen und Anregungen für weitere theoretische und aktivistische Auseinandersetzungen mit und Kämpfe gegen Rassismus geben. Für People of Color könnte der Band eine Art Positionsbestimmung sein, für Personen der weißen Mehrheitsgesellschaft sollte es ein Band sein, eigene Vorannahmen zu reflektieren und die im Band eröffneten Zugänge aufzunehmen, zu lesen und zuzuhören. Neben der Thematisierung des aktuellen Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland, der sich aus einer langen, gerade auch kolonial geprägten Vergangenheit seit dem 16. Jahrhundert speist, zielen die Beiträge auf eine Verständigung über Begrifflichkeiten. [...]

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