Roberto Manteufel in der “Siegessäule” zum Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voss

Sehr gern weise ich auf die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Siegessäule (Dezember 2016) hin – einerseits zum Schwerpunkt HIV und einem Jahresrückblick. Andererseits diskutiert Roberto Manteufel im Heft, in seiner Kolumne „Seitenblick“, das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“. Er merkt unter anderem an: „In ihrem Buch gehen [Çetin und Voss] ans Eingemachte. Sie skizzieren, wie das Wort ‚homosexuell‘ allein schon durch seine historischen Ursprünge rassistisch gefärbt wurde. ‚Echte Homosexualität‘ fände sich zum Beispiel nur bei reichen weißen Nordeuropäern, konstatierte Hirschfeld. Ursprünge, die bis heute ihre Wellen schlagen. Denn – um mal so richtig die Ironiekeule zu schwingen – wir als weiße, aufgeklärte Schwule wissen schon, wie es geht. Also in Sachen Toleranz und Miteinander und überhaupt. Dagegen sehen zum Beispiel die Muslime so richtig alt aus. […] Klingt doch einleuchtend. Nur stimmt das wirklich? Erschreckend klar analysieren Çetin und Voss, wie hinter solchen Gedankengängen ein neues Wir-Verständnis steht, das auch hervorragend als politisches Kampfinstrument dient. Denn Wir, das sind inzwischen auch wir Homos. Wir sind die treuen Demokraten, die gebildet sind und euch den Wohlstand bringen, wenn ihr es nur richtig macht. Vertraut uns bitte, denn was wahre Freiheit ist, das wissen einzig wir. Denn Wir, das sind diejenigen, die in Schwarz und Weiß denken, in Okzident und Orient, in fortschrittlich und rückständig. Ganz ehrlich, Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das riecht nach großem Ärger.“ (Siegessäule, Dezember 2016, S. 49) Die ganze Zeitschrift bekommt ihr digital auf www.siegessaeule.de und als gedrucktes Heft in zahlreichen Bars und Kneipen.

# Übersicht über weitere Rezensionen zum Buch: hier.
# Informationen zum Buch: hier.

Schlussstrich-Diskurs zur NS-Zeit – die von Patsy l’Amour laLove gehostete „Polymorphia“ und die auftretende „Geschichtslehrerin“

Gastbeitrag von zwei Teilnehmenden der Veranstaltung

Berlin: Es sollte ein heiterer Abend werden – mit Tunten-Performance und einem starken Zeichen für mehr Offenheit gegenüber der eigenen Weiblichkeit in der Schwulen-Szene. Was aber am 18. November 2016 bei der von Patsy l’Amour laLove gehosteten „Polymorphia“ im SchwuZ abging, war krass.

Ausgangspunkt war eine spontane Stand-up-Performance einer weiß-deutschen Darstellerin, die sich als „Geschichtslehrerin“ vorstellte. Sie holte das Thema Konzentrationslager und Nazi-Zeit auf die Bühne. Inhalt der Performance war eine Klassenfahrt zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Einer der größeren Witze richtete sich darauf, dass die Schüler dort ja nur zu Besuch seien – sie und Publikum: „Haha“. Sie jammerte darüber, dass die Gedenkstättenpädagogik sie sicherlich als Nazis wahrnehmen würde, denn die Kids hätten lieber geredet und wären nicht so aufmerksam gewesen.

Sie sei aber kein Nazi, auch wenn sie – bei ihrer Performance – hohe Lederstiefel trage – sie und Publikum: „Haha“.

Dann hätten ihr zwei (gleichgeschlechtliche) Schüler_innen erzählt, dass sie jetzt zusammen seien. Sie – die Lehrerin – sei ja vor der Klasse geoutet. Sie habe die beiden trotzdem angeherrscht, dass sie leise sein sollten, weil sie ja schließlich „im KZ“ seien. Nachher habe sie sich geschämt, denn es könne nicht angehen, dass sich „Schwuchteln“ an so einem Ort gegenseitig zum Schweigen brächten, schließlich seien sie dort ermordet worden.

Das Ganze wurde in selbstkommentierter Slapstick-Art performt. Das Publikum ist mitgegangen, hat den Auftritt am Ende beklatscht, und zwischendurch wurde erheitert gelacht. Dass ein solch skandalöser Auftritt mittlerweile durchgeht, dass das Publikum johlend mitmacht, weist auf einen bedenklichen Zustand der schwulen Szene hin – zumindest derjenigen, die dort war. Die „Geschichtslehrerin“ wurde weder von der verantwortlichen Einladenden noch vom Publikum von der Bühne gepfiffen, obwohl sie einerseits einem Schlussstrich-Diskurs zuarbeitete – das KZ könne verlacht werden, und es sei vollkommen selbstverständlich, dass Schüler_innen eine Geschichtsstunde dort nicht ernst nehmen würden. Gleichzeitig wird einer reinen Opfergeschichte in Bezug auf Schwule zugearbeitet. Ist das das neue selbstgerechte weiß-deutsche Geschichtsbild, das Schwule vermitteln wollen? – sollten sich die „Geschichtslehrerin“, Patsy l’Amour laLove, das SchwuZ und das Publikum fragen. Warum wird mit einer solchen Geschichtsklitterung auf der Bühne gearbeitet – anstatt sich ernsthaft einer Erinnerungsarbeit anzunehmen, in der differenziert Opfer- und Täterschaft von schwulen Männern nachgespürt wird – hier könnte auch Performance einen Beitrag leisten. Wenn es aber einer Darstellerin offenbar nicht möglich ist, ein Thema angemessen zu erarbeiten, dann sollte sie es besser lassen und stattdessen ein Geschichtsbuch lesen oder eine echte Geschichtslehrerin fragen!

Kinderbücher für die pädagogische Arbeit zu sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung

Seit 1994 ist der §175, der sich gegen mann-männliche Sexualität richtete, abgeschafft. Seitdem zielt die gesellschaftliche Entwicklung darauf, dass Lesben und Schwule und zunehmend auch Trans* und Inter* nicht mehr diskriminiert werden, sondern in ihrer sexuellen und/bzw. geschlechtlichen Selbstbestimmung ernstgenommen werden sollen. Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung kommt letztlich allen Menschen zu Gute.

Für die pädagogische Arbeit ergeben sich damit bedeutende Änderungen. So kann und darf es in Einrichtungen nicht mehr vorkommen, dass z.B. Homosexualität als Krankehti vorgestellt wird – wie es noch bis in die 1990er Jahre der Fall war. Vielmehr gilt es Kinder und Jugendliche in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen, so dass sie es nicht – oder weniger – als Problem erleben, wenn sie feststellen, nicht in die heterosexuelle, nicht in die “typisch männliche” oder “typisch weibliche” Norm zu passen. Gleichzeitig wird durch eine Toleranz und Akzeptanz fördernde Pädagogik Diskriminierung abgebaut – das Kinder diskriminierungsfrei miteinander umgehen, beginnt im Kindergarten und setzt sich in dem wichtigen Lernort Schule fort. Das Erleben in Familie und der näheren Umgebung ist ein weiteres wichtiges Lernfeld.

Auf den Einrichtungsalltag zielen Materialien, Bücher und Bücherkisten, die auf ministerielle Anforderung von Fachberatungsstellen zusammengestellt werden. Aktuell wurden zwei sehr gute und ertragreiche Bücherkisten vorgestellt – die im Folgenden verlinkt sind: “Geschlechter- und Familienvielfalt”, “Geschlecht, Sexualität und geschlechtliche und sexuelle Vielfaltin Krippe, Kindergarten und Hort”. Die Broschüren geben sehr gute Anregungen und bilden eine wichtige Grundlage für eine diskriminierungsfreie und demokratiefördernde Pädagogik.

Berlin, 3 Buchvorstellungen von “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

PSY-Cetin-2549-v03.inddSehr gern weise ich auf die folgenden drei Veranstaltungen in Berlin hin, bei denen das Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” gemeinsam von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß vorgestellt wird. (Informationen zum Buch finden sich hier hier ; eine sich erweiternde Übersicht erscheinender Rezensionen findet sich hier .

Die Buchvorstellungen:

[1] 18. November 2016, 19:00 Uhr, Schwules Museum (Lützowstraße 73, Berlin)
Vorstellung und Diskussion gleich von zwei Büchern. Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß und Jule Govrin stellen ihre jeweils neu erschienen Bücher vor und diskutieren miteinander. Bücher: Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß: “Schwule Sichtbarkeit – Schwule Identität. Kritische Perspektiven”; Jule Jakob Govrin: “Sex, Gott und Kapital. Houellebecqs Unterwerfung zwischen neoreaktionärer Rhetorik und postsäkularen Politiken”.

[2] 19. November 2016, 17:00 Uhr, Trude Ruth (Flughafenstraße 38, Berlin)
Vorstellung des Buches “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” und Gesprächs- und Diskussionsmöglichkeit mit den Autoren Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß.

[3] 16. Dezember 2016, 20:30 Uhr, Prinz Eisenherz Buchhandlung (Motzstraße 23, Berlin)
Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß stellen ihr neues Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” vor, das im Oktober im Psychosozial-Verlag erschienen ist. Während “Sichtbarkeit” und “Identität” auch heute noch vielfach als bedeutsam für die politischen Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt gelten, weisen beide Autoren darauf hin, wie auf diese Weise auch “ein Ordnungsregime entsteht, das auf Geschlechternorm, Weißsein, Bürgerlichkeit und Paarbeziehung basiert”. Dadurch entstehen Ausschlüsse gegen Queers of Color und Queers mit abweichenden Lebensentwürfen. Die Autoren erläutern die zwiespältige Bedeutung von “Anerkennung” und weisen auf nicht-identitäre Perspektiven hin. Buchvorstellung und Diskussion.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

NEUes Buch von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß: “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

PSY-Cetin-2549-v03.inddSehr gern weise ich auf das gerade erschienene Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” von Zülfukar Çetin und mir hin. Wir freuen uns auf Diskussionen und eure und Ihre Anmerkungen. Gern könntet ihr und könnten Sie ein Rezensionsexemplar bestellen – entweder direkt beim Verlag oder bei: Heinz-Jürgen Voß, voss_heinz@yahoo.de .

Deutlich wird im Band u.a., dass das Konzept “Homosexualität” selbst von den emanzipatorisch Streitenden im Gegensatz zum “dem Sex ‘der Anderen'” entwickelt wurde, also gegen den gleichgeschlechtlichen Sex z.B. in Süditalien und der Türkei. Von den historischen Betrachtungen wird der Bogen zu aktuellen rassistischen Debatten und Akteuren gespannt. Gleichzeitig wird analytisch hergeleitet, warum “schwul” auf Schulhöfen ein oft abwertend genutzter Begriff ist, wenn er auch meist flachsend verwendet wird; es wird klar, warum das so bleiben muss, wenn nicht auch auf neue Konzepte zurückgegriffen wird …

Nun die detaillierten Informationen:

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß:
Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven

# Oktober 2016; 146 Seiten; 19,90 Euro
# ISSN: 2367-2420
# Psychosozial-Verlag, https://www.psychosozial-verlag.de
# Informationen zum Buch beim Verlag

# Klappentext:
Vorangetrieben von »Schwulen« selbst wurde seit dem 19. Jahrhundert das Konzept schwuler Identität durchgesetzt. Noch heute gelten »Sichtbarkeit« und »Identität« weithin als Schlüsselbegriffe politischer Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt. Jedoch wird aktuell immer deutlicher, dass auf diese Weise ein Ordnungsregime entsteht, das auf Geschlechternorm, Weißsein, Bürgerlichkeit und Paarbeziehung basiert. So werden beispielsweise Queers of Color und Queers mit abweichenden Lebensentwürfen marginalisiert.

Die Autoren des vorliegenden Bandes hinterfragen die Gewissheit, dass eine einheitliche schwule Identität existiert, aus unterschiedlichen Perspektiven: bewegungsgeschichtlich, wissenschaftstheoretisch und mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Homonationalismus und rassistische Gentrifizierung.

15 Jahre Homo-Ehe: Wovon nicht gesprochen wird…

Sieht man auf die Berichterstattung der vergangenen Tage zur Eingetragenen Lebenspartnerschaft, so wird der Eindruck einer einzigen Erfolgsgeschichte vermittelt. Zunächst hätten sich einige Lesben und Schwule beim Standesamt angemeldet – und seien noch nicht vorgelassen worden. Ab 2001 sei die standesamtliche Eintragung gleichgeschlechtlicher Paare dann möglich gewesen und hätten die Partner_innen nach und nach immer mehr Rechte erhalten.

So die Erfolgsgeschichte, wie man sie bei Queer.de und im Tagesspiegel (Queerspiegel) nachlesen kann. Aber es handelt sich um eine bereinigte Geschichte – alle alternativen und emanzipatorischen Entwürfe, die es gab, sind daraus getilgt. Was war mit der “Schlampagne”, was mit der “Aktion Nein-Wort – wir scheißen auf euer Ja-Wort”, was mit den Vorschlägen des Lesbenrings und des Bundesverbands Homosexualität, was mit den Vorschlägen zu “Wahlfamilien” der Partei PDS? Was war mit den Kämpfen in der Partei Bündnis 90/Die Grünen, in der sich die Männer um Volker Beck gegen die Feministinnen durchgesetzt haben? Jutta Oesterle-Schwerin von der größten Homosexuellen-Organisation dieser Zeit – dem Lesbenring – warnte ausdrücklich davor, dass nur einige Schwule und Lesben mit der Ehe in die Gesellschaft eingeschlossen würden, wohingegen andere – sie betonte gerade schwule – Lebensweisen zunehmend diskriminiert und stigmatisiert werden würden.

Anderes als die Homo-Ehe war schon in den 1990er Jahren möglich. So schrieben etwa größere Medien wie Der Spiegel schon 1996, dass in der Bundesregierung bereits Debatten über erste Regelungen im Gang seien, um das “trotz großer Reformversuche hoffnungslosveraltet[e]” (ebd.: 78) Bürgerliche Gesetzbuch wieder auf den aktuellen Stand des Zusammenlebens der Menschen und ihrer Bedürfnisse zu bringen. Der Spiegel schrieb weiter: “Was eine Familie ist, entscheidet sich künftig danach, wer mit wem beim Frühstück sitzt – und nicht mehr nach Trauschein, gemeinsamem Namen oder Stammbuch. Nicht mehr die traditionelle Ehe, sondern alle ‚auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaften‘ genießen den Schutz der Rechtsordnung – so jedenfalls steht es in der neuen Landesverfassung von Brandenburg. Ähnliche Verfassungsformulierungen finden sich auch in anderen neuen Ländern.” (Der Spiegel 1996: 79)

Und auch schon zu der gleichen Zeit wurde in Frankreich der PACS, der Zivile Solidaritätspakt, verankert, der mittlerweile in Frankreich pro Jahr häufiger geschlossen wird als die Ehe. Hingegen gibt es in Deutschland erst 41.000 Eingetragene Lebenspartnerschaften – auch das ist ein Votum. Damit bleibt die Forderung erhalten: Wer heiraten will, soll heiraten – und das richtig! Kein Sondergesetz! Gleichzeitig müssen wir zu einer rechtlichen Form kommen, in der Menschen das rechtlich Notwendige miteinander absichern können, was ihnen wichtig ist: Mietvertrag, Zeugnisverweigerungsrecht, Krankenhausbesuchsrecht individuell, zu mehreren Personen. Wer weiterlesen will, gern hier: “Homo-Ehe oder Solidaritätsvertrag?”

16. Juli 2016, Leipzig: Erste Einblicke in das neue Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität”

Passend zu dem am 16. Juli stattfindenden CSD in Leipzig gibt es bei der “Radical book fair” (ab 16:30 Uhr, Veranstaltungsort) erste Einblicke in das neue Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität”, das aktuell im Druck ist und im Herbst im Gießener Psychosozial-Verlag erscheint. Das von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß verfasste Buch wendet sich facettenreich und kritisch Politiken der Sichtbarkeit zu. Unten folgt der Klappentext – ausführlichere Passagen des Buches gibts in Leipzig. Vielen Dank an Salih Alexander Wolter für die tolle Unterstützung sowie das gemeinsame Nachdenken und Arbeiten!

Klappentext: Vorangetrieben von »Schwulen« selbst wurde seit dem 19. Jahrhundert das Konzept schwuler Identität durchgesetzt. Noch heute gelten »Sichtbarkeit« und »Identität« weithin als Schlüsselbegriffe politischer Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt. Jedoch wird aktuell immer deutlicher, dass auf diese Weise ein Ordnungsregime entsteht, das auf Geschlechternorm, Weißsein, Bürgerlichkeit und Paarbeziehung basiert. So werden beispielsweise Queers of Color und Queers mit abweichenden Lebensentwürfen marginalisiert. Die Autoren des vorliegenden Bandes hinterfragen die Gewissheit, dass eine einheitliche schwule Identität existiert, aus unterschiedlichen Perspektiven: bewegungsgeschichtlich, wissenschaftstheoretisch und mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Homonationalismus und rassistische Gentrifizierung.

Es schließt sich um 17:30 Uhr die Vorstellung des Sammelbandes “Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung: Praxisorientierte Zugänge”, herausgegeben von Michaela Katzer und Heinz-Jürgen Voß, an.

Klappentext: Selbstbestimmung geht über die Überwindung bzw. Abwesenheit von äußerem Zwang hinaus. Sie erfordert positives Bewusstsein über Möglichkeiten eigenen Handelns mit einem Spektrum von Anpassung bis Ausbruch. Geschlechtliche Selbstbestimmung schließt Abweichung, Veränderung und Deutungshoheit über körperliche Geschlechtsmerkmale ein.
Im vorliegenden Buch wird »Selbstbestimmung« im sexualwissenschaftlichen Diskurs aus akademischer und aktivistischer Perspektive betrachtet. Die Beiträge beleuchten Aspekte von Inter- und Transsexualität, Asexualität, Sexualität unter Haftbedingungen, im Kontext von Behinderung sowie außerhalb heterosexueller Paarbeziehungen. In ihrer Vielfalt sind die Beiträge Zeitzeugnis, geben zugleich einen Ausblick auf die Zukunft und tragen dazu bei, gängige Denkschablonen zu überwinden.
Mit Beiträgen von Anne Allex, Markus Bauer, Heike Bödeker, Jens Borchert, Diana Demiel, Andreas Hechler, Michaela Katzer, Torsten Klemm, Katja Krolzik-Matthei, Anja Kruber, Alina Mertens, Andrzej Profus, Nadine Schlag, Heino Stöver, Manuela Tillmanns, Daniela Truffer, Heinz-Jürgen Voß und Marlen Weller-Menzel

Rosa – warum sagst du ab?

[Update 13.12.2015: Rosa und ich diskutieren intensiv per E-Mail. Wir arbeiten.]

Nach einem Telefonat von 55 Minuten sagt Rosa von Praunheim ein Seminar ab, das er morgen an der Hochschule Merseburg halten wollte. Nach einigen Eingangsfreundlichkeiten und nochmaliger Erläuterung der Erreichbarkeit der Hochschule Merseburg, kam das Telefonat rasch auf den Begriff Person of Color. Rosa erläuterte, dass er den Begriff bisher noch nicht kannte und es schwierig fände, wenn eine migrantische Person, die er selbst als weiß zuschrieb, sich als „of Color“ bezeichnete. Davon aus kamen wir im Gespräch zu der bei Tea-Riffic (später bei Mädchenmannschaft) formulierten Kritik und der Gegendarstellung auf der Facebook-Seite Rosa von Praunheims. Ich regte an, dass Rosa beides beim Seminar in Merseburg aufgreifen und in die Diskussion bringen sollte. Und weiter ging es zu „dem Islam“. Bei ihm wollte Rosa keinerlei Unterscheidung zulassen. Alle homosexuellen muslimischen Männer und Frauen seien unterdrückt. Das gelte sowohl für islamisch geprägte Länder als auch für Musliminnen und Muslime in Berlin. Diese trauten sich – nach Meinung Rosas – nicht vor seine Kamera, weil sie Angst hätten von den Eltern in „ihren Herkunftsländern“ erkannt zu werden. Besorgt zeigte sich Rosa über die Geflüchteten – sei seien muslimisch und damit homophob. Abwehrend verwies ich auf Basisargumente – etwa die von Zülfukar Çetin in seiner Dissertation „Homophobie und Islamophobie“ ausgewerteten Interviews und das von Thomas Bauer veröffentlichte Buch „Die Kultur der Ambiguität: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“. Das wollte Rosa von Praunheim nicht gelten lassen. Auch Verweise auf gelebten gleichgeschlechtlichen Sex etwa in Afghanistan, mehrere Geschlechter und institutionalisierte Geschlechterkategorien etwa in Pakistan ließ Rosa von Praunheim nicht gelten. Die Diskussion verlief ruhig aber bestimmt von beiden Seiten. Ich regte an, den morgigen Austausch mit den Merseburger Studierenden für die Diskussion zu nutzen. Rosa fragte, ob auch Gender-Studierende in Merseburg seien. Ich sagte ja und diversifizierte ein wenig unterschiedliche berufliche und Bildungs-Verortungen. Da kam auf einmal von Rosa die Ansage, dass er für morgen absage und dass ich das Seminar in Vertretung für ihn allein geben solle. Er fühle sich selbst nicht den aktuellen Debatten gewachsen, sei mittlerweile schon älter und stecke nicht mehr so in den aktuellen Diskussionen. Gerade Kritiken von Genderseite seien problematisch. Seine Sicht schöpfe aus der Erfahrung, meine sei hingegen nur theoretisch und stamme von empirischen Studien und würde lediglich die Ränder betreffen. Seine Sicht treffe zu. Ich regte noch einmal an, dass Seminar gerade für die Debatte zu nutzen. Rosa von Praunheim lehnte das ab und meinte nur, dass er sich entschieden habe. Ich setzte noch einmal an, und sagte, dass er die Entscheidung einfach noch einmal überschlafen sollte… Noch bevor ich den Satz zu Ende gesprochen hatte, hatte er aufgelegt.

Ich finde es schade. Wie sollen eigene weiße Selbstverständlichkeiten reflektiert und bearbeitet werden, wie sollen „Vorurteilshamster“, wie soll antimuslimischer Rassismus in der deutschen Gesellschaft bearbeitet werden, wenn sich selbst eine Person, die kritische Debatte gewöhnt sein sollte, nicht traut, mit 21 Studierenden zu diskutieren. Sehr schade. Von dem neuen Film „Überleben in Neukölln“ ist nach den Aussagen im Telefonat nur antimuslimischer Rassismus zu erwarten; er ist auch ein Zeichen dafür, dass die Schwulenbewegung neben der Homobefreiung eben auch ganz viel Scheiße gebracht hat – Homonationalismus und Ausgrenzung und Hass gegen andere Menschen, die genauso schön gruppiert werden wie „die Schwulen“.

Heinz-Jürgen Voß

Fachtag, 5. März 2015: Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität – (K)Eine Privatsache am Arbeitsplatz?!

Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität – (K)Eine Privatsache am Arbeitsplatz?! – Fachtag für Institutionen, soziale Dienste, Unternehmen und Interessierte

# Donnerstag, 5. März 2015, in Merseburg (b. Leipzig und Halle)
# Kooperationsveranstaltung von Hochschule Merseburg, Friedrich-Ebert-Stiftung und ver.di Jugend
# Ein Teilnahmebeitrag wird nicht erhoben.

Geschlechtliche_sexuelle_Vielfalt_ArbeitsplatzDiskriminierung abzubauen, ist ein erklärtes Ziel aktueller landesweiter und europäischer Politik. Programme, die sich darauf richten, Vielfalt anzuerkennen, werden unter dem Stichwort Diversity-Management zusammengefasst. Sie zielen einerseits darauf, die Lebensqualität von Menschen zu steigern. Andererseits liegt den Diversity-Management-Konzepten die Einsicht zu Grunde, dass Menschen, die nicht diskriminiert werden, im Arbeitsleben produktiver sind. Wenn das Betriebsklima stimmt, wenn Mobbing ausgeschlossen ist und Mitarbeitende so akzeptiert sind, wie sie sind, dann sind sie motivierter, leistungsfähiger und kreativer. Zufriedenheit der Mitarbeitenden ist mittlerweile ein wichtiger Standortfaktor, da zahlreiche Unternehmen und Kommunen bereits Diversity-Konzepte auf den Weg gebracht haben.
Vielfalt anerkennen zielt auf Fragen wie Alter, körperliche und geistige Befähigung, Geschlecht, ethnische und kulturelle Herkunft, Religion und Weltanschauung sowie sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Bei diesem Fachtag greifen wir die letzten beiden Faktoren heraus. Neben einigen anderen Kategorien sind Geschlecht und Sexualität zentral in der Identität von Menschen. Wenn ein Mitarbeiter offen schwul leben kann und nicht stets schweigend zuhört, wenn die Kolleginnen und Kollegen von Ausflügen mit ihren Familien berichten, wenn er sich nicht kleine Geschichten ausdenken muss, nur um nicht als schwul erkannt zu werden, dann kann er unbelasteter und befreiter tätig sein. Für Transgender und transsexuelle Menschen ist es wichtig, dass ihre geschlechtliche Identität anerkannt wird. Es sollte kein Tuscheln stattfinden, wenn Hans Meier eines Tages als Ulrike Meier auf Arbeit kommt. Vielmehr sollte es Interesse und Unterstützung provozieren.
Der Fachtag „Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität – (K)Eine Privatsache am Arbeitsplatz?!“ vermittelt Kompetenzen und bietet Raum für Austausch. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen.

Ablauf: Continue reading “Fachtag, 5. März 2015: Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität – (K)Eine Privatsache am Arbeitsplatz?!” »

Queerfilm: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Domstadtkino Merseburg (b. Leipzig und Halle), ab Februar 2015

Queerfilm_Merseburg_01Lesbische, schwule, queere Filme kommen ins Domstadtkino! Dabei werden einerseits Filme gezeigt, die kaum noch in Kinos zu sehen sind, wie etwa „Stadt der verlorenen Seelen“ von Rosa von Praunheim. Gleichzeitig kommen aktuelle Filme hinzu. Es gibt jeweils einen Doppelpack, der regional und überregional interessant ist. Durchgeführt wird die Reihe in Kooperation von Domstadtkino, Hochschule Merseburg und Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt.

Start der Filmreihe ist am 26. Februar mit den Filmen „Faustrecht der Freiheit“ (1974, Regie: Rainer Werner Fassbinder) und „Pride“ (2014, Regie: Matthew Warchus). Continue reading “Queerfilm: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Domstadtkino Merseburg (b. Leipzig und Halle), ab Februar 2015” »