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Gern weise ich auf ein paar Rezensionen aktueller Bücher hin, die ich für socialnet.de verfasst habe. Im Folgenden jeweils ein kurzer Auszug - und der Link zum Weiterlesen:

(1) “Queer Wars: Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung”; von Dennis Altman und Jonathan Symons:

Gegen westliche Bevormundung werden Altman und Symons noch deutlicher: „Radikale Ideen voranzutreiben oder eine zu große Sichtbarkeit herzustellen in Gesellschaften, in denen nicht jede Sexualität als eine legitime Identität aufgefasst wird, kann einen Rückschlag provozieren, der vorhandene sexuelle Freiheiten sogar wieder zurückdrängt.“ (S. 138) [...] Leichtgängig liefern Altman und Symons in Freundls Übersetzung dem deutschsprachigen Publikum einen Zugang zum internationalen Stand aktueller Debatten um die Emanzipation von LSBTIQ.

Rezensiert auf: socialnet, 26.1.2018 (Online).

(2) “Schweigen = Tod, Aktion = Leben. ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993”; von Ulrich Würdemann:

Ulrich Würdemann liefert mit dem vorliegenden Band einen hervorragenden Einstieg in Betrachtungen zu ACT UP in Deutschland. Er räumt mit dem mitunter angenommenen Mythos auf, dass HIV/Aids-Aktivismus, Aidshilfen und Schwulenbewegung ineinander aufgingen. Vielmehr stellt er die Diskrepanzen zwischen ACT UP auf der einen Seite und Schwulenbewegung und Aidshilfen auf anderen Seiten heraus. Besonders betont er die gegen HIV-Positive feindliche Politik, wie sie vor allem von Peter Gauweiler und Horst Seehofer betrieben wurde.

Rezensiert auf: socialnet, 25.1.2018 (Online).

(3) “Demo. Für. Alle. Homophobie als Herausforderung”; von Detlef Grumbach (Hg.):

Der vorliegende Band formuliert zuallererst ein Unbehagen mit den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen. Rechte und reaktionäre Strömungen stellen, so die Autoren, eine zunehmende Bedrohung für LSBTIQ* dar – und Anhänger(_innen) von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien und Initiativen fänden sich auch unter LSBTIQ* selbst. Wichtig am Band ist, dass er diese Verunsicherung transparent macht und mit einigen theoretischen Überlegungen unterfüttert. Gleichzeitig werden aus einigen Beiträgen Ansätze für Strategien gegen diese reaktionären Strömungen deutlich: Vielfach wird die Koalition mit anderen Gruppen angesprochen, die der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt in LSBTIQ* Rechnung tragen, aber auch mit anderen Marginalisierten zusammengehen sollte. Das Stichwort Intersektionalität taucht auf, auch das gemeinsame Streiten gegen Rassismus und Geschlechterhierarchie. Hier wird anzusetzen sein – und könnte mit einer Selbstreflexion schwuler Kontexte begonnen werden.

Rezensiert auf: socialnet, 24.1.2018 (Online).

(4) “Magnus Hirschfeld und seine Zeit”, von Manfred Herzer:

Das Buch ist ein unbedingtes Muss für alle diejenigen, die sich mit schwuler Geschichte im Allgemeinen und mit Magnus Hirschfeld und seinen Zeitgenoss_innen im Besonderen beschäftigen. Es stellt einen sehr guten Auftakt für die weitere Debatte dar.

Rezensiert auf: socialnet, 29.1.2018 (Online).

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Geradezu mystisch wird heute das Jahr 1968 aus sexueller Sicht gesehen. Mit ihm verbinden sich Gedanken zur sogenannten Sexuellen Revolution und insgesamt der Befreiung des sexuellen Tuns der Menschen von bürgerlichen Konventionen. In der BRD wird mit der Sexuellen Revolution auch ein Bruch mit den Nazi-Eltern verbunden.

Eine solche Beschreibung greift kurz und wird weder dem realen Streiten noch den damaligen gesellschaftlichen Veränderungen gerecht. Das beginnt schon bei der zeitlichen Einordnung: Bereits 1967 wurde die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gegründet und schon zuvor gab es sexualpädagogische Konzepte, die in einigen Bundesländern der BRD und gerade auch in Westberlin staatlich-organisatorisch entwickelt wurden [1]. Bereits die geschichtlichen Ereignisse des Jahres 1967 in Westberlin und dann in der ganzen BRD – mit den Protesten gegen den Schah-Besuch und denen im Anschluss an die Ermordung von Benno Ohnesorg durch einen Polizisten – sind bedeutsam. Und es ist die oftmals vernachlässigte Schülerbewegung (Schüler_innenbewegung) zu berücksichtigen, die gleichzeitig zur Studierendenbewegung stattfand, bereits 1967 stark war und sich im Juni zum „Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler“ (AUSS) zusammenschloss. Die Schüler_innenbewegung befasste sich rasch auch mit Fragen des Sexuellen – und brachte es in die Diskussion. Es wurde unter anderem eine emanzipatorische und die Sexualität bejahende Sexualpädagogik für Schulen gefordert. Auch wurde von den Schüler_innen gegen die Schutzaltergrenzen und die Bedrohung gleichgeschlechtlichen Sexes revoltiert. Sich vielmehr der Schülerbewegung (Schüler_innenbewegung) zuzuwenden, könnte gerade für Themen des Sexuellen einige Fragen erhellen – und die Schüler_innenbewegung hatte Reichweite: Etwa „Das kleine rote Schülerbuch“, das dann ab 1969 erschien, erreichte Auflagen im sechsstelligen Bereich.

Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die Ost-West-Aushandlungen, die sich um die Proteste darstellen. Hier besteht einiger Forschungsbedarf, da bislang die Fragestellungen rund um „die 68er“ oftmals aus der einen oder anderen Perspektive zugespitzt wurden und gründliche wissenschaftliche Perspektiven, die West wie Ost gleichermaßen würdigen, kaum zu finden sind. In Bezug auf die sexuellen Fragen ist hier bedeutsam, dass bereits am 12. Januar 1968 die Volkskammer der DDR ein neues Strafrecht und Strafprozessrecht billigte. Galten in der DDR zum Beispiel niemals die Nazi-Verschärfungen des Paragrafen 175, der mann-männlichen Sex unter Strafe stellte und fanden dort in wesentlich geringerem Umfang als in der BRD und weitgehend „nur“ bis 1957 Verurteilungen von Männern wegen homosexueller Handlungen statt, so markiert das neue Strafrecht einen Einschnitt: Nun wurde eine Regelung eingeführt, die „lediglich“ eine unterschiedliche Schutzaltergrenze vorsah. Im neuen Paragrafen 151, der den Paragrafen 175 in der DDR ablöste, heißt es: „Ein Erwachsener, der mit einem Jugendlichen gleichen Geschlechts sexuelle Handlungen vornimmt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft.“ [2] Für gleichgeschlechtlichen Sex galt damit juristisch eine Schutzaltergrenze von 18 Jahren; für andersgeschlechtlichen Sex galt hingegen eine von 16 Jahren. Gewiss problematisch, aber dennoch auch als Akt der „Anerkennung/(An-)Erkennung“ weiblicher Sexualität zu verstehen [3], galt der Paragraf 151 nun „gleichberechtigt“ sowohl für mann-männlichen als auch für frau-weiblichen Sex. Bedeutsam wären für eine genaue Einordnung der „Sexuellen Revolution“ und der sich ergebenden gesellschaftlichen sexuellen Verhältnisse ausführliche Betrachtungen zum Werdegang dieses Strafgesetzes – und seine Bedeutung für Debatten in Westberlin und der BRD. (Dass es ganz deutliche wechselseitige Beeinflussungen von Ost und West gab, ist bekannt und wird etwa aus der Rezeption von Maxi Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“ und von Verena Stefans und Christa Wolfs Interaktionen deutlich [4].)

Schließlich soll hier noch ein dritter Aspekt thematisiert werden: „Sexualität“ als Konzept ist historisch nicht überzeitlich, sondern neu. Es kommt erst mit der „modernen“, der bürgerlichen Gesellschaftsordnung auf. Auch vorher hatten Menschen geschlechtliche Handlungen, die wir heute als sexuell verstehen – aber diese folgten anderen Prämissen. So kommt neu mit dem Konzept der „Sexualität“ auf, dass sehr „nahe“ und „zärtliche“ Handlungen mit ihrem Gegenteil – sexualisierter Gewalt – zusammenfasst als „sexuell“ bezeichnet werden [5], anstatt Intimität und Nähe auf der einen Seite zu sehen und Gewalt und Vergewaltigung ganz anders zu definieren. Auch sind erst seit der Moderne die intimen Handlungen starr von Freundschaft abgrenzt; und auch erst seitdem gibt es die starren binären Kategorien „Heterosexualität“, Homosexualität“ und „Bisexualität“. Dafür dass ein solches Verständnis und ein solches Konzept von „Sexualität“ erst mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung aufkommen, liegen Analysen vor: mit meiner Beteiligung sind das insbesondere das Buch „Queer und (Anti-)Kapitalismus“, das Salih Alexander Wolter und ich gemeinsam verfasst haben, und – spezifisch für „Homosexualität“ – das Buch „Biologie & Homosexualität“ und vertiefend das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ (gem. mit Zülfukar Çetin). Auch an die Erkenntnisse zur Entwicklung und Etablierung des „Sexualitäts-“Konzeptes anschließend, lohnt es sich weiterzudenken. Damit ließe sich auch der Frage nachgehen, unter welchen Bedingungen normative Setzungen so grundlegend in Frage gestellt werden könnten, sodass von einer „Sexuellen Revolution“ gesprochen werden kann.

 

[1] Vgl. für einen Überblick: Christin Sager, „Das aufgeklärte Kind: Zur Geschichte der bundesrepublikanischen Sexualaufklärung (1950-2010)“ (Bielefeld: 2015).

[2] Siehe etwa: http://www.verfassungen.de/de/ddr/strafgesetzbuch68.htm (Zugriff: 4.1.2018).

[3] Vgl. zur Begriffsverwendung von „Anerkennung“ die differenzierten Ausführungen im von Zülfukar Çetin und mir veröffentlichten Band „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ (Gießen: 2016). Dort legen wir dar, dass im Begriff „Anerkennung“ positive Aspekte (juristische Gleichstellung) und negative Aspekte (staatliche Verfolgung) zusammenfließen.

[4] Vgl. etwa zur Bezugnahme der – leider kürzlich verstorbenen – Verena Stefan auf Christa Wolf das TAZ-Interview mit Verena Stefan „Ich bin keine Frau. Punkt.“ Vom 10. Mai 2008. Online: http://www.taz.de/!5182326/ (Zugriff: 4.1.2018).

[5] Siehe: Thomas Bauer, „Die Kultur der Ambiguität: Eine andere Geschichte des Islams“ (Berlin: 2011, hier: S. 271-277).

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Eine Kritik kann bereichernd sein. Sie kann dazu führen, dass Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden. Sie kann gut formuliert sein, und sie kann, obwohl oder gerade weil sie scharf ist, Spaß bereiten. Es ging mir schon so, dass ich eine Kritik als so beißend und unzutreffend erlebte – und ihr gleichzeitig Respekt zollen musste, auf Grund ihres Stils und einer bemerkenswerten Wortgewandtheit. Eine solche Kritik bedeutet für mich aber auch stets, dass eine gewisse Ebene gewahrt wird: Es geht einer Kritik um die Sache, um die Auseinandersetzung – nicht um Denunziation, Verleumdung und Beleidigung der Diskussionspartner_innen oder eben auch einmal der Gegner_innen.

Eine solche Kritik sucht man in dem Buch „Beißreflexe“ vergebens. Die dortige Kritik hat keinen intellektuellen Biss, sondern will nur verletzen. Statt sich die Mühe zu machen, sich mit Argumenten von Diskussionspartner_innen oder „Gegner_innen“ pointiert auseinanderzusetzen, werden sie verzerrt, unvollständig und unaufrichtig dargestellt. Bereits der Titel „Beißreflexe“ – und wie er vom Herausgeber und den Autor_innen eingeführt wurde – nimmt den Diskussionspartner_innen und den stilisierten Gegner_innen das Argument aus dem Mund: Es sei ja doch nur eine – so wird unterstellt – der „üblichen“ und „nicht gerechtfertigten“ Positionen, die da kommen würde, eben „Beißreflexe“. Wer die von den Macher_innen von „Beißreflexe“ lancierte Twitter-Diskussion verfolgt hat, merkte rasch, wie sie sich geradezu nach der Selbstverteidigung der Angegriffenen sehnten, um dann gleich zu SCHREIEN, dass das ja alles Beißreflexe seien.

Johannes Kram führte in einer Auseinandersetzung mit einer Vorstellung des „Beißreflexe“-Buches aus, dass auch „ein LGBTIQ*-Populismus“ nicht grundsätzlich „schlecht sein muss“ (1). Gerade in der aktuellen, durch Rechtspopulismus getragenen Entwicklung könne er in der Lage sein, die Interessen von LGBTIQ* so zuzuspitzen, dass sie gesellschaftlich weiterhin verstanden würden. Doch der Herausgeber des Sammelbandes „Beißreflexe“, Patsy l’Amour laLove, „belässt es nicht beim Zuspitzen“ (ebd.). Kram führt weiter aus: „Ein Argument ist dann falsch, wenn es nicht argumentiert, sondern behauptet, wenn es so tut, als ob man sich mit der Annahme seiner Unrichtigkeit gar nicht beschäftigen muss. Aber es ist nicht nur die Wortwahl rund um den Vorwurf vermeintlicher ‚Sprechverbote‘, der Pose des ‚das wird man doch wohl endlich mal sagen dürfen‘, mit der sich Patsy hier verirrt, es ist das Prinzip dahinter: Ein Populismus, der nicht zuspitzt, sondern verzerrt.“ (Ebd.) Weiterlesen

Gern weise ich auf das Interview in der Siegessäule hin, in dem die Zeitschrift rechte Entwicklungen insebesondere in der schwulen Community in den Fokus rückt. Am Ende sage ich mit Blick auf Handlungsmöglichkeiten:

"Durch Streiten und gesetzliche Entscheidungen hat sich die Situation von Schwulen und Lesben verbessert, gerade wenn sie nicht antisemitisch, rassistisch oder transfeindlich diskriminiert sind – sie, auch ich, können dieses Privileg nutzen, um Marginalisierte zu unterstützen, anstatt sich darauf einzuschießen, die allerbesten und allerbürgerlichsten nationalen Deutschen zu werden. Anstatt uns zu bemitleiden und von „Sprechverboten“ zu schwadronieren, könnten wir weißen Schwule uns reflektieren und gucken, wo wir selbst diskriminieren und verletzen! Es geht darum, eigene Vorurteile zu bearbeiten und an den Sichtweisen anderer interessiert zu sein. Ja, vielleicht ist es das: Interessiert sein, lernen zuzuhören – das ist es, was uns alle weiterbringen kann. Zum Beispiel freue ich mich persönlich darauf, bei der Veranstaltung in Berlin-Weißensee die künstlerischen Arbeiten von Rüzgâr Buşki und Tal Iungman sehen zu können und darüber ins Gespräch zu kommen." Das ganze Interview gibt es hier.

Gestern ist der bekannte schwule spanische Schriftsteller Juan Goytisolo gestorben, der wunderbare Bücher verfasst hat. An dieser Stelle möchte ich an ihn erinnern - mit einem Text, den Salih Alexander Wolter mit Blick auf das Leben und Werk von Juan Goytisolo verfasst hat (in der Fassung vom 18. August 2014):

Salih Alexander Wolter
Türkisch lernen mit Juan Goytisolo

«Da ich mich in dieses Viertel vollkommen integriert fühle…»
Einer meiner Lieblingssätze von Juan Goytisolo steht in keinem seiner Bücher, sondern in dem Band Die brennende Bibliothek des US-amerikanischen Autors Edmund White, der ihn in den 1980er Jahren für ein Interview im zentralen Pariser Viertel Le Sentier besuchte.

Dies ist für den in Barcelona 1931 in einer großbürgerlichen Familie geborenen Erzähler und Essayisten, der als einer der bedeutendsten Schriftsteller spanischer Sprache gilt, «die Definition von Großstadt schlechthin».1 Dort war er – mochte er zuletzt auch immer ausgedehntere Reisen in die sogenannte ‹islamische Welt› unternehmen – jahrzehntelang zu Hause: seit er 1956 Francos Spanien verließ, dessen noch vom Bürgerkrieg traumatisierte Gesellschaft und orientierungslose Jugend unter dem falangistischen Regime er in seinen sozialrealistischen frühen Romanen schilderte, die auf Anhieb internationalen Erfolg hatten. Er zog bei Monique Lange ein, die als Tochter jüdischer Intellektueller während der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland in Indochina aufgewachsen war, sich in der Französischen Kommunistischen Partei engagierte und für den großen Verlag Gallimard arbeitete – wie dann bald auch er, der als Lektor besonders die junge lateinamerikanische Literatur förderte. Lange, die später selbst als Autorin hervortrat, machte ihren Gefährten mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir bekannt, führte ihn in den Kreis um Marguerite Duras ein und vermittelte ihm die für sein weiteres Leben entscheidende Freundschaft mit Jean Genet. Viele Jahre nachdem Goytisolo ihr offenbart hatte, «völlig, endgültig, unwiderruflich homosexuell» zu sein,2 heirateten sie, und erst nach ihrem Tod 1996 sollte er ganz nach Marrakesch übersiedeln. Weiterlesen auf der Seite von Salih Alexander Wolter.

Sehr gern weise ich auf die Veranstaltung #zur debatte# in der Kunsthalle Berlin hin. Sie findet am kommenden Dienstag, 6. Juni 2017, ab 17:30 Uhr statt. Mit dabei sind die Beiträge:

  • Vielfalt anerkennen, Debatten wertschätzend führen - Wege zu einer guten Diskussionskultur
    Heinz-Jürgen Voss
  • #direnayol (#resistayol) (Kanka Productions, 2016)
    Rüzgâr Buşki
  • How was your day? (Tal Iungman, 2016)
    Tal Iungman

Ausführliche Informationen finden sich hier. Alle Interessierten sind zur Veranstaltung herzlich eingeladen!

Bereits im Vorfeld führt die Siegessäule ein Gespräch unter dem Titel "Was fasziniert Schwule, Lesben oder Trans*menschen an der AfD?". Das Interview mit meinen Antworten findet sich hier.

Schön, dass sich Menschen Zeit für genaue Analysen nehmen. Verqueert.de hat das als Wahlanalyse in Bezug auf trans*, inter*, queere, lesbische und schwule Themen gemacht und einen lesenswerten Überblicksbeitrag verfasst. Auf diesen weise ich hiermit gern hin:

Die große Leere – Parteiencheck zur Bundestagswahl Teil 1: Was ist in der vergangenen Legislatur passiert? - Hier gehts zum Beitrag.

Einen Folgebeitrag zu den jetzt nach und nach formulierten und erscheinenden Wahlprogrammen für die kommende Bundestagswahl kündigt verqueert.de bereits an.

Wer feste Identitäten mag, ist in der schwulen Literatur und Kunst in der Regel nicht richtig. Dort zeigen sich Auflösungen und ambige Aushandlungen, die sexuelle Akte, Verlangen und konkretes menschliches Miteinander in den Mittelpunkt stellen. Oder, wie Dirck Linck im vorliegenden Buch Hubert Fichte zitiert:

„Ich lobe den Arsch, den ich fühlen kann, sehen, riechen, schmecken, hören, den sinnlichsten von allen! […] Ich lobe den Arsch, der ist wie ein Auge, das wie die Welt ist, die wie ein Arsch ist!“ (Pubertät; nach: Linck, S. 118)

Wunderbar, dass es literaturwissenschaftliche Meister_innen gibt, die auch jenen einen Zugang zu Literatur ermöglichen, die erst eine kleine Hilfestellung benötigen – einen freundlichen Hinweis. Ich bin eine solche Person, die für Hilfestellung dankbar ist, die gern liest, aber gern auf andere Lesweisen aufmerksam gemacht wird. Dirck Linck gehört zu denen, die zur Hilfestellung in der Lage sind. Er ist ein ausgewiesener Kenner der subversiven, gendervarianten, schwulen und queeren Literatur – und macht Lust darauf, sie zu lesen, neu zu interpretieren und sich von ihr neu, politisch und aktivistisch inspirieren zu lassen. Und Linck schlägt anregende Perspektiven selbst vor, über die der Austausch lohnt. Continue reading “Schwule Literatur, Kunst und Politik – Besprechung des Buches “Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur” von Dirck Linck” »

Sehr gern weise ich auf die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Siegessäule (Dezember 2016) hin - einerseits zum Schwerpunkt HIV und einem Jahresrückblick. Andererseits diskutiert Roberto Manteufel im Heft, in seiner Kolumne „Seitenblick“, das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“. Er merkt unter anderem an: „In ihrem Buch gehen [Çetin und Voss] ans Eingemachte. Sie skizzieren, wie das Wort ‚homosexuell‘ allein schon durch seine historischen Ursprünge rassistisch gefärbt wurde. ‚Echte Homosexualität‘ fände sich zum Beispiel nur bei reichen weißen Nordeuropäern, konstatierte Hirschfeld. Ursprünge, die bis heute ihre Wellen schlagen. Denn – um mal so richtig die Ironiekeule zu schwingen – wir als weiße, aufgeklärte Schwule wissen schon, wie es geht. Also in Sachen Toleranz und Miteinander und überhaupt. Dagegen sehen zum Beispiel die Muslime so richtig alt aus. […] Klingt doch einleuchtend. Nur stimmt das wirklich? Erschreckend klar analysieren Çetin und Voss, wie hinter solchen Gedankengängen ein neues Wir-Verständnis steht, das auch hervorragend als politisches Kampfinstrument dient. Denn Wir, das sind inzwischen auch wir Homos. Wir sind die treuen Demokraten, die gebildet sind und euch den Wohlstand bringen, wenn ihr es nur richtig macht. Vertraut uns bitte, denn was wahre Freiheit ist, das wissen einzig wir. Denn Wir, das sind diejenigen, die in Schwarz und Weiß denken, in Okzident und Orient, in fortschrittlich und rückständig. Ganz ehrlich, Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das riecht nach großem Ärger.“ (Siegessäule, Dezember 2016, S. 49) Die ganze Zeitschrift bekommt ihr digital auf www.siegessaeule.de und als gedrucktes Heft in zahlreichen Bars und Kneipen.

# Übersicht über weitere Rezensionen zum Buch: hier.
# Informationen zum Buch: hier.
# PS: Nun ist das Buch "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität", zusätzlich zur gedruckten Fassung, auch kostenlos als PDF-Datei verfügbar.

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Gastbeitrag von zwei Teilnehmenden der Veranstaltung

Berlin: Es sollte ein heiterer Abend werden – mit Tunten-Performance und einem starken Zeichen für mehr Offenheit gegenüber der eigenen Weiblichkeit in der Schwulen-Szene. Was aber am 18. November 2016 bei der von Patsy l'Amour laLove gehosteten „Polymorphia“ im SchwuZ abging, war krass.

Ausgangspunkt war eine spontane Stand-up-Performance einer weiß-deutschen Darstellerin, die sich als „Geschichtslehrerin“ vorstellte. Sie holte das Thema Konzentrationslager und Nazi-Zeit auf die Bühne. Inhalt der Performance war eine Klassenfahrt zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Einer der größeren Witze richtete sich darauf, dass die Schüler dort ja nur zu Besuch seien – sie und Publikum: „Haha“. Sie jammerte darüber, dass die Gedenkstättenpädagogik sie sicherlich als Nazis wahrnehmen würde, denn die Kids hätten lieber geredet und wären nicht so aufmerksam gewesen.

Sie sei aber kein Nazi, auch wenn sie - bei ihrer Performance - hohe Lederstiefel trage – sie und Publikum: „Haha“.

Dann hätten ihr zwei (gleichgeschlechtliche) Schüler_innen erzählt, dass sie jetzt zusammen seien. Sie – die Lehrerin – sei ja vor der Klasse geoutet. Sie habe die beiden trotzdem angeherrscht, dass sie leise sein sollten, weil sie ja schließlich „im KZ“ seien. Nachher habe sie sich geschämt, denn es könne nicht angehen, dass sich „Schwuchteln“ an so einem Ort gegenseitig zum Schweigen brächten, schließlich seien sie dort ermordet worden.

Das Ganze wurde in selbstkommentierter Slapstick-Art performt. Das Publikum ist mitgegangen, hat den Auftritt am Ende beklatscht, und zwischendurch wurde erheitert gelacht. Dass ein solch skandalöser Auftritt mittlerweile durchgeht, dass das Publikum johlend mitmacht, weist auf einen bedenklichen Zustand der schwulen Szene hin – zumindest derjenigen, die dort war. Die „Geschichtslehrerin“ wurde weder von der verantwortlichen Einladenden noch vom Publikum von der Bühne gepfiffen, obwohl sie einerseits einem Schlussstrich-Diskurs zuarbeitete – das KZ könne verlacht werden, und es sei vollkommen selbstverständlich, dass Schüler_innen eine Geschichtsstunde dort nicht ernst nehmen würden. Gleichzeitig wird einer reinen Opfergeschichte in Bezug auf Schwule zugearbeitet. Ist das das neue selbstgerechte weiß-deutsche Geschichtsbild, das Schwule vermitteln wollen? - sollten sich die „Geschichtslehrerin“, Patsy l'Amour laLove, das SchwuZ und das Publikum fragen. Warum wird mit einer solchen Geschichtsklitterung auf der Bühne gearbeitet – anstatt sich ernsthaft einer Erinnerungsarbeit anzunehmen, in der differenziert Opfer- und Täterschaft von schwulen Männern nachgespürt wird – hier könnte auch Performance einen Beitrag leisten. Wenn es aber einer Darstellerin offenbar nicht möglich ist, ein Thema angemessen zu erarbeiten, dann sollte sie es besser lassen und stattdessen ein Geschichtsbuch lesen oder eine echte Geschichtslehrerin fragen!

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