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Sehr gern weise ich auf das gerade erschienene Buch "Queere (Un-)Sichtbarkeiten. Die Geschichte der queeren Repräsentationen in der türkischen und deutschen Boulevardpresse" von Yener Bayramoğlu hin. Es ist sehr lesenswert - ich habe es gerade für soicalnet.de rezensiert:

Der vorliegende Band beschäftigt sich mit den Darstellungen von LSBTI* (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter*) in deutschen und türkischen Boulevardmedien. Yener Bayramoğlu hat dazu die Tageszeitungen „Bild“ (Deutschland) und „Hürriyet“ (Türkei) auf relevante Inhalte zu Genderambiguität, Lesben, Trans* und Schwulen ausgewertet. Die Ergebnisse stellt er vergleichend dar und ordnet sie theoretisch in die Forschungen zu Sichtbarkeit / Unsichtbarkeit ein.

Zur Rezension gehts: hier.

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Geradezu mystisch wird heute das Jahr 1968 aus sexueller Sicht gesehen. Mit ihm verbinden sich Gedanken zur sogenannten Sexuellen Revolution und insgesamt der Befreiung des sexuellen Tuns der Menschen von bürgerlichen Konventionen. In der BRD wird mit der Sexuellen Revolution auch ein Bruch mit den Nazi-Eltern verbunden.

Eine solche Beschreibung greift kurz und wird weder dem realen Streiten noch den damaligen gesellschaftlichen Veränderungen gerecht. Das beginnt schon bei der zeitlichen Einordnung: Bereits 1967 wurde die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gegründet und schon zuvor gab es sexualpädagogische Konzepte, die in einigen Bundesländern der BRD und gerade auch in Westberlin staatlich-organisatorisch entwickelt wurden [1]. Bereits die geschichtlichen Ereignisse des Jahres 1967 in Westberlin und dann in der ganzen BRD – mit den Protesten gegen den Schah-Besuch und denen im Anschluss an die Ermordung von Benno Ohnesorg durch einen Polizisten – sind bedeutsam. Und es ist die oftmals vernachlässigte Schülerbewegung (Schüler_innenbewegung) zu berücksichtigen, die gleichzeitig zur Studierendenbewegung stattfand, bereits 1967 stark war und sich im Juni zum „Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler“ (AUSS) zusammenschloss. Die Schüler_innenbewegung befasste sich rasch auch mit Fragen des Sexuellen – und brachte es in die Diskussion. Es wurde unter anderem eine emanzipatorische und die Sexualität bejahende Sexualpädagogik für Schulen gefordert. Auch wurde von den Schüler_innen gegen die Schutzaltergrenzen und die Bedrohung gleichgeschlechtlichen Sexes revoltiert. Sich vielmehr der Schülerbewegung (Schüler_innenbewegung) zuzuwenden, könnte gerade für Themen des Sexuellen einige Fragen erhellen – und die Schüler_innenbewegung hatte Reichweite: Etwa „Das kleine rote Schülerbuch“, das dann ab 1969 erschien, erreichte Auflagen im sechsstelligen Bereich.

Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die Ost-West-Aushandlungen, die sich um die Proteste darstellen. Hier besteht einiger Forschungsbedarf, da bislang die Fragestellungen rund um „die 68er“ oftmals aus der einen oder anderen Perspektive zugespitzt wurden und gründliche wissenschaftliche Perspektiven, die West wie Ost gleichermaßen würdigen, kaum zu finden sind. In Bezug auf die sexuellen Fragen ist hier bedeutsam, dass bereits am 12. Januar 1968 die Volkskammer der DDR ein neues Strafrecht und Strafprozessrecht billigte. Galten in der DDR zum Beispiel niemals die Nazi-Verschärfungen des Paragrafen 175, der mann-männlichen Sex unter Strafe stellte und fanden dort in wesentlich geringerem Umfang als in der BRD und weitgehend „nur“ bis 1957 Verurteilungen von Männern wegen homosexueller Handlungen statt, so markiert das neue Strafrecht einen Einschnitt: Nun wurde eine Regelung eingeführt, die „lediglich“ eine unterschiedliche Schutzaltergrenze vorsah. Im neuen Paragrafen 151, der den Paragrafen 175 in der DDR ablöste, heißt es: „Ein Erwachsener, der mit einem Jugendlichen gleichen Geschlechts sexuelle Handlungen vornimmt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft.“ [2] Für gleichgeschlechtlichen Sex galt damit juristisch eine Schutzaltergrenze von 18 Jahren; für andersgeschlechtlichen Sex galt hingegen eine von 16 Jahren. Gewiss problematisch, aber dennoch auch als Akt der „Anerkennung/(An-)Erkennung“ weiblicher Sexualität zu verstehen [3], galt der Paragraf 151 nun „gleichberechtigt“ sowohl für mann-männlichen als auch für frau-weiblichen Sex. Bedeutsam wären für eine genaue Einordnung der „Sexuellen Revolution“ und der sich ergebenden gesellschaftlichen sexuellen Verhältnisse ausführliche Betrachtungen zum Werdegang dieses Strafgesetzes – und seine Bedeutung für Debatten in Westberlin und der BRD. (Dass es ganz deutliche wechselseitige Beeinflussungen von Ost und West gab, ist bekannt und wird etwa aus der Rezeption von Maxi Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“ und von Verena Stefans und Christa Wolfs Interaktionen deutlich [4].)

Schließlich soll hier noch ein dritter Aspekt thematisiert werden: „Sexualität“ als Konzept ist historisch nicht überzeitlich, sondern neu. Es kommt erst mit der „modernen“, der bürgerlichen Gesellschaftsordnung auf. Auch vorher hatten Menschen geschlechtliche Handlungen, die wir heute als sexuell verstehen – aber diese folgten anderen Prämissen. So kommt neu mit dem Konzept der „Sexualität“ auf, dass sehr „nahe“ und „zärtliche“ Handlungen mit ihrem Gegenteil – sexualisierter Gewalt – zusammenfasst als „sexuell“ bezeichnet werden [5], anstatt Intimität und Nähe auf der einen Seite zu sehen und Gewalt und Vergewaltigung ganz anders zu definieren. Auch sind erst seit der Moderne die intimen Handlungen starr von Freundschaft abgrenzt; und auch erst seitdem gibt es die starren binären Kategorien „Heterosexualität“, Homosexualität“ und „Bisexualität“. Dafür dass ein solches Verständnis und ein solches Konzept von „Sexualität“ erst mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung aufkommen, liegen Analysen vor: mit meiner Beteiligung sind das insbesondere das Buch „Queer und (Anti-)Kapitalismus“, das Salih Alexander Wolter und ich gemeinsam verfasst haben, und – spezifisch für „Homosexualität“ – das Buch „Biologie & Homosexualität“ und vertiefend das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ (gem. mit Zülfukar Çetin). Auch an die Erkenntnisse zur Entwicklung und Etablierung des „Sexualitäts-“Konzeptes anschließend, lohnt es sich weiterzudenken. Damit ließe sich auch der Frage nachgehen, unter welchen Bedingungen normative Setzungen so grundlegend in Frage gestellt werden könnten, sodass von einer „Sexuellen Revolution“ gesprochen werden kann.

 

[1] Vgl. für einen Überblick: Christin Sager, „Das aufgeklärte Kind: Zur Geschichte der bundesrepublikanischen Sexualaufklärung (1950-2010)“ (Bielefeld: 2015).

[2] Siehe etwa: http://www.verfassungen.de/de/ddr/strafgesetzbuch68.htm (Zugriff: 4.1.2018).

[3] Vgl. zur Begriffsverwendung von „Anerkennung“ die differenzierten Ausführungen im von Zülfukar Çetin und mir veröffentlichten Band „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ (Gießen: 2016). Dort legen wir dar, dass im Begriff „Anerkennung“ positive Aspekte (juristische Gleichstellung) und negative Aspekte (staatliche Verfolgung) zusammenfließen.

[4] Vgl. etwa zur Bezugnahme der – leider kürzlich verstorbenen – Verena Stefan auf Christa Wolf das TAZ-Interview mit Verena Stefan „Ich bin keine Frau. Punkt.“ Vom 10. Mai 2008. Online: http://www.taz.de/!5182326/ (Zugriff: 4.1.2018).

[5] Siehe: Thomas Bauer, „Die Kultur der Ambiguität: Eine andere Geschichte des Islams“ (Berlin: 2011, hier: S. 271-277).

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Cover Für mehr lesbische SichtbarkeitGern weise ich auf den Band von Stephanie Kuhnen (Hg.) für mehr lesbische Sichtbarkeit hin. Ich habe ihn für socialnet (zur vollständigen Rezension) besprochen. Im Folgenden findet ihr und finden Sie einen Auszug aus der Rezension:

... Zentral für die Analyse der Situation von Lesben ist der von Birgit Bosold verfasste Aufsatz „Doppeläxte raus! Warum die schwul-lesbischen Bündnisse der 1990er Jahre vielleicht doch nicht eine so gute Idee waren“ (S. 18). Bosold stellt darin die finanzielle Förderung im Land Berlin für LSBTTIQ*-Projekte vor: Im Jahr 2016 gingen demnach von 3,7 Millionen Euro 1,7 Millionen (46 %) an zwei Träger, die sich insbesondere um Belange schwuler Männer kümmern. Lediglich 18 % (677.000 Euro) gingen an lesbische Projekte. Für den Zeitraum von 2009 bis 2015 stellt Bosold eine ähnliche Ungleichheit fest. Als zweites Beispiel führt Bosold die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld an, die im Jahr 2013 insgesamt 24 Projekte förderte, darunter war nur ein einziges explizit lesbisches Projekt. Schon ökonomisch entstehe damit eine Situation, in der lesbische Projekte kaum überleben könnten. Im Weiteren zeigt Bosold auf, dass Lesben auch in der einschlägigen Geschichtsschreibung zu Homosexualität unterrepräsentiert sind – obwohl Bände übergreifend als „homosexuell“ bezeichnet werden – und nicht etwa als „schwul“ –, kämen Frauen darin kaum vor. Die „Unsichtbarmachung“ betreffe Lesben auch in der Erinnerungskultur, wo Schwule mit Macht durchgesetzt hatten, dass am NS-Mahnmal ausschließlich Männern gedacht werden sollte. Auch die abschließend gefundene Kompromisslösung setze Lesben nur hinzu, während die schwulen Männer dominant blieben. Bosold schlägt entsprechend, im Anschluss an Sabine Hark, mehr Eigenständigkeit für lesbische Forderungen vor, und es gelte sich vor Augen zu führen, wie die „Differenzen ineinander verwoben sind und hierarchisch organisiert wurden“ (S. 24, nach Hark, Hervorhebung im Original). Und weiter:

Es wäre viel gewonnen, wenn ‚wir‘ mehr Sorgfalt darauf verwenden würden. Präzise herauszuarbeiten, was wir jeweils Unterschiedliches wollen, statt dies mit dickem rosa Zuckerguss zu bemänteln. (Ebd.)

Die Herausgeberin Stephanie Kuhnen schließt in ihren Beiträgen an einige der Perspektiven von Bosold an. So betont sie die Bedeutung von Alexander Zinn, der sich gegen die Forderungen der Lesben stark gemacht hatte, am „Homo-Mahnmal“ auch der im NS ermordeten lesbischen bzw. frauenliebenden Frauen zu gedenken (S. 134). Kuhnen betont in den Aufsätzen „Sichtbarkeit ohne Baedeker“ und „Vom Verschwinden einer Identität“ die wichtige Bedeutung von lesbischer Sichtbarkeit und die Notwendigkeit eigenständiger Demonstrationsformen, wie der Dyke*Marches. Sie stellt fest, dass in der Community Lesbenprojekte zunehmend verdrängt wurden und werden. Auch heute, nach „Homo-Ehe“ und schließlich Öffnung der Ehe, gelte:

Die Verliererinnen sind wieder einmal die Lesben, die mit der Normalisierung in den 2000ern auf die billigen Plätze verwiesen wurden und jetzt allmählich aus der Legende der erfolgreichen Emanzipation geschrieben werden. […] Die Marginalisierung von Lesben hat Methode. (S. 27)

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Sehr gern weise ich auf die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Siegessäule (Dezember 2016) hin - einerseits zum Schwerpunkt HIV und einem Jahresrückblick. Andererseits diskutiert Roberto Manteufel im Heft, in seiner Kolumne „Seitenblick“, das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“. Er merkt unter anderem an: „In ihrem Buch gehen [Çetin und Voss] ans Eingemachte. Sie skizzieren, wie das Wort ‚homosexuell‘ allein schon durch seine historischen Ursprünge rassistisch gefärbt wurde. ‚Echte Homosexualität‘ fände sich zum Beispiel nur bei reichen weißen Nordeuropäern, konstatierte Hirschfeld. Ursprünge, die bis heute ihre Wellen schlagen. Denn – um mal so richtig die Ironiekeule zu schwingen – wir als weiße, aufgeklärte Schwule wissen schon, wie es geht. Also in Sachen Toleranz und Miteinander und überhaupt. Dagegen sehen zum Beispiel die Muslime so richtig alt aus. […] Klingt doch einleuchtend. Nur stimmt das wirklich? Erschreckend klar analysieren Çetin und Voss, wie hinter solchen Gedankengängen ein neues Wir-Verständnis steht, das auch hervorragend als politisches Kampfinstrument dient. Denn Wir, das sind inzwischen auch wir Homos. Wir sind die treuen Demokraten, die gebildet sind und euch den Wohlstand bringen, wenn ihr es nur richtig macht. Vertraut uns bitte, denn was wahre Freiheit ist, das wissen einzig wir. Denn Wir, das sind diejenigen, die in Schwarz und Weiß denken, in Okzident und Orient, in fortschrittlich und rückständig. Ganz ehrlich, Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das riecht nach großem Ärger.“ (Siegessäule, Dezember 2016, S. 49) Die ganze Zeitschrift bekommt ihr digital auf www.siegessaeule.de und als gedrucktes Heft in zahlreichen Bars und Kneipen.

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