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Sehr gern empfehle ich den lesenswerten und literarisch gut gearbeiteten Beitrag "Mann, oh Mann!" von Adriano Sack und Frédéric Schwilden, der in der gestrigen Ausgabe der Welt am Sonntag erschienen ist. Er macht alles das, was ein guter Zeitungsbeitrag tun soll: Er informiert, unterhält, bestätigt und ermuntert zu Kritik. Hier ist der Beitrag online: http://www.welt.de/print/wams/lifestyle/article154429121/Mann-oh-Mann.html .

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In der aktuellen Ausgabe der biologischen Fachzeitschrift "Nature" ist der Beitrag "Sex redefined" (von Claire Ainsworth) erschienen - bei Spektrum findet sich der Beitrag auch in einer deutschen Fassung. Ainsworth erläutert einige der aktuellen biologisch-medizinischen Theorien zur Geschlechtsentwicklung. Sie hält fest: "Biologen haben inzwischen eine sehr differenzierte Sichtweise der Geschlechter – die Gesellschaft muss hier erst noch aufholen."

Unter anderem heißt es im Beitrag weiterhin: "Betrachtet man die Genetik, verschwimmt die Grenze zwischen den Geschlechtern noch mehr. Wissenschaftler haben viele der Gene identifiziert, die an den Hauptformen von DSD beteiligt sind und auf subtile Weise die Anatomie und Physiologie des Einzelnen beeinflussen. Neue Techniken der DNA-Sequenzierung und Zellbiologie machten deutlich, dass fast jeder von uns zu einem gewissen Grad aus verschiedenen Zellen besteht, gleichsam wie ein Patchwork. Dabei haben manche unserer Zellen ein Geschlecht, das zum Rest des Körpers eigentlich nicht passt. Auch das Verhalten einer Zelle scheint über komplexe molekulare Systeme von seinem Geschlecht beeinflusst zu werden. 'Es gibt eine wesentlich größere Vielfalt der Geschlechter als nur das der Männer und das der Frauen...'"

Im Nature-Beitrag nimmt Ainsworth weiterhin ältere biologischen Sichtweisen unter die Lupe, dass weibliches Geschlecht eine basale Stufe darstelle, von der aus eine 'Fortentwicklung' in männlicher Richtung erfolge. Solche älteren Sichtweisen sind widerlegt, wie sie herausarbeitet.

Für das "Geschlecht der Zellen" räumt die Autor_in mit einer populär noch weit verbreiteten Sichtweise auf. Sie schreibt: "Beim Geschlecht gibt es keine einfache Dichotomie, zeigen die Studien zu DSD. Noch komplizierter werden die Dinge, wenn man die Zellen des Einzelnen betrachtet. Die allgemeine Annahme, jede Zelle eines Individuums hätte dasselbe Set von Genen, ist schlichtweg falsch."

Der Beitrag ist sehr zu empfehlen - und räumt mit einigem populären Halbwissen auf!

Ganzer Beitrag bei Nature, Englisch: hier.
Ganzer Beitrag bei Spektrum, Deutsch: hier.
Weiterhin zum Thema: "Angeboren oder entwickelt? Zur Biologie der Geschlechtsentwicklung" / "Geschlecht" / "Making Sex Revisited" [OPEN-ACCESS]

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Zuerst veröffentlicht und zitierbar als: Voß, Heinz-Jürgen (2014): 'Der Mann' und Männlichkeiten in ihrer Einbindung in Herrschaftsverhältnisse. Swissfuture, 1 (2014): 29-31. Hier als pdf-Datei.

 

‚Der Mann‘ und Männlichkeiten in ihrer Einbindung in Herrschaftsverhältnisse
Heinz-Jürgen Voß

Bei der Frage nach „der Zukunft des Mannes“ muss man sich allererst fragen: Wer ist denn eigentlich ‚der Mann‘. Wo kommt er her? ‚Der Mann‘, wie er auch heute – noch immer, bei allen Veränderungen – verhandelt wird, stellt lediglich ein geronnenes Ideal dar. Gefüllt mit vielfältigen Vorstellungen, ist dieses Konzept der bürgerlichen Gesellschaft stets labil gewesen und wurde nur einigermaßen fest in ein Herrschaftssystem aus Rassismus, Geschlecht und Klasse eingewoben. Gleichwohl scheint es zunehmend an seiner Grundanlage zu scheitern: Die vielfältigen Lebensweisen, die individuellen Unterschiede in Merkmalen, in ‚Stärken‘ und ‚Schwächen‘ scheinen sich immer schwieriger in das klare Muster ‚Mann‘ fügen zu wollen. Heute ist von Flexibilisierung und Individualisierung der Lebensweisen die Rede, es wird von der Pluralform, von ‚den Männlichkeiten‘ statt ‚der Männlichkeit‘, gesprochen. ‚Der Mann‘, erst durch Kategorisierung und Kanonisierung bestimmter Merkmale (beim Weglassen anderer) und durch Disziplinierung und Zurichtung hergestellt, scheint zu verschwinden. Die Veränderung passt gut zu den sich wandelnden Anforderungen des im globalen Norden stärker dienstleistungsorientierten Kapitalismus.

Aufgekommen ist ‚der Mann‘ mit der modernen bürgerlichen, der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Als es darum ging, ob auch Frauen, Juden, Menschen aus dem Proletariat und die Kolonialisierten Menschenrechte erhalten sollten, blieb eine Personengruppe unbenannt, für die diese Rechte nicht in Frage stand. Es waren die weißen und bürgerlichen europäischen Männer. Ihre privilegierte Position in der Gesellschaft, ihre öffentliche Präsenz, ihre Werte präg(t)en in besonderem Maße die modernen Gesellschaften und füll(t)en – gerade in Abgrenzung gegenüber anderen Menschen – die Vorstellung davon, was denn ‚der Mann‘ sei.Weiterlesen » » » »

"»Mutterinstinkte« [werden] nicht allein durch das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung hervorgerufen [...], sondern primär durch eine frühe und engagierte Rolle in der Kindererziehung." Lesenswerter Beitrag zu einer psychologischen Studie: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19758

Im Zusammenhang mit dem band "Gendermedizin: Prävention, Diagnose, Therapie" (hg. von Alexandra Kautzky-Willer) sollen im folgenden einige grundlegende Problematiken aktueller 'gendermedizin' in die Debatte gebracht werden:

"Die ‚Gendermedizin‘ ist im Begriff, zu einem antiemanzipatorischen Projekt zu werden. Menschen werden als durch und durch vergeschlechtlicht gedacht, die Ursachen nicht in gesellschaftlicher Ungleichbehandlung gesucht, sondern essentialisiert. Der von Alexandra Kautzky-Willer herausgegebene Sammelband macht diese Entwicklung deutlich. Gleichwohl zeigen sich in ihm vereinzelt auch reflektierte Betrachtungen, die soziale Faktoren in der Analyse zumindest zulassen. Ist der Band als Lehrbuch gedacht und soll er erste Orientierungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen für die Praxis bieten, so wird er beidem nicht gerecht. Vielmehr handelt es sich um einen theoretisch gehaltenen Sammelband für Wissenschaftler/-innen mit lediglich vereinzelten Anregungen für die medizinische Praxis." weiter

balibar_wallersteinÉtienne Balibar, Immanuel Wallerstein
Ambivalente Identitäten: Rasse, Klasse, Nation

Das bereits vor mehr als 20 Jahren erschienene Buch ist in Zeiten der Krise des Kapitalismus nach wie vor hochaktuell.

Die aktuellen und nicht mehr abebbenden Krisenerscheinungen des Kapitalismus machen dringlich deutlich, wie notwendig es ist, eine gerechte Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Marxistische Theorien liefern hierfür eine Basis, die es weiterzuentwickeln gilt, wobei gerade aus den praktischen Fehlern und theoretischen Leerstellen des Ende der 1980er Jahre zusammengebrochenen Staatssozialismus zu lernen ist. Durch die „neue Marxlektüre“ im Anschluss an Michael Heinrichs „Kritik der politischen Ökonomie“ (theorie.org) wurde dieser Lernprozess erheblich befeuert und es zeigt sich in Gesprächen, auf Blogs und in Zeitschriften, wieviele Menschen über Herrschaftsverhältnisse nachdenken und dabei auch verstehen wollen, wie Rassismus, Sexismus und Klassenunterdrückung miteinander verschränkt sind und was die Privilegierten von den Unterdrückten und Ausgebeuteten scheidet.

Einige Publikationen – auch aus den 1980er Jahren – können dem Nachdenken neue Impulse geben. Neben den Arbeiten von Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein – von denen eine gemeinsame Schrift im Folgenden vorgestellt wird – sind es gerade die Bücher von Angela Davis, Gayatri Chakravorty Spivak, Kimberlé Crenshaw und Samir Amin, die weitergehende Einsichten versprechen. Sie alle fokussieren Rassismus und Sexismus und ihre Bedeutung für Klassenunterdrückung. Und sie denken global: Nur wenn wir gleichermaßen das kapitalistische Zentrum und die Überausbeutung der Peripherie im Blick haben, wird es uns möglich, Kapitalismus adäquat zu analysieren.

Balibar und Wallerstein untersuchen in „Rasse Klasse Nation: Ambivalente Identitäten“ die Entstehung von Rassismus in den europäischen Staaten und seine Bedeutung. Gab es zuvor regional unterschiedlich immer wieder „Fremdenfeindlichkeit“, so bedeutete Rassismus etwas grundsätzlich Neues und es wurde mit ihm und seinem Aufkommen ab der Reconquista im Jahr 1492 (Balibar, S. 32, 67) die Feindlichkeit gegenüber Menschen wirtschaftlich und gesellschaftlich funktional. Die im Band zusammengestellten Aufsätze, jeweils von einem der beiden Autoren verfasst, geben wichtige Anregungen, um gegen Rassismus streiten zu können, und sie zeigen Diskussionen, die Balibar und Wallerstein – kollegial – untereinander führten, mit dem Ziel, die Verhältnisse verstehen und möglicherweise praktische Antworten entwickeln zu können. weiter bei kritisch-lesen.

geschlechterreflektierte_arbeit_mit_jungen_webDissens e.V. (Hg.):
Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule.
Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungen, Geschlecht und Bildung

In einer gelungenen Zusammenstellung von Beiträgen aus der emanzipatorischen Bildungsarbeit wird nun auch Intergeschlechtlichkeit gut thematisiert.

Um die binäre Geschlechterordnung und ihr Gewordensein reflektieren und Auswege erarbeiten zu können, gehört praktisch orientiertes Material dazu. Davon gibt es bereits einiges – zudem sehr gutes –, das für die Kinder- und Erwachsenenbildung entwickelt wurde. Darin wird die gesellschaftliche Konstruiertheit von Geschlecht und die Konsequenz des massiven Anpassungsdrucks für die Menschen, sich den geschlechterstereotypen gesellschaftlichen Vorstellungen anzugleichen, altersgerecht und praktisch orientiert aufgearbeitet (vgl. für eine Übersicht u.a. die Zusammenstellung des Gender Netzwerks).

Ein vorzügliches neues Material stellt die Broschüre „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“ dar. Sie wird im Folgenden vorgestellt, wobei besonders auf einen Beitrag zu Intergeschlechtlichkeit (Intersexualität) hingewiesen wird. Querverweise gehen diesbezüglich auf zwei weitere Broschüren, in denen Intergeschlechtlichkeit ebenfalls thematisiert und in einem Fall gut und in dem anderen schlecht pädagogisch „aufbereitet“ wird. weiter

Gern möchte ich auf die Sendung "Sexualität - wir alle sind Zwitter" von Susanne Billig und Petra Geist bei WDR5, Sendung "Leonardo - Wissenschaft und mehr" hinweisen. Die Autor_innen diskutieren die Vielfältigkeit der Geschlechtsentwicklung, haben aber auch die aktuelle medizinische Gewalt gegen intergeschlechtliche (intersexuelle) Menschen mit im Blick.

Ebenfalls zu Thema:

Angeboren oder entwickelt? Zur Biologie der Geschlechtsentwicklung

Die individuelle und vielfältige Physiologie und Wirkung der „Geschlechtshormone“

und Audio:

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Zur gesellschaftlichen Konstruktion von biologischem Geschlecht - Heinz-Jürgen Voß from Schwulenreferat Gießen on Vimeo.

Es sind einige neue und gute Schulmaterialien mit praktischen Handreichungen erschienen, mit Blick auf Gender- und Diversity-Kompetenz - gegen rassistische und sexistische Diskriminierung -und dabei auch explizit für den Mathematik- und den naturwissenschaftlichen Unterricht:

1) Genderkompetenz im Mathematikunterricht: Fachdidaktische Anregungen für Lehrerinnen und Lehrer
...wendet sich den gesellschaftlichen Vorurteilen bzgl. unterschiedlicher Fähigkeiten von Jungen und Mädchen zu und regt Lehrer_innen an, diese zu reflektieren...

2) Gender_Diversity-Kompetenz im naturwissenschaftlichen Unterricht: Fachdidaktische Anregungen für Lehrerinnen und Lehrer
...fasst für die naturwissenschaftlichen Fächer Biologie, Chemie und Physik die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen und regt den tolerierenden Umgang auch mit geschlechtlicher Vielfalt an.

Schließlich gibt es noch einige weitere neue sehr gute Materialien, die sich allgemein der Anerkennung von Vielfalt in der Schule zuwenden:

3) Vielfalt, Integration, Zusammenleben. Unterrichtsmaterialien für die 7. und 8. Schulstufe
Download

4) Ganz schön intim: Sexualerziehung für 6 - 12 Jährige - Unterrichtsmaterialien zum Download
Download

"Neue feministische Perspektiven auf ‚Natur‘ und ‚Materie‘" liefert der von Elvira Scheich und Karen Wagels herausgegebene Band "Körper Raum Transformation - Gender-Dimensionen von Natur und Materie". Er verbindet oft als "essentialistisch" eingeordnete öko-feministische Perspektiven mit postkolonialen und queeren Ansätzen und solchen der Disability-Studies - und liefert nützliche Perspektiven, unter anderem diese (Ausschnitt aus einer Rezension):

"Eva Sänger verdeutlicht in ihrem vielfältig reflektierten Beitrag „Sonograms that matter: Zur Sichtbarmachung des Fötus in der Schwangerschaft“, im Anschluss an die Betrachtungen Barbara Dudens und Judith Butlers, wie der Embryo durch die Verbildlichung und den Sichtbarmachungsprozess erst hervorgebracht wird. Durch die Bildlichkeit kann überhaupt erst eine gewisse Art der Nähe und der Beschreibung des Embryos als vermeintliche ‚Person‘ greifen. Sänger macht klar: „Allerdings gilt gerade für wissenschaftliche Bilder, dass sie keine Abbilder eines unsichtbaren Phänomens sind. Referentialität, also die Beziehung zwischen einem Bild und einem externen Referenten, wird im Herstellungsprozess des Bildes auf der Grundlage von Berechnungen und Messungen erzeugt. Wissenschaftliche und medizinische Bilder sind Ergebnisse von Bildverfahren, die auf der Verarbeitung von Daten durch mathematische Algorithmen beruhen. […] Die Paradoxie wissenschaftlicher Bilder besteht mithin darin, dass sie mit dem Anspruch auftreten, etwas sichtbar zu machen, jedoch dieses etwas, auf das sie sich beziehen, in dieser Form jeweils erst herstellen“. (S. 127 f.)" (Die vollständige Rezension findet sich bei querelles-net.de, genau hier.)

Elvira Scheich, Karen Wagels (Hg.):
Körper Raum Transformation - Gender-Dimensionen von Natur und Materie.
Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2011.
258 Seiten, ISBN 978-3-89691-232-9, € 27,90
zum Buch beim Verlag

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