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Auch wenn der Begriff „Heteronormativität“ bereits 1991 formuliert wurde (vgl. auch Gender-Glossar), lassen sich weiterhin bemerkenswerte und aktuelle Reflexionen hinzusetzen, wie der vorliegende Band zeigt. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Warner hat seinerzeit den Begriff geprägt, um (Hetero-)Sexualität als „normatives gesellschaftliches Strukturprinzip“ (S. 90; vgl. Gender-Glossar) zu beschreiben und zu untersuchen. Es geht bei „Heteronormativität“ also um den normativen Charakter von Heterosexualität in Gesellschaft, nicht um die Ablehnung von Heterosexualität an sich (wie es mitunter in rechtspopulistischen Zuschreibungen der wissenschaftlichen Theoriebildung unterstellt wird). Der Begriff „Homonormativität“ in der heute gebräuchlichen Form wurde deutlich später – 2002 – von Lisa Duggan geprägt, um neuere Politiken zu beschreiben, mit denen bisher gesellschaftlich stigmatisierte homosexuelle Lebensweisen in die klassischen heteronormativen Bahnen gelenkt werden. Ehe, Kinder, Hausbesitz, Monogamie und das "Recht", im Militär mitzutun, würden nun auch dort Standard und Lesben und Schwule erhielten gesellschaftliche Integrationsangebote, wenn sie sich an der Heteronorm und den klassischen gesellschaftlichen Idealen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ orientierten.

Der 2016 im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienene Sammelband „Über Heteronormativität“, herausgegeben von Maria Teresa Herrera Vivar, Petra Rostock, Uta Schirmer und Karen Wagels, liefert nun ein Upgrade des Analysestandes zu Heteronormativität, den Martin Mlinarić in seinem Überblicksbeitrag zur heteronormativen Situation in Serbien und Kroatien treffend charakterisiert:

„Doch handelt es sich bei dem zeitgenössischen Dispositiv wirklich nur um ein Update von Heteronormativität? In der Selbstwahrnehmung des globalen Nordens erscheint es eher als Upgrade eines heteronormativen Betriebssystems respektive Dispositivs als eine höherwertige Konfiguration, die nicht nur einfach aktualisiert, sondern auf eine ganz neue, überlegenere Stufe gehoben wurde und sich als deutlich effizienter, ‚besser‘ und ‚gerechter‘ als ältere Versionen erweist.“ (S. 215, Hervorhebungen im Original)

Dieses Upgrade werde gerade dadurch erreicht, dass das im globalen Norden etablierte "heteronormative Betriebssystem" über den punktuellen, leicht rückholbaren Einschluss einiger homosexueller Lebensstile gegenüber den normativen Systemen im globalen Süden als „überlegen“ präsentiert werde: Continue reading “Gesellschaftlich findet ein Heteronormativitäts-Upgrade statt… Rezension von “Über Heteronormativität” (hg. von Herrera Vivar/Rostock/Schirmer/Wagels)” »

Wer feste Identitäten mag, ist in der schwulen Literatur und Kunst in der Regel nicht richtig. Dort zeigen sich Auflösungen und ambige Aushandlungen, die sexuelle Akte, Verlangen und konkretes menschliches Miteinander in den Mittelpunkt stellen. Oder, wie Dirck Linck im vorliegenden Buch Hubert Fichte zitiert:

„Ich lobe den Arsch, den ich fühlen kann, sehen, riechen, schmecken, hören, den sinnlichsten von allen! […] Ich lobe den Arsch, der ist wie ein Auge, das wie die Welt ist, die wie ein Arsch ist!“ (Pubertät; nach: Linck, S. 118)

Wunderbar, dass es literaturwissenschaftliche Meister_innen gibt, die auch jenen einen Zugang zu Literatur ermöglichen, die erst eine kleine Hilfestellung benötigen – einen freundlichen Hinweis. Ich bin eine solche Person, die für Hilfestellung dankbar ist, die gern liest, aber gern auf andere Lesweisen aufmerksam gemacht wird. Dirck Linck gehört zu denen, die zur Hilfestellung in der Lage sind. Er ist ein ausgewiesener Kenner der subversiven, gendervarianten, schwulen und queeren Literatur – und macht Lust darauf, sie zu lesen, neu zu interpretieren und sich von ihr neu, politisch und aktivistisch inspirieren zu lassen. Und Linck schlägt anregende Perspektiven selbst vor, über die der Austausch lohnt. Continue reading “Schwule Literatur, Kunst und Politik – Besprechung des Buches “Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur” von Dirck Linck” »

FaulenzA ist vielen von ihren Alben bekannt. Zuletzt erschienen ist ihr Album „Einhornrap“, von dem einige Songtexte auch in das Buch „Support your sisters not your cisters: Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“ eingegangen sind.

Wie in den Songs auch, stößt FaulenzA in dem bei edition assemblage erschienenen Buch Interessierte nicht zurück, sondern nimmt die ernsthaft Interessierten "an die Hand" und erläutert geduldig, was es mit Feindlichkeit gegenüber Trans*Weiblichkeiten auf sich hat. Dabei wendet sie sich in erster Linie an mögliche cis-weibliche, cis-männliche und trans*-männliche Unterstützer_innen von Trans*Frauen und stellt die spezifische Situation von Trans*Weiblichkeiten vor, die sich jeweils auch individuell unterscheidet. FaulenzA fokussiert bei den betrachtungen einerseits auf die gesellschaftliche Situation, mit zweigeschlechtlich-sexistischer Sozialisation etc., andererseits auf spezifische Diskriminierungen, wie sie in emanzipatorischen linken (oft cis-männlich dominierten) und queer-feministischen Kontexten vorkommen:

Trans*misogynie – das ist die Gewalt, die ich erlebe, seit ich denken kann. Ich bin mit ihr aufgewachsen, sie hat mich geprägt und geformt. Sie hat mich tief verwundet und klein gemacht. Immer wieder, jeden Tag, in unterschiedlichsten Formen. Mal durch offene aggressive körperliche, mal durch unterschwellige Gewalt. Ausgeschlossen werden, verlacht und respektlos behandelt werden gehört dazu. (S. 13)

Ausführlich erläutert sie, dass in Bezug auf FLT*I-Räume oft gerade diskutiert wird, ob Trans*-Weiblichkeiten zu diesen Räumen Zugang haben sollten. Trans*-Frauen wird dabei eine männliche Sozialisation unterstellt – FaulenzA fordert ein, dass die spezifische weibliche Sozialisation von Trans*Frauen hier anerkannt werden muss. Durch die elterliche Anforderung, männlich sein zu sollen, wobei das Kind für Fehlverhalten sanktioniert wird, erleben Trans*Weiblichkeiten massive Diskriminierung und Gewalt bereits in ihrer frühen Sozialisation. FaulenzA fordert, dass auch emanzipatorische Räume das zur Kenntnis nehmen und nicht durch den Ausschluss von Trans*Weiblichkeiten neue Diskriminierungserfahrungen dem bisher Erlebten hinzufügen sollten.

Diskriminierungen und Gewalt geht FaulenzA im Buch ausführlich nach: in Bezug auf Sozialisation, in Bezug auf Passing zur sexistisch-zweigeschlechtlichen Norm, in Bezug auf Arbeitsleben und Schutzräume. Dabei ist der Schreibstil wohltuend erläuternd und freundlich; das Buch ist insgesamt sehr achtsam formuliert und ermöglicht es damit auch Personen, die nicht von der Diskriminierung von Trans*-Weiblichkeiten betroffen sind, die erlebten Diskriminierungen und Gewalt ein Stück weit nachzuvollziehen – und die eigene Rolle zu reflektieren. Wo werden etwa stets spezifische Körperlichkeiten vorausgesetzt – gerade im Hinblick auf Genitalien und physiologische Prozesse wie Menstruation und Ejakulation? Wo werden bestimmte Verhaltensweisen unterschiedlich gewertet, nur weil sie von einem Cis-Mann, einer Cis-Frau, einem Trans*-Mann oder einer Trans*-Frau kommen? An die Beschreibungen anknüpfend können Klischees und Vorurteile reflektiert – und bearbeitet werden. Das Schlusskapitel macht hierfür konkrete Vorschläge für Unterstützer*innen – Empowerment von Trans*-Weiblichkeiten möchte FaulenzA hingegen an anderer Stelle leisten (bzw. leistet sie bereits an anderer Stelle).

Wohltuend an dem Band ist auch, dass FaulenzA Diskriminierungen und Gewalt entlang unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse reflektiert. So positioniert sie sich selbst als weiße Person, die die Möglichkeit zum Studium der Sozialen Arbeit hatte und weist immer wieder auf Diskriminierung und Gewalt hin, die mit Rassismus und Klassenverhältnissen verbunden sind:

Ich finde es super wichtig, sich die eigenen Privilegien klar zu machen und einen achtsamen Umgang damit zu finden! Dazu gehört auch, sich mit eigenem Diskriminierungsverhalten auseinanderzusetzen. Zum Beispiel, dass ich über meine Privilegien als Weiße, über weiße Dominanz und verinnerlichten Rassismus reflektiere. (S. 116)

Für den verschränkten Blick und für die deutliche Thematisierung von Trans*misogynie ist das Buch sehr lesenswert. Die Songtexte aus „Einhornrap“ und die von Yori Gagarim stammenden Illustrationen machen das Buch kurzweilig – und sprechen die_den Lesende_n auf vielfältige Weise an und ermöglichen so facettenreich Räume zum Nachdenken und zur produktiven Selbstreflexion.

Buch: FaulenzA: Support your sisters not your cisters - Über Diskriminierung von trans*Weiblichkeiten. Mit Illustrationen von Yori Gagarim. edition assemblage 2017. Informationen zum Buch.

Sehr gern weise ich auf die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Siegessäule (Dezember 2016) hin - einerseits zum Schwerpunkt HIV und einem Jahresrückblick. Andererseits diskutiert Roberto Manteufel im Heft, in seiner Kolumne „Seitenblick“, das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“. Er merkt unter anderem an: „In ihrem Buch gehen [Çetin und Voss] ans Eingemachte. Sie skizzieren, wie das Wort ‚homosexuell‘ allein schon durch seine historischen Ursprünge rassistisch gefärbt wurde. ‚Echte Homosexualität‘ fände sich zum Beispiel nur bei reichen weißen Nordeuropäern, konstatierte Hirschfeld. Ursprünge, die bis heute ihre Wellen schlagen. Denn – um mal so richtig die Ironiekeule zu schwingen – wir als weiße, aufgeklärte Schwule wissen schon, wie es geht. Also in Sachen Toleranz und Miteinander und überhaupt. Dagegen sehen zum Beispiel die Muslime so richtig alt aus. […] Klingt doch einleuchtend. Nur stimmt das wirklich? Erschreckend klar analysieren Çetin und Voss, wie hinter solchen Gedankengängen ein neues Wir-Verständnis steht, das auch hervorragend als politisches Kampfinstrument dient. Denn Wir, das sind inzwischen auch wir Homos. Wir sind die treuen Demokraten, die gebildet sind und euch den Wohlstand bringen, wenn ihr es nur richtig macht. Vertraut uns bitte, denn was wahre Freiheit ist, das wissen einzig wir. Denn Wir, das sind diejenigen, die in Schwarz und Weiß denken, in Okzident und Orient, in fortschrittlich und rückständig. Ganz ehrlich, Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das riecht nach großem Ärger.“ (Siegessäule, Dezember 2016, S. 49) Die ganze Zeitschrift bekommt ihr digital auf www.siegessaeule.de und als gedrucktes Heft in zahlreichen Bars und Kneipen.

# Übersicht über weitere Rezensionen zum Buch: hier.
# Informationen zum Buch: hier.

In der aktuellen Ausgabe (November 2016) der Zeitschrift "analyse & kritik" hat die Sozialarbeiter_in und Geschlechterforscher_in Lisa Krall das Buch "Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven" (von Zülfükar Çetin und Heinz-Jürgen Voß) besprochen. In der Rezension schreibt sie unter anderem: "Çetin und Voß setzen sich in ihrem Band kritisch mit der Identitätskategorie »des Homosexuellen« und der mit ihr verbundenen Emanzipationsbewegung auseinander und diskutieren beides als Bestandteile westlicher Hegemonie. Im dicht argumentierten ersten Teil bereiten sie den Boden für zwei weitere Kapitel, die sich einmal auf »Homosexualität« in Naturwissenschaften und in Pädagogik konzentrieren (Voß) und zweitens Homo-/Queerpolitiken sowie Homonationalismus in Zusammenhang mit Gentrifizierung setzen (Çetin)..." weiter geht es hier, bei "analyse & kritik".

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Rezension von: Agatha Merk (Hg.): Cybersex: Psychoanalytische Perspektiven (Buchreihe: Beiträge zur Sexualforschung). Gießen 2014: Psychosozial-Verlag. (257 Seiten, EUR 29,90, ISBN-13: 978-3-8379-2252-3, Link zum Buch beim Verlag)

Verfasst von: Heinz-Jürgen Voß; Die Rezension erschien zuerst in: Sexuologie - Zeitschrift für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft, 21 (3-4): 200-203. (Vielen Dank an die Zeitschrift für die freundliche Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.)

 

„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst? …

…vielleicht eben gerade das Außermoralische, das, was den dunklen Kern des Individuums aus dem Gesellschaftlichen entrückt; das, was das Verhältnis zur ‚Wirklichkeit‘ uneindeutig macht.“ (Michael Pfister, S. 249)

Ich möchte den Band von hinten beginnen. Cybersex – herausgegeben von Agatha Merk – ist, das sei vorweggenommen, vielschichtig, punktuell widersprüchlich und lesenswert. Es wird das Themenfeld der Internetsexualität eröffnet, so wie es oft geschieht: Auf problematische Fallbeschreibungen fokussierte Betrachtungen[1] fügen stets im Nachgang an, dass es sich bei Cybersex um ein Massenphänomen handele, dass mittlerweile von jüngeren Männern und Frauen nahezu ausnahmslos genutzt werde. In mehreren der Beiträge werden konkrete Zahlen zum Nutzungsverhalten genannt, so führen etwa Jérôme Endrass et al. in ihrem Text Pornografiekonsum und (sexuelle) Aggression aus, dass unter den 18- bis 30-Jährigen 98 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen Pornografie im Internet nutzten.

Eine Betrachtung des Bandes von hinten erlaubt eine kulturwissenschaftlich ‚geerdete‘ Einordnung; so wird es möglich, das Internet und die Sexualität im Internet ‚nüchtern‘ in ihrem kulturgeschichtlichen Kontext zu verstehen und auf Besonderheiten zu untersuchen. Ebenfalls thematisch eingefügt, entwickeln die übrigen Beiträge eine Gesamtschau, wobei der Cybersex insbesondere im Hinblick auf die therapeutische Praxis diskutiert wird.

 

Von der Glasmalerei der Kirchenfenster zum Cybersex

„Mit dem Bildschirm […] ging zum ersten Mal seit dem 14. Jahrhundert wieder ein Bildträger kulturell in Führung, der das Bild von außen aus dem Raum leuchtend, strahlend zu uns kommen lässt. Im 14. Jahrhundert war das der Glasmalerei an den Fenstern zunächst der romanischen Kirchen und dann der großen gotischen Kathedralen gelungen. Sie avancierte innerhalb weniger Jahrzehnte zum ästhetisch und massenmedial dominanten Bildträger.“ (Reimut Reiche, S. 215) Dieser Vergleich wirkt erst einmal ziemlich fern. Er ist es aber keineswegs. Einerseits verweist er auf wichtige Träger von Informationen (Medien), die andererseits in ein moralisches Gefüge eingebunden sind. Gibt es bezüglich der Glasmalerei eine klare herrschaftliche Instanz, die bestimmt, welche Vorstellungen abgebildet werden, so finden sich – auch von dieser Instanz beauftragt – an eben denselben kirchlichen Bauwerken, nur an den Außenseiten, oft Darstellungen von denjenigen Dingen, die als ‚abstoßend‘, als ‚sündig‘ angesehen werden und die durch ihre Verbannung an die Außenmauern aus dem Inneren der Kirchen ferngehalten werden sollen. Continue reading “„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst?” – Rezension von: Cybersex – Psychoanalytische Perspektiven” »

Im Zusammenhang mit dem band "Gendermedizin: Prävention, Diagnose, Therapie" (hg. von Alexandra Kautzky-Willer) sollen im folgenden einige grundlegende Problematiken aktueller 'gendermedizin' in die Debatte gebracht werden:

"Die ‚Gendermedizin‘ ist im Begriff, zu einem antiemanzipatorischen Projekt zu werden. Menschen werden als durch und durch vergeschlechtlicht gedacht, die Ursachen nicht in gesellschaftlicher Ungleichbehandlung gesucht, sondern essentialisiert. Der von Alexandra Kautzky-Willer herausgegebene Sammelband macht diese Entwicklung deutlich. Gleichwohl zeigen sich in ihm vereinzelt auch reflektierte Betrachtungen, die soziale Faktoren in der Analyse zumindest zulassen. Ist der Band als Lehrbuch gedacht und soll er erste Orientierungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen für die Praxis bieten, so wird er beidem nicht gerecht. Vielmehr handelt es sich um einen theoretisch gehaltenen Sammelband für Wissenschaftler/-innen mit lediglich vereinzelten Anregungen für die medizinische Praxis." weiter

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oguntoye_eine_afro_deutsche_geschichte_Selten habe ich eine solch gute Arbeit gelesen, wie die 1997 als Buch erschienene Magisterarbeit "Eine afro-deutsche Geschichte: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950", von Katharina Oguntoye. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Interviews, die die Historikerin mit Mitgliedern der Familie Diek geführt hat. Vor diesem Hintergrund rollt sie die Geschichte Schwarzer Deutscher und Schwarzer Menschen in Deutschland auf. Hierzu wertete die Autorin gedruckte Quellen aus und sichtete einen umfassenden Archivbestand, der sich in Teilen als ertragreiche Anlage im Anhang des Buches findet. Auf dieser Basis entsteht ein differenziertes und umfassendes Bild.

Da das Buch, erschienen im Verlag Christine Hoffmann, leider nur noch über Bibliotheken erhältlich zu sein schein, sei an dieser Stelle gleichzeitig auf die daraus hervorgegangene Ausstellung "Spurensuche" und den bei der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Aufsatz Oguntoyes "Afrikanische Zuwanderung nach Deutschland zwischen 1884 und 1945" hingewiesen. Wem immer möglich oder wer gar an einer sozialwissenschaftlichen oder historischen Untersuchung (Magisterarbeit / Dissertation) arbeitet, sollte aber schon allein für das beispielhafte methodische Vorgehen auf Oguntoyes Buch zurückgreifen!

Katharina Oguntoye:Eine afro-deutsche Geschichte: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950
Berlin: Verlag Christine Hoffmann
ISBN 3-929120-08-9 / 209 Seiten

Ebenfalls von der Autorin empfehlenswert:
Oguntoye, Katharina / Opitz [Ayim], May / Schultz, Dagmar (1997
[Erstausgabe 1986]): Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf
den Spuren ihrer Geschichte. Neu aufgelegt 2012 --> Orlanda.

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[aktualisiert: April 2016]

"Queer und (Anti-)Kapitalismus", verfasst von Salih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß, ist mittlerweile bereits in der zweiten Auflage. Es eröffnet Zugänge herrschaftskritisch queer zu denken und verweist zentral und grundlegend auf die Arbeiten von Personen of Color. Im Folgenden findet sich eine Übersicht über die erschienenen Besprechungen zum Buch „Queer und (Anti-)Kapitalismus“, die fortlaufend aktualisiert wird:

Rezensionen:

Frigga Haug hat in der Zeitschrift Das Argument eine umfassende und würdigende Rezension zu "Queer und (Anti-)Kapitalismus" veröffentlicht. In der, mit Bezug zu Spinoza, auch dieses Mal sehr lesenswerten Zeitschrift heißt es zum Buch von Salih Alexander Wolter und mir unter anderem: Das Buch empfiehlt "programmatisch postkoloniale Autorinnen dringlich zur Lektüre und nimmt auch die BRD 'als postkoloniales Gebilde' (13) in der 'neokolonialen Ordnung' kritisch ins Visier, an der alle (auch alternative weiße prekarisierte queers), teilhaben 'als Komplizen'. [...] Die Analyse von Nord und Süd als globale Perspektive gewinnt zugleich eine klarere Sicht auf die Lage der Frauen in der Welt, die (wieder mit Spivak) noch 'keine Sprache haben' und auf Migration und Ausbeutung." Die mehrseitige Besprechung, die auch einige Anregungen zum Weiterdenken enthält, findet sich in Das Argument, Heft 307, bestellbar hier.

Kübra Atasoy besprach das Buch für die Zeitschrift der österreichischen HochschülerInnenschaft - Unique. Atasoy schreibt: "Wie sie bereits mit ihrem Vorgängerbuch Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“ bewiesen, verstehen sich die beiden Autoren* Salih Alexander Wolter und Heinz- Jürgen Voß darauf, Debatten zuzuspitzen und gleichzeitig zu versachlichen. Gemeinsam mit Zülfükar Çetin stellten sie darin dar, wie die ,Beschneidungsdebatte‘ auf antisemitische und antimuslimische Argumentationen zurückgreift und machten deutlich, wer überhaupt an dieser Debatte teilnehmen kann. Die Stärke ihres neuen Buches ist gleichzeitig seine Schwäche: Mit Queer und (Anti-)Kapitalismus haben sie zwar die Grundlage für eine – besonders im deutschsprachigen Raum – längst notwendig gewordene Diskussion über die Vielfalt an Ausschlussmechanismen im Kapitalismus geschaffen. Das Buch kann und soll die Diskussion aber nicht ersetzen. Salih Alexander Wolter zeichnet in seinem Abschnitt des Buches die lange Geschichte der zahlreichen Ausschlüsse nach, von denen Frauen*, Queers, People of Color und Arbeiter*innen innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen stets betroffen waren. Wolter bietet damit eine Einführung in postkoloniale und queere Themen, die er mit Beispielen aus dem Bereich des Aktivismus zu unterstreichen weiß. Heinz-Jürgen Voß behandelt die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus, Geschlechterverhältnissen und Kolonialisierung. Themen, die häufig unter den Tisch fallen, finden hier Platz, wie zum Beispiel der deutsche Kolonialismus oder die Funktion der Biologie bei der gesellschaftlichen Zurichtung von Menschen, deren Beleuchtung eines von Voß , Kerngebieten ist. Statt sich auf starre Erklärungsmuster zu versteifen, stellen Wolter und Voß Fragen: Sie zeigen auf, was ,Ökonomiekritik‘ mit Kapitalismus nicht mehr zu tun hat und wie Kämpfe, die ihren Kern nicht benennen können, zahnlos werden." (zur Besprechung)

Antje Meichsner rezensierte das Buch "Queer und (Anti-)Kapitalismus" bei Coloradio (Dresden) und führt unter anderem aus: "Beide Autor_innen fächern die Diskurse um Queer bzw. Geschlechterverhältnisse und Kapitalismus differenziert auf und unterfüttern ihre Aussagen mit spannend zu lesenden Quellen aus der Bewegungsgeschichte. Sie zeigen aufs Klarste, worum es geht und zwar um Phänomene des Alltags in ihrer historischen Bedingtheit, ihrer Eingebundenheit in Theorie und in ihrem globalen Zusammenhang. Sie gehen folgende Fragen nach: Wem nützen die geschlechtlichen und sexuellen Zurichtungen der Menschen im Kapitalismus, und was lässt sich aus den historischen und aktuellen Kämpfen für queere Kapitalismuskritik lernen?" Online bei freie-radios.net.

Bei der Mädchenmannschaft schreibt Lisa unter anderem: "Das Buch weist eine komplexe Analyse dessen auf, wie sich verschiedene Ausschlussfaktoren (v.a. Klasse, Geschlecht und 'Rasse') gegenseitig bedingen und eine funktionale Rolle im globalen Kapitalismus spielen. Dabei nehmen die Autor_innen Bezug auf marxistische Theorie und postkolonialen Feminismus, betonen aber vor allem weitreichende theoretische Erkenntnisse und politische Erfahrungen von People of Color. […] Auf knappen 158 Seiten […] gelingt den Autor_innen eine tiefgehende Untersuchung und erkenntnisreiche Abhandlung, die aufgrund ihrer Komplexität und Fülle an Aspekten und Perspektiven ein breites Publikum anspricht und auch ein zweites und drittes Lesen nicht weniger interessant macht." zur vollständigen Besprechung

Lisa Krall besprach das "Queer und (Anti-)Kapitalismus in der zeitschrift analyse & kritik. Sie schreibt u.a.: "In dem kürzlich veröffentlichten Band knüpfen Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter an die Debatte über queere Ökonomiekritik an und konzentrieren sich auf zwei Aspekte: Erstens zeigen sie kontinuierlich anhand verschiedener historischer und politischer Beispiele die Verbindung von Kapitalismus, Sexismus und Rassismus auf. Zweitens betonen sie, dass es bereits seit den 1960er Jahren ein Anliegen Schwarzer Queers und Women of Color ist, auf diese Verschränkungen hinzuweisen, dass sie jedoch bis heute kaum wahrgenommen werden. Sie analysieren, wie sich verschiedene Ausschlussfaktoren (Klasse, »Rasse«, Geschlecht) gegenseitig bedingen und eine funktionale Rolle im globalen Kapitalismus spielen. Dabei nehmen sie Bezug auf marxistische Theorie und postkolonialen Feminismus, betonen aber vor allem weitreichende theoretische Erkenntnisse und politische Erfahrungen von People of Color. Die LeserInnen tauchen direkt ein in die vielschichtigen Zusammenhänge der Entstehung eines globalen Kapitalismus, historischer Kolonialisierung und aktueller Migrationspolitik sowie sich wandelnder Geschlechter- und sexueller Verhältnissen. Auf knappen 143 Seiten gelingt Voß und Wolter eine tiefgehende, wenn auch dichte Untersuchung und erkenntnisreiche Abhandlung, die aufgrund ihrer Komplexität und Fülle an Aspekten und Perspektiven ein breites Publikum anspricht und auch ein zweites und drittes Lesen nicht weniger interessant macht." zur Besprechung

Ulrike Kümel schreibt auf Queer.de unter anderem: ""Queer" ist für viele Schwule einfach Lifestyle. Wie sich "Queer" zum Kapitalismus verhält, dafür bieten die Autoren des Bandes "Queer und (Anti-)Kapitalismus" einen vielschichtigen Zugang. Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter untersuchen leicht lesbar und dennoch auf hohem wissenschaftlichen Niveau aktuelle queere Forderungen und ihre Stellung in der allgemeinen Politik. Dabei spielt Rassismus eine große Rolle. Ausgehend von Straßenkämpfen 1966 in San Francisco und den legendären Kämpfen in der New Yorker Christopher Street drei Jahre später, erläutern die beiden Autoren die historischen Ausgangspunkte queeren Widerstands. Dabei arbeiten sie heraus, dass gerade die wichtigsten AktivistInnen der Kämpfe aus dem kollektiven schwul-lesbischen Erinnern ausgelöscht sind: Nicht-weiße Transgender und Drag Queens of Color, obdachlose Jugendliche, gerade aus der Arbeiterklasse, waren etwa in der Auseinandersetzung mit der Polizei in der ersten Reihe. Namentlich Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson werden vorgestellt. Rivera wurde trotz ihres Einsatzes bereits beim CSD 1973 von Schwulen und Lesben als Trans*-Person beschimpft und sogar geschlagen. [...] Seit Werner Hinzpeters Schöne schwule Welt (1997) und Eike Stedefeldts Schwule Macht (1998) hat niemand mehr so konkret die Akteure der schwul-lesbischen Szene – wie etwa LSVD und Queer Nations – analysiert und kritisiert." zur Besprechung

Verqueert schreibt auf freitag.de und auf verqueert.de: „Queer-feministische Ökonomiekritik ist in der Diskussion. Das Buch ‚Queer und (Anti-)Kapitalismus‘ befeuert sie. Seit längerer Zeit besteht gegenüber 'Queer' der Vorwurf, dass es sich im deutschsprachigen Raum um eine Theorie ohne Bodenhaftung handele. Statt konkrete gesellschaftliche Ungleichheiten klar zu benennen, vernebele 'Queer Theorie' die Sicht: Rassismus, Klassenverhältnisse, Geschlechterverhältnisse gerieten aus dem Blick.
Wird aber aus etwas anderer Richtung geschaut, wird anderes deutlich: Wegweisende gesellschaftskritische queere Ansätze wurden und werden auch im deutschsprachigen Raum entwickelt, insbesondere von People of Color. Auch im globalen Kontext waren (und sind) queere Theorie und politische Kämpfe immer im Kontext der Kämpfe gegen Rassismus und Klassenunterdrückung zu sehen. Einen Ein- und Überblick geben nun Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter in dem Band ‚Queer und (Anti-)Kapitalismus‘. Sie bieten einen gründlichen Blick auf Geschichte - und zukünftige Perspektive. Und sie sind immer nah an der Praxis.“
(hier und hier online)

ak[due]ll - Studentische Zeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet schreibt zum Buch und kündigt seine Vorstellung am 26. November in Duisburg/Essen an. Dabei diskutiert die_der Autor_in, unter Rückgriff auf ein kurzes schriftliches Interview mit Voß auch das gemeinsame Anliegen von Salih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß: Das Buch "...zeichnet das gemeinsame Entstehen von Rassismus, Sexismus und Kapitalismus nach, um schließlich aktuelle politische Perspektiven zu diskutieren. Dabei ist den beiden Autoren wichtig, die Arbeiten und aktivistischen Kämpfe von Queers of Color – also solchen, die von Rassismus betroffen sind – sichtbarer zu machen. Voß hält hier einen Perspektivwechsel für notwendig. [...] Voß hält es für unerklärlich, 'wie etwa ein aktueller deutscher Einführungsband zu Intersektionalität ohne Verweis auf die Schwarze deutsche Frauenbewegung, ihren Aktivismus und ihre Schriften auskommt und ein aktueller Einführungsband in die Geschlechtersoziologie Rassismus nur kurz im Unterkapitel zur Nazi- Zeit behandelt und Kolonialismus nur in zwei knappen Absätzen abgehandelt wird.' Stattdessen werde es oft schon als Beleidigung aufgefasst, wenn nur einmal eine weiße Person nicht zitiert werde." (hier vollständig online)

Katja Krolzik-Matthei hält im sexualwissenschaftlichen SINA-Newsletter fest: Voß und Wolter belegen "nachdrücklich [...], wie die weiße Frauen- und Queerbewegung People of Color (PoC), deren Bedeutung in der Bewegungsgeschichte und deren Belange (systematisch) […] ausblenden". Krolzik-Matthei urteilt: "Das Buch bewegt sich auf einem theoretisch höchst anspruchsvollen Niveau und weist eine sehr hohe Dichte an faktenbasierter Information auf. Dennoch: Die Lektüre von Queer und (Anti-) Kapitalismus kann dazu verhelfen, Maßstäbe und Ziele von queer-feministischem Aktivismus zu hinterfragen und gegebenenfalls neu auszurichten und zu formulieren." (Volltext, im SINA-Newsletter)

Florian Geisler schreibt auf dem Portal für Politikwissenschaft: "Was passiert eigentlich, wenn man plötzlich in der Mitte einer Gesellschaft ankommt, von der man bisher nur Ablehnung erfahren hat und die man im Gegenzug auch selbst stets rundheraus abgelehnt hat? Wie geht man damit um, wenn eine Gemeinschaft, die scheinbar aus Prinzip Menschen verfolgt und ausschließt, die eigene Gruppe plötzlich im Mainstream willkommen heißt? Heinz‑Jürgen Wolter und Salih Alexander Voss gehen aus dieser Perspektive der Frage nach, wie weit sich die verschiedenen Strömungen der Frauen‑, Lesben‑, Schwulen‑ und Queer‑Bewegungen auf die ihrer Ansicht nach trügerische neue Akzeptanz der spätkapitalistischen Mehrheitsgesellschaft einlassen können. Habe die neoliberale Leistungsgesellschaft am Ende gar das Zeug dazu, ihren Bürgerinnen und Bürgern, zumindest was deren Sexualität und äußere Erscheinung angeht, alle Freiheiten zu gewähren? Ganz und gar nicht, meinen die Autoren und widmen sich einer gründlichen Kritik der ihrer Meinung nach weichgespülten Ökonomiekritik, also dem neuen „angesagten Label“ (9), das in manchen Kreisen des Queer‑Aktivismus die unbequemen Kapitalismusanalysen verdrängt habe. Diesem „Homonationalismus“ (19) und dessen Protagonisten aus dem „weißen schwulen establishment“ (22) begegnen die Autoren mit einer gelungenen Mischung aus kompakt erzählter Geschichte der Queer‑Bewegung und Einführung in die Intersektionalität, der Theorie mehrdimensionaler Diskriminierung. Diese Theorie sei dringend nötig, denn „Diskriminierung ist mittlerweile zum Grundpfeiler schwuler Subkultur geworden“ (136), so der Vorwurf. Wolter und Voss demonstrieren, warum Diskriminierung als Normalzustand eben nicht nur rassistisch, klassistisch, sexistisch oder homophob ist, sondern manchmal auch alles in einem. Sie begründen so, warum es dem Queerfeminismus nach wie vor „ums Ganze“ (134) gehen müsse. " zur Besprechung

Gundula Hase rezensierte das Buch für Die andere Welt und schreibt dort unter anderem: "Das Buch ist eine schonungslos offene Kritik, mit der Salih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse analysieren und kritisieren. [...Sie] arbeiten heraus, wie das weltweite kapitalistische System fortwährend Menschen als ‚verschieden‘ und stets als ‚besser/schlechter‘ konstruiert, um Unterdrückung und Ausbeutung aufrechtzuerhalten. [...Da] das Buch leicht verständlich und gut strukturiert geschrieben ist, ist es auch für Uneingeweihte bestens nachvollziehbar - also: ein Buch für alle Interessierten." (hier online)

Im Gießener Anzeiger und in der Oberhessischen Zeitung heißt es zum Buch von Salih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß: " 'Statt beim derzeit angesagten Label 'queer-feministische Ökonomiekritik' unterzuschlüpfen, hat sich das Autorenteam beim Schreiben von 'Queer und (Anti-)Kapitalismus' dafür entschieden, den Kapitalismus beim Namen zu nennen. Es handelt sich demanch um ein 'systemisches Herrschaftsverhältnis' und nicht um eine 'Fiktion' mit 'Freiräumen'. Vorgeschlagen wird daher, dass (queere) Kapitalismus-Kritik grundlegend auf den Analysen und Kämpfen aus dem globalen Süden und von People of Color aufbaut." (hier online und hier)

Zu "Queer und (Anti-)Kapitalismus" heißt es in der Siegessäule (Dezember 2013) u. a.: Das Buch bietet einen "Überblick, vom Marxismus hin zum Poststrukturalismus, zu queeren und postkolonialen Theorien. Ein großes Unterfangen, das die beiden mittels kleiner, leicht lesbarer Formate gut meistern". (zur Rezension im Heft, S. 26)

"Die Autor*innen argumentieren streng historisch und verweisen […] auf queere Geschichte selbst", hebt Jonas Eickholl in der Queerulant_in (Heft 6, Januar 2014) hervor. Genau dies sei "eine große Stärke des Buchs […]: queere Geschichte mit marxistischer Theorie zu vereinen und darzustellen". (Queerulant_in, Nr. 6, S. 42)

Buchhandlung Löwenherz: "Die spannende Frage, inwieweit erfolgreiche lesbisch-schwule Emanzipation mit dem neoliberalen Umbau der Weltwirtschaft Hand in Hand ging, untersuchen Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter in ihrem neuesten Buch. Eine anspruchsvolle Lektüre, heilsam in einem niveaulosen [österreichischen] Wahlkampf, auch wenn man nicht alle Standpunkte der Autoren teilt." ...heißt es auf der Facebook-Seite der Buchhandlung (Eintrag vom 26.9.2013).

Utrumque schreibt auf Mädchenblog unter anderem: „[D]as Buch ist insbesondere dazu geeignet, eben jene klassizistischen Praktiken der Linken im Allgemeinen und er queer-Bewegung im Speziellen sicht- und streitbar zu machen, die unter anderem dazu führen, dass die wichtigen, gewaltvollen Kämpfe von marginalisierten Personen innerhalb der Bewegung oft verschwiegen und deren Erfolge sich selbst auf die Fahnen geschrieben werden. Insgesamt liegt hier ein Buch vor, das dem Anstoß der Reflexion dient – und ja ganz offensichtlich bereits im Rahmen dieser Rezension erste kritische Thesen provoziert.“ (hier online)

balibar_wallersteinÉtienne Balibar, Immanuel Wallerstein
Ambivalente Identitäten: Rasse, Klasse, Nation

Das bereits vor mehr als 20 Jahren erschienene Buch ist in Zeiten der Krise des Kapitalismus nach wie vor hochaktuell.

Die aktuellen und nicht mehr abebbenden Krisenerscheinungen des Kapitalismus machen dringlich deutlich, wie notwendig es ist, eine gerechte Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Marxistische Theorien liefern hierfür eine Basis, die es weiterzuentwickeln gilt, wobei gerade aus den praktischen Fehlern und theoretischen Leerstellen des Ende der 1980er Jahre zusammengebrochenen Staatssozialismus zu lernen ist. Durch die „neue Marxlektüre“ im Anschluss an Michael Heinrichs „Kritik der politischen Ökonomie“ (theorie.org) wurde dieser Lernprozess erheblich befeuert und es zeigt sich in Gesprächen, auf Blogs und in Zeitschriften, wieviele Menschen über Herrschaftsverhältnisse nachdenken und dabei auch verstehen wollen, wie Rassismus, Sexismus und Klassenunterdrückung miteinander verschränkt sind und was die Privilegierten von den Unterdrückten und Ausgebeuteten scheidet.

Einige Publikationen – auch aus den 1980er Jahren – können dem Nachdenken neue Impulse geben. Neben den Arbeiten von Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein – von denen eine gemeinsame Schrift im Folgenden vorgestellt wird – sind es gerade die Bücher von Angela Davis, Gayatri Chakravorty Spivak, Kimberlé Crenshaw und Samir Amin, die weitergehende Einsichten versprechen. Sie alle fokussieren Rassismus und Sexismus und ihre Bedeutung für Klassenunterdrückung. Und sie denken global: Nur wenn wir gleichermaßen das kapitalistische Zentrum und die Überausbeutung der Peripherie im Blick haben, wird es uns möglich, Kapitalismus adäquat zu analysieren.

Balibar und Wallerstein untersuchen in „Rasse Klasse Nation: Ambivalente Identitäten“ die Entstehung von Rassismus in den europäischen Staaten und seine Bedeutung. Gab es zuvor regional unterschiedlich immer wieder „Fremdenfeindlichkeit“, so bedeutete Rassismus etwas grundsätzlich Neues und es wurde mit ihm und seinem Aufkommen ab der Reconquista im Jahr 1492 (Balibar, S. 32, 67) die Feindlichkeit gegenüber Menschen wirtschaftlich und gesellschaftlich funktional. Die im Band zusammengestellten Aufsätze, jeweils von einem der beiden Autoren verfasst, geben wichtige Anregungen, um gegen Rassismus streiten zu können, und sie zeigen Diskussionen, die Balibar und Wallerstein – kollegial – untereinander führten, mit dem Ziel, die Verhältnisse verstehen und möglicherweise praktische Antworten entwickeln zu können. weiter bei kritisch-lesen.