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Intersektionalität: Von der Antidiskriminierung zur befreiten Gesellschaft?

Ich freue mich, den neuen Band von Christopher Sweetapple, Salih Alexander Wolter und mir im Schmetterling-Verlag ankündigen zu können. Er erscheint im 1. Halbjahr 2020:

Cover des Buches "Intersektionalität"

Sweetapple, Christopher / Voß, Heinz-Jürgen / Wolter, Salih Alexander:
Intersektionalität: Von der Antidiskriminierung zur befreiten Gesellschaft?

Stuttgart: Schmetterling-Verlag
1. Auflage 2020, ca. 15 Euro
ISBN 3-89657-167-2
Informationen beim Verlag

Klappentext:
Intersektionalität wurde in der Bundesrepublik bereits seit den frühen 1990er-Jahren von Linken eingefordert, die als Jüdinnen, People of Color und/oder Menschen mit Behinderung ihre Situation als Mehrfachdiskriminierte im Ein-Punkt-Aktivismus etwa der Frauen- und Homobewegung nicht berücksichtigt sahen. Der deutschsprachige akademische Betrieb griff solche Kritik erst mit zehnjähriger Verspätung auf und behandelt sie zumeist als reinen Theorie-Import aus den USA. Heute erfährt der vor allem im queerfeministischen Spektrum of Color verbreitete intersektionale Ansatz, der den gängigen Rassismus thematisiert, zum Teil heftigen Widerspruch nicht nur – erwartbar – von rechts, sondern auch von links. Der Vorwurf lautet, hier werde «Identitätspolitik» zulasten eines Engagements für eine grundlegend andere, bessere Gesellschaft betrieben.
Vor diesem Hintergrund zeichnen die Autoren zunächst den Denkweg der Schwarzen US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw nach, die dem «provisorischen Konzept» Intersektionalität Ende der 1980er-Jahre nicht nur den Namen gab, sondern es in Antonio Gramscis Reflexionen zu einem westlichen Marxismus fundierte und zugleich «postmoderne» Ideen dafür politisch nutzbar machte. Daneben wird ein Überblick über das aktuelle Weiterdenken des Konzepts aus einer internationalen soziografischen Perspektive gegeben. Im zweiten Teil des Buches werden, mit zahlreichen Interview-Auszügen belegt, die Ergebnisse einer über mehrere Jahre hin bundesweit durchgeführten wissenschaftlichen Studie zu sexualisierter Gewalt gegen Jugendliche dargestellt. Hier zeigen sich überdeutlich die Notwendigkeit eines intersektionalen Ansatzes zur Prävention und der Stärkung migrantischer Selbstorganisation. In einem kurzen politischen Schlusskapitel wird das Fazit aus Theorie und Empirie gezogen: Bei der Intersektionalität geht es nicht um die Pflege von kulturellen Eigenheiten, sondern um eine gesamtgesellschaftlich ausgelegte «Untersuchung der Unterdrückung», die für linke Politik unter den heutigen Verhältnissen äußerst produktiv sein kann.

In der Ausgabe Nr. 66 der Zeitschrift "Malmoe" wurden mehrere Beiträge zur Frage "Welche Bedeutung hat Klasse heute?" veröffentlicht. Die Antworten verschiedener Autor_innen gehen nun nach und nach online - hier die Antwort von Salih Alexander Wolter und mir (auch hier online):

Nicht ohne Marx – und über ihn hinaus

Welche Bedeutung hat Klasse heute? Salih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß geben die vierte Antwort.

Die 'Klasse' – einst der Kernbegriff revolutionärer Theorie und Politik – wird in linken Ansätzen, die aktuell im deutschen Sprachraum diskutiert werden, oft nur noch mitgeschleppt. In der kulturwissenschaftlichen Wende der 1970er/1980er Jahre wurde Klasse schon beinahe für tot erklärt. Dass sie sich dennoch ins intersektionale Paradigma hinüberretten konnte, verdankt sie – kleine Ironie der Geschichte – der Borniertheit hiesiger Universitäten. Die lernten das neue Konzept nämlich lieber aus den Büchern nordamerikanischer Professorinnen, als es sich von den marginalisierten Frauen – oft Migrantinnen aus der Arbeiterklasse – erklären zu lassen, die es in ihren Kämpfen hierzulande zeitgleich entwickelt hatten. Nun haben es die deutschen und österreichischen Akademien also auch mit der Triade von Gender, Race, and Class zu tun, wissen aber mit der dritten dieser 'Hauptkategorien sozialer Ungleichheit' nicht viel anzufangen, weil sie – anders als die Vordenkerinnen aus den USA – vor marxistischen Analysen zurückschrecken.

Offenbar aus dem gleichen Grund droht eine Linke, die sich auf die 'Überwindung von Diskriminierung' beschränken will, deren Grundlagen aus den Augen zu verlieren. Denn die große Leistung des intersektionalen Ansatzes besteht gerade darin, scheinbar vorgegebene und unabänderliche Identitäten auf ineinandergreifende gesellschaftliche (Herrschafts-) Verhältnisse zurückzuführen. So werden Geschlecht und 'Rasse' heute als ebenso wenig 'natürlich' erkannt, wie es für die Klasse schon längst galt. Diese ergibt sich aus dem Kapitalverhältnis, das "Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der andren" (MEW 23: 641) einander gegenüberstellt. Sicher genügt diese Formel nicht, eine komplexe Gegenwart zu fassen, in der z. B. einerseits auch millionenschwere Bankvorstände letztlich nur Angestellte sind, andererseits selbst prekarisierte Bewohner_innen der Metropolen noch von der Überausbeutung von vor allem Frauen im Globalen Süden profitieren. Aber falsch und gefährlich ist es, wenn neuerdings unter dem Stichwort ›Anti-Klassismus‹ die Klasse mitunter quasi 're-naturalisiert' wird.

Stattdessen gilt es, den Begriff sowohl analytisch zu füllen, als auch mit der lebensweltlichen Erfahrung rückzukoppeln. Es gilt, das Zusammenspiel von Rassismus, Sexismus und Kapitalismus zu verstehen, mit dem Europa die Welt kolonisiert hat (Immanuel Wallerstein / Étienne Balibar), und zu erkennen, dass es heute eine hierarchische und ihrerseits globalisierte Strukturierung der Preise der Arbeitskraft gibt (Samir Amin, Gayatri Chakravorty Spivak). Und es gilt zu durchschauen, wie in unseren Gesellschaften 'Diversity' funktioniert, indem unterschiedliche Bedürfnisse gegeneinander ausgespielt und soziale Unterschiede kulturalisiert werden. Wenn es ums Ganze gehen soll, braucht es einen erneuerten Klassenbegriff. Der wird ohne Marx nicht zu haben sein und zugleich über ihn hinausgehen müssen – rassismuskritisch, antisexistisch, verqueert.

Malmoe, online seit 26.04.2014 20:43:07 (Printausgabe 66)

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GID_Titel220Sehr lesenswert ist die aktuelle Schwerpunktausgabe "Biologisierung der Armut: Genetik und soziale Ungleichheit" des Gen-ethischen Informationsdienstes GID. Insbesondere zu empfehlen sind der Beitrag "Der Ausschluss der Armen" (von Friederike Habermann) und "'Arbeitsscheu' und 'asozial'" (von Dirk Stegemann). Habermann zeichnet nach, wie unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen immer mehr Menschen ins Abseits gedrängt werden und ihre Situation zugleich naturalisiert wird. Spezifische Verhaltensempfehlungen sowohl für die Prekarisierten als auch für die Privilegierten zeigt Habermann als Herrschaftsmechanismen auf.

Dirk Stegemann arbeitet nach, wie in der deutschen Geschichte und aktuell Menschen als 'asozial' diffamiert wurden und werden. Er erarbeitet prägnant die Verfolgungsgeschichte in der Nazi-Zeit und die mangelnde Aufarbeitung der Verbrechen nach 1945 - eine Anerkennung der Verfolgung von so genannten 'Asozialen' fehle bis heute. Gleichzeitig erläutert Stegemann, wie erst mit dem kapitalismus - verbunden mit der 'protestantischen Arbeitsethik' - überhaupt ein Denken aufkommt, dass Arbeiten der Zweck des Menschseins sei. Stegemann schreibt: "Mit der Industrialisierung [...] setzte sich das von der Kirche und insbesondere von den Calvinist_innen propagierte Arbeitsethos durch, nach dem nicht essen sollte, wer nicht arbeitet. War 'Arbeit' in der Antike zum Teil regelrecht verpönt, wurde sie mit der Reformation zur 'Berufung' und Pflicht. [...] Erst dieses Arbeitsethos ermöglichte es, die gesamte Bevölkerung, ihre Lebensweise und ihren Arbeitsrhythmus den Anforderungen der kapitalistischen Produktion zu unterwerfen, und es bildet bis heute die Grundlage der kapitalistischen Ökonomie." (S.17)

Allein der Beitrag von Jörg Niewöhner zur Epigenetik geht, abseits der materiellen Grundlagen, Zukünften epigenetischer Forschung nach. Er betrachtet dabei allein die aktuelle Epigenetik und argumentiert gerade nicht auch aus ihrer Historie heraus. Conrad Hall Waddington prägte den Begriff und das Forschungsgebiet bereits zu Beginn der 1940er Jahre und fokussierte sämtliche Bestandteile der Zelle außer der DNA, die an der Ausbildung von Merkmalen Anteil haben könnten. Er ging damit von Prozesshaftigkeit und einer Vielfalt von wirkenden Faktoren aus. Die heutige Epigenetik untersucht hingegen nur noch jene Faktoren, die direkt an der DNA angreifen - man muss also von einer Genetisierung der Epigenetik sprechen. Diese Entwicklung ist auch der ganz materiellen Grundlage geschuldet, dass die Genetik über Jahrzehnte massiv gefördert wurde. Nach dem Scheitern genetischer Erklärungen - u.a. durch die 'ernüchternden' Ergebnisse des Humangenomprojekts - suchten Genetiker zunehmend weitere Arbeitsfelder, nutzten und bedingten den Hype der Epigenetik (vgl. auch hier). Wie bei der Dominanz 'genetischer Expertise', mit der Epigenetik grundlegend andere Forschungsfragen und -ergebnisse als in der Genetik möglich werden sollten, erschließt sich nicht.

balibar_wallersteinÉtienne Balibar, Immanuel Wallerstein
Ambivalente Identitäten: Rasse, Klasse, Nation

Das bereits vor mehr als 20 Jahren erschienene Buch ist in Zeiten der Krise des Kapitalismus nach wie vor hochaktuell.

Die aktuellen und nicht mehr abebbenden Krisenerscheinungen des Kapitalismus machen dringlich deutlich, wie notwendig es ist, eine gerechte Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Marxistische Theorien liefern hierfür eine Basis, die es weiterzuentwickeln gilt, wobei gerade aus den praktischen Fehlern und theoretischen Leerstellen des Ende der 1980er Jahre zusammengebrochenen Staatssozialismus zu lernen ist. Durch die „neue Marxlektüre“ im Anschluss an Michael Heinrichs „Kritik der politischen Ökonomie“ (theorie.org) wurde dieser Lernprozess erheblich befeuert und es zeigt sich in Gesprächen, auf Blogs und in Zeitschriften, wieviele Menschen über Herrschaftsverhältnisse nachdenken und dabei auch verstehen wollen, wie Rassismus, Sexismus und Klassenunterdrückung miteinander verschränkt sind und was die Privilegierten von den Unterdrückten und Ausgebeuteten scheidet.

Einige Publikationen – auch aus den 1980er Jahren – können dem Nachdenken neue Impulse geben. Neben den Arbeiten von Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein – von denen eine gemeinsame Schrift im Folgenden vorgestellt wird – sind es gerade die Bücher von Angela Davis, Gayatri Chakravorty Spivak, Kimberlé Crenshaw und Samir Amin, die weitergehende Einsichten versprechen. Sie alle fokussieren Rassismus und Sexismus und ihre Bedeutung für Klassenunterdrückung. Und sie denken global: Nur wenn wir gleichermaßen das kapitalistische Zentrum und die Überausbeutung der Peripherie im Blick haben, wird es uns möglich, Kapitalismus adäquat zu analysieren.

Balibar und Wallerstein untersuchen in „Rasse Klasse Nation: Ambivalente Identitäten“ die Entstehung von Rassismus in den europäischen Staaten und seine Bedeutung. Gab es zuvor regional unterschiedlich immer wieder „Fremdenfeindlichkeit“, so bedeutete Rassismus etwas grundsätzlich Neues und es wurde mit ihm und seinem Aufkommen ab der Reconquista im Jahr 1492 (Balibar, S. 32, 67) die Feindlichkeit gegenüber Menschen wirtschaftlich und gesellschaftlich funktional. Die im Band zusammengestellten Aufsätze, jeweils von einem der beiden Autoren verfasst, geben wichtige Anregungen, um gegen Rassismus streiten zu können, und sie zeigen Diskussionen, die Balibar und Wallerstein – kollegial – untereinander führten, mit dem Ziel, die Verhältnisse verstehen und möglicherweise praktische Antworten entwickeln zu können. weiter bei kritisch-lesen.

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