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Sehr gern weise ich euch und Sie auf das neue Buch "Die Idee der Homosexualität musikalisieren: Zur Aktualität von Guy Hocquenghem" hin. Ich bin sehr stolz auf diesen Band! Er dürfte einige gute Diskussionen anregen. So gilt Hocquenghem als Vordenker der Queer Theorie - und ist er ein wichtiger Schwulenaktivist, der in Frankreich aktiv war und sich auch deutlich zu den schwulen Aktivitäten in Westberlin und der BRD positionierte. Richtungsweisend für den Band ist das Zitat von Guy Hocquenghem:

"Ich würde die Idee der Homosexualität gern musikalisieren: Sie existiert nur in ihren Rhythmen, ihren Intervallen und ihren Pausen, sie existiert nur durch ihre (dramatische) Bewegung. Sie konjugiert Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit in diesem Rhythmus des Erscheinens und des Verschwindens."
(Guy Hocquenghem, übersetzt von Salih Alexander Wolter)

Zum Buch haben Rüdiger Lautmann, Norbert Reck und ich mit Aufsätzen beigetragen; Salih Alexander Wolter hat einen Aufsatz von Guy Hocquenghem für das Buch wunderbar übersetzt. Ein schöner, runder Band! 🙂

Weitere Informationen zum Band:
https://www.psychosozial-verlag.de/2783

Interesse an Austausch:
Wer Interesse an Diskussion hat, kann gern ein Rezensionsexemplar bestellen und ihre*seine Perspektive beitragen. Dafür schreibt bitte an Melanie Fehr-Fichtner vom Psychosozial-Verlag: melanie.fehr-fichtner@psychosozial-verlag.de

Wenn es Interesse an einer Buchvorstellung oder Diskussionsveranstaltung gibt, dann sendet sehr gern mir eine Nachricht: Heinz-Jürgen Voß, voss_heinz@yahoo.de .

In einem Offenen Brief setzen sich Wissenschaftler*innen und Kulturschaffende für die sofortige Freilassung von Ali Erol ein. Ali Erol ist Mitbegründer des ersten offiziellen LGBTI*-Vereins in der Türkei/Ankara, Kaos GL (Gründung 1994). Erol wurde am vergangenen Freitag verhaftet. Der Offene Brief mit den Unterschriften befindet sich hier.

Update: Ali Erol wurde am 6.2.2018 gegen Auflagen aus der Haft entlassen. Andere Menschenrechtsaktivist*innen sind noch in Haft. Vielen Dank an die ehrenamtlich Streitenden vor Ort und die Jurist*innen, die sich für die Freilassung engagieren!

 

Im Folgenden der Wortlaut:

An:
Herrn
Botschafter Ali Kemal Aydın
- Botschaft der Republik Türkei -
Tiergartenstr. 19-21
10785 Berlin

 

Berlin, den 5.2.2018

Offener Brief: Sofortige Freilassung von Ali Erol

Exzellenz,
sehr geehrter Herr Botschafter Ali Kemal Aydın,

wir, Wissenschaftler*innen, Kulturschaffende und Theoretiker*innen aus dem Menschenrechts- und Antidiskriminierungsbereich, wenden uns voller Sorge über die Festnahme unseres Mit­streiters und Weggefährten Ali Erol an Sie.

Am 2. Februar wurde Ali Erol in seiner Wohnung in Ankara wohl wegen Beiträgen in den Sozialen Medien festgenommen und befindet sich seitdem in Haft. Über die genauen Hinter­gründe seiner Verhaftung liegen seinen Anwält*innen noch immer keine Informationen vor.

Ali Erol ist der Mitbegründer des ersten offiziellen LGBTI*-Vereins[1] in der Türkei/Ankara, Kaos GL, der sich seit 1994 für die Rechte von u.a. LGBTI* einsetzt. Für sein Engagement wurde Ali Erol im Jahr 2013 mit dem nach dem in Uganda ermordeten schwulen Aktivisten David Kato benannten Vision & Voice Award ausgezeichnet. Für den wissenschaftlichen und kulturellen internationalen Austausch, ganz besonders zwischen der Türkei und Deutschland, war und ist Ali Erol eine herausragende Person.

Die Festnahme von Ali Erol zeigt auf besorgniserregende Weise, wie sehr die Rechte der LGBTI* in der Türkei gerade beschnitten werden. Sie steht zweifellos in einem Zusammenhang mit dem kritikwürdigen Verbot sämtlicher LGBTI*-Aktivitäten, das seit November 2017 für Ankara gilt.

Die Verhaftung Ali Erols ist ein weiterer massiver Angriff auf die Meinungsfreiheit sowie auf die gesamte Zivilgesellschaft in der Türkei.

Wir fordern daher die sofortige Freilassung Ali Erols und aller anderen LGBTI*-Aktivist*innen und das Ende der Repression gegen Menschen, die sich für gleiche Rechte und Meinungsfreiheit engagieren. LGBTI*-Rechte sind Menschenrechte.

[1] LGBTI*, dt. LSBTI*: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter*.

Der Offene Brief mit den Unterschriften befindet sich hier.

Gern weise ich auf ein paar Rezensionen aktueller Bücher hin, die ich für socialnet.de verfasst habe. Im Folgenden jeweils ein kurzer Auszug - und der Link zum Weiterlesen:

(1) “Queer Wars: Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung”; von Dennis Altman und Jonathan Symons:

Gegen westliche Bevormundung werden Altman und Symons noch deutlicher: „Radikale Ideen voranzutreiben oder eine zu große Sichtbarkeit herzustellen in Gesellschaften, in denen nicht jede Sexualität als eine legitime Identität aufgefasst wird, kann einen Rückschlag provozieren, der vorhandene sexuelle Freiheiten sogar wieder zurückdrängt.“ (S. 138) [...] Leichtgängig liefern Altman und Symons in Freundls Übersetzung dem deutschsprachigen Publikum einen Zugang zum internationalen Stand aktueller Debatten um die Emanzipation von LSBTIQ.

Rezensiert auf: socialnet, 26.1.2018 (Online).

(2) “Schweigen = Tod, Aktion = Leben. ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993”; von Ulrich Würdemann:

Ulrich Würdemann liefert mit dem vorliegenden Band einen hervorragenden Einstieg in Betrachtungen zu ACT UP in Deutschland. Er räumt mit dem mitunter angenommenen Mythos auf, dass HIV/Aids-Aktivismus, Aidshilfen und Schwulenbewegung ineinander aufgingen. Vielmehr stellt er die Diskrepanzen zwischen ACT UP auf der einen Seite und Schwulenbewegung und Aidshilfen auf anderen Seiten heraus. Besonders betont er die gegen HIV-Positive feindliche Politik, wie sie vor allem von Peter Gauweiler und Horst Seehofer betrieben wurde.

Rezensiert auf: socialnet, 25.1.2018 (Online).

(3) “Demo. Für. Alle. Homophobie als Herausforderung”; von Detlef Grumbach (Hg.):

Der vorliegende Band formuliert zuallererst ein Unbehagen mit den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen. Rechte und reaktionäre Strömungen stellen, so die Autoren, eine zunehmende Bedrohung für LSBTIQ* dar – und Anhänger(_innen) von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien und Initiativen fänden sich auch unter LSBTIQ* selbst. Wichtig am Band ist, dass er diese Verunsicherung transparent macht und mit einigen theoretischen Überlegungen unterfüttert. Gleichzeitig werden aus einigen Beiträgen Ansätze für Strategien gegen diese reaktionären Strömungen deutlich: Vielfach wird die Koalition mit anderen Gruppen angesprochen, die der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt in LSBTIQ* Rechnung tragen, aber auch mit anderen Marginalisierten zusammengehen sollte. Das Stichwort Intersektionalität taucht auf, auch das gemeinsame Streiten gegen Rassismus und Geschlechterhierarchie. Hier wird anzusetzen sein – und könnte mit einer Selbstreflexion schwuler Kontexte begonnen werden.

Rezensiert auf: socialnet, 24.1.2018 (Online).

(4) “Magnus Hirschfeld und seine Zeit”, von Manfred Herzer:

Das Buch ist ein unbedingtes Muss für alle diejenigen, die sich mit schwuler Geschichte im Allgemeinen und mit Magnus Hirschfeld und seinen Zeitgenoss_innen im Besonderen beschäftigen. Es stellt einen sehr guten Auftakt für die weitere Debatte dar.

Rezensiert auf: socialnet, 29.1.2018 (Online).

Ausgehend von Betrachtungen zur Klappenkultur in Westberlin – und ihre Beurteilung durch Aktivist*innen aus anderen europäischen Ländern, etwa durch Guy Hocquenghem – wendet sich der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß (Hochschule Merseburg) aktuellen bedrohlichen gesellschaftlichen Entwicklungen zu. Er schildert, wie rechte Strömungen zunehmend Diskurse bestimmen, und verweist – unter anderem in Anschluss an die lesbische Aktivistin Jutta Oesterle-Schwerin – darauf, dass unter dem Deckmantel aktueller gesellschaftlicher Normierungen neue (gewalttätige) Restriktionen eingeführt werden. Voß fragt und stellt zur Diskussion: Wie können wir etwa den von Hubert Fichte positiv geprägten Begriff „Verschwulung“ behaupten – gegen „unsere“ eigene Geschichtsvergessenheit und gegen rechte Vereinnahmung?

Die Veranstaltung findet als Begleitveranstaltung zur Ausstellung von Marc Martin "Fenster zum Klo. Public Toilets & Private Affairs" im Schwulen Museum* (Berlin) statt. Beginn ist 19:00 Uhr.

Heinz-Jürgen Voß ist Biolog*in und Sexualwissenschaftler*in an der Hochschule Merseburg.

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Geradezu mystisch wird heute das Jahr 1968 aus sexueller Sicht gesehen. Mit ihm verbinden sich Gedanken zur sogenannten Sexuellen Revolution und insgesamt der Befreiung des sexuellen Tuns der Menschen von bürgerlichen Konventionen. In der BRD wird mit der Sexuellen Revolution auch ein Bruch mit den Nazi-Eltern verbunden.

Eine solche Beschreibung greift kurz und wird weder dem realen Streiten noch den damaligen gesellschaftlichen Veränderungen gerecht. Das beginnt schon bei der zeitlichen Einordnung: Bereits 1967 wurde die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gegründet und schon zuvor gab es sexualpädagogische Konzepte, die in einigen Bundesländern der BRD und gerade auch in Westberlin staatlich-organisatorisch entwickelt wurden [1]. Bereits die geschichtlichen Ereignisse des Jahres 1967 in Westberlin und dann in der ganzen BRD – mit den Protesten gegen den Schah-Besuch und denen im Anschluss an die Ermordung von Benno Ohnesorg durch einen Polizisten – sind bedeutsam. Und es ist die oftmals vernachlässigte Schülerbewegung (Schüler_innenbewegung) zu berücksichtigen, die gleichzeitig zur Studierendenbewegung stattfand, bereits 1967 stark war und sich im Juni zum „Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler“ (AUSS) zusammenschloss. Die Schüler_innenbewegung befasste sich rasch auch mit Fragen des Sexuellen – und brachte es in die Diskussion. Es wurde unter anderem eine emanzipatorische und die Sexualität bejahende Sexualpädagogik für Schulen gefordert. Auch wurde von den Schüler_innen gegen die Schutzaltergrenzen und die Bedrohung gleichgeschlechtlichen Sexes revoltiert. Sich vielmehr der Schülerbewegung (Schüler_innenbewegung) zuzuwenden, könnte gerade für Themen des Sexuellen einige Fragen erhellen – und die Schüler_innenbewegung hatte Reichweite: Etwa „Das kleine rote Schülerbuch“, das dann ab 1969 erschien, erreichte Auflagen im sechsstelligen Bereich.

Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die Ost-West-Aushandlungen, die sich um die Proteste darstellen. Hier besteht einiger Forschungsbedarf, da bislang die Fragestellungen rund um „die 68er“ oftmals aus der einen oder anderen Perspektive zugespitzt wurden und gründliche wissenschaftliche Perspektiven, die West wie Ost gleichermaßen würdigen, kaum zu finden sind. In Bezug auf die sexuellen Fragen ist hier bedeutsam, dass bereits am 12. Januar 1968 die Volkskammer der DDR ein neues Strafrecht und Strafprozessrecht billigte. Galten in der DDR zum Beispiel niemals die Nazi-Verschärfungen des Paragrafen 175, der mann-männlichen Sex unter Strafe stellte und fanden dort in wesentlich geringerem Umfang als in der BRD und weitgehend „nur“ bis 1957 Verurteilungen von Männern wegen homosexueller Handlungen statt, so markiert das neue Strafrecht einen Einschnitt: Nun wurde eine Regelung eingeführt, die „lediglich“ eine unterschiedliche Schutzaltergrenze vorsah. Im neuen Paragrafen 151, der den Paragrafen 175 in der DDR ablöste, heißt es: „Ein Erwachsener, der mit einem Jugendlichen gleichen Geschlechts sexuelle Handlungen vornimmt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft.“ [2] Für gleichgeschlechtlichen Sex galt damit juristisch eine Schutzaltergrenze von 18 Jahren; für andersgeschlechtlichen Sex galt hingegen eine von 16 Jahren. Gewiss problematisch, aber dennoch auch als Akt der „Anerkennung/(An-)Erkennung“ weiblicher Sexualität zu verstehen [3], galt der Paragraf 151 nun „gleichberechtigt“ sowohl für mann-männlichen als auch für frau-weiblichen Sex. Bedeutsam wären für eine genaue Einordnung der „Sexuellen Revolution“ und der sich ergebenden gesellschaftlichen sexuellen Verhältnisse ausführliche Betrachtungen zum Werdegang dieses Strafgesetzes – und seine Bedeutung für Debatten in Westberlin und der BRD. (Dass es ganz deutliche wechselseitige Beeinflussungen von Ost und West gab, ist bekannt und wird etwa aus der Rezeption von Maxi Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“ und von Verena Stefans und Christa Wolfs Interaktionen deutlich [4].)

Schließlich soll hier noch ein dritter Aspekt thematisiert werden: „Sexualität“ als Konzept ist historisch nicht überzeitlich, sondern neu. Es kommt erst mit der „modernen“, der bürgerlichen Gesellschaftsordnung auf. Auch vorher hatten Menschen geschlechtliche Handlungen, die wir heute als sexuell verstehen – aber diese folgten anderen Prämissen. So kommt neu mit dem Konzept der „Sexualität“ auf, dass sehr „nahe“ und „zärtliche“ Handlungen mit ihrem Gegenteil – sexualisierter Gewalt – zusammenfasst als „sexuell“ bezeichnet werden [5], anstatt Intimität und Nähe auf der einen Seite zu sehen und Gewalt und Vergewaltigung ganz anders zu definieren. Auch sind erst seit der Moderne die intimen Handlungen starr von Freundschaft abgrenzt; und auch erst seitdem gibt es die starren binären Kategorien „Heterosexualität“, Homosexualität“ und „Bisexualität“. Dafür dass ein solches Verständnis und ein solches Konzept von „Sexualität“ erst mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung aufkommen, liegen Analysen vor: mit meiner Beteiligung sind das insbesondere das Buch „Queer und (Anti-)Kapitalismus“, das Salih Alexander Wolter und ich gemeinsam verfasst haben, und – spezifisch für „Homosexualität“ – das Buch „Biologie & Homosexualität“ und vertiefend das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ (gem. mit Zülfukar Çetin). Auch an die Erkenntnisse zur Entwicklung und Etablierung des „Sexualitäts-“Konzeptes anschließend, lohnt es sich weiterzudenken. Damit ließe sich auch der Frage nachgehen, unter welchen Bedingungen normative Setzungen so grundlegend in Frage gestellt werden könnten, sodass von einer „Sexuellen Revolution“ gesprochen werden kann.

 

[1] Vgl. für einen Überblick: Christin Sager, „Das aufgeklärte Kind: Zur Geschichte der bundesrepublikanischen Sexualaufklärung (1950-2010)“ (Bielefeld: 2015).

[2] Siehe etwa: http://www.verfassungen.de/de/ddr/strafgesetzbuch68.htm (Zugriff: 4.1.2018).

[3] Vgl. zur Begriffsverwendung von „Anerkennung“ die differenzierten Ausführungen im von Zülfukar Çetin und mir veröffentlichten Band „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ (Gießen: 2016). Dort legen wir dar, dass im Begriff „Anerkennung“ positive Aspekte (juristische Gleichstellung) und negative Aspekte (staatliche Verfolgung) zusammenfließen.

[4] Vgl. etwa zur Bezugnahme der – leider kürzlich verstorbenen – Verena Stefan auf Christa Wolf das TAZ-Interview mit Verena Stefan „Ich bin keine Frau. Punkt.“ Vom 10. Mai 2008. Online: http://www.taz.de/!5182326/ (Zugriff: 4.1.2018).

[5] Siehe: Thomas Bauer, „Die Kultur der Ambiguität: Eine andere Geschichte des Islams“ (Berlin: 2011, hier: S. 271-277).

Allen Lesenden dieses Blogs wünsche ich ein gutes Jahr 2018! Wie sich schon in den ersten Tagen des Jahres zeigte, liegt viel Arbeit vor uns: So greifen die öffentlichen Onlinepranger, die es in den USA für Personen, die für Sexualdelikte juristisch verurteilt wurden, schon gibt, nun auch auf die Europäische Union über. Hier gilt es gegenzusteuern - auch juristisch über den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ebenso problematisch erscheint mir die zunehmende Krminialisierung von Sexarbeit, wie sie sich in einigen europäischen Ländern zeigt - zuletzt war die Problematisierung von Sexarbeit Geflüchteter durch die deutsche Boulevard-Presse (u.a. durch den Berliner Tagesspiegel) ein Problem. Hier gilt es, den Weg vernünftiger gewerkschaftlicher Einbindung und Absicherung von Sexarbeit weiter zu verfolgen.

Ich freue mich auf das Jahr und darauf, mit euch und Ihnen fundiert wissenschaftlich weiter auf eine emanzipatorische Gesellschaft hinzuarbeiten! Und ich freue mich auf den Auftakt zu dieser Arbeit: Am 8. Januar darf ich im Rahmen der schönen Veranstaltungsreihe "Feminismus mit links" in Heidelberg die wesentlichen Erträge aus dem Buch "Queer und (Anti-)Kapitalismus" vorstellen. Das Buch hatten Salih Alexander Wolter und ich im Jahr 2013 veröffentlicht und es ist (leider - schöner wäre es, wenn die Debatten erheblich vorangegangen wären) weiterhin so ertragreich, dass es wohl dauerhaft richtungsweisend bleiben wird - und es erscheint in diesem Jahr nun auch in einer englischsprachigen Fassung. Alle Informationen zur Veranstaltung in Heidelberg findet ihr und finden Sie hier.

Und ich freue mich dieses Jahr sehr auf zwei neue Bücher, die ich (mit)verantworte - eines zur Prävention sexualisierter Gewalt, das gerade in den Abschlussarbeiten ist und das Buch "Die Idee der Homosexualität musikalisieren: Zur Aktualität von Guy Hoquenghem", das bereits fix und fertig beim Verlag liegt (Informationen hier).

Seid diskussionsbereit und gleichzeitig achtsam - ich freu mich drauf!

Anlässlich des Aktionstages #4genderstudies gegen die derzeitigen Angriffe auf bzw. Abwertungen von Gender Studies mache ich den folgenden Aufsatz "Angriffe, Gegenwehr und die nötige Debatte über Diskussionskultur" online zugänglich. Er wurde zuerst im Jahr 2015 im Magazin der Hochschule Merseburg veröffentlicht, um für eine wertschätzende Diskussionskultur zu werben.

 

Angriffe, Gegenwehr und die nötige Debatte über Diskussionskultur

Ausgangspunkt: Rechte Angriffe auf Geschlechterforschung und Sexualpädagogik

In den vergangenen Wochen und Monaten waren Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen, die sich mit Fragen der Geschlechterforschung und der Sexualpädagogik befassen, teils massiven verhöhnenden und beleidigenden Attacken ausgesetzt. Diese kamen aus einem rechtskonservativen und rechtspopulistischen Umfeld. So handelt es sich etwa bei der Gruppe von Menschen, die sich in den vergangenen Monaten als „besorgte Eltern“ hervortaten und die Demonstrationen gegen eine emanzipatorische, Vielfalt akzeptierende Sexualpädagogik organisierten, eher um besorgniserregende Eltern.[1] Sie riefen u. a. gemeinsam mit dem rechtspopulistischen Magazin Compact (!) zu ihren Aktionen auf. Über Verstrickungen dieser besorgniserregenden Eltern in Kreise, die extrem rechte Positionen äußern, den Holocaust leugnen und die körperliche Züchtigung von Kindern fordern, klärte die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Lotta – Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen auf. [2]

Erinnern wir uns aber weiter, woher zentral die aktuellen Angriffe gegen Sexualpädagogik und Geschlechterforschung kamen: Da gab Karla Etschenberg der extrem rechten Zeitung Junge Freiheit ein Interview, in der auch Martin Voigt schreibt. Dieser publizierte ebenso in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen Beiträge zum Thema, dort im von Volker Zastrow verantworteten Ressort „Politik“. Zastrow hat sich selbst mit einem Buch 2006 deutlich insgesamt gegen die Gleichstellung von Frauen und Männern und gegen Geschlechterforschung gewandt. [3]

Andrea Diener hielt in einem ebenfalls in der FAZ erschienen, aber lesenswerten Beitrag bzgl. der Verursacher von Hass-Attacken fest – explizit mit Blick auf Angriffe, die sich im Internet gegen Journalist*innen richteten: Continue reading “Zum Aktionstag gegen aktuelle Angriffe gegen die Gender Studies: Aufsatz “Angriffe, Gegenwehr und die nötige Debatte über Diskussionskultur”” »

Here you will find the English translation of the introduction of the book:

MAKING SEX REVISITED: DECONSTRUCTING SEX/GENDER FROM A BIOLOGICAL AND MEDICAL POINT OF VIEW

Author: Heinz-Jürgen Voss, www.heinzjuergenvoss.de

Short description: Judith Butler once critiqued binary approaches to biological sex on the level of the interpretation of signs, thus avoiding a discussion of actually existing organic structures and their possible binarity. By contrast, the following contribution is concerned with historical and contemporary biological theories about such structures. Tracing theories of preformation and epigenetics, “Making Sex Revisited” demonstrates that a focus on processes of evolution and differentiation leads to pluri-sexual approaches to biological sex. Organic structures develop individually and vary when various individuals are compared. The predominance of binary interpretations results from the distinction between two sexes and their unequal treatment, still prevalent in society.

German full text version:
Making Sex Revisited:
Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive
Bielefeld: Transcript Verlag
2010, 3rd ed. 2011, ISBN 978-3-8376-1329-2
Open Access: http://dx.doi.org/10.14361/9783839413296

Im Jahr 2017 habe ich die folgenden Bücher besprochen und gebe euch und Ihnen hier einen kurzen Überblick. Die Rezensionen sind jeweils im Volltext online verfügbar. Ich wünsche eine gute Lektüre und wünsche einen schönen Jahresausklang! Heinz-Jürgen Voß

Das Coming-out der Staaten. Europas sexuelle Minderheiten und die Politik der Sichtbarkeit
von Phillip M. Ayoub
rezensiert auf: socialnet, 21.12.2017 (Online).

Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit
von Stephanie Kuhnen (Hg.)
rezensiert auf: socialnet, 7.12.2017 (Online).

Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität
von Patsy l´Amour laLove (Hg.)
rezensiert auf: socialnet, 24.11.2017 (Online).

Wir Deutschen und die Liebe. Wie wir lieben. Was wir lieben. Was uns erregt
von Christoph Drösser
rezensiert auf: socialnet, 23.10.2017 (Online).

Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart
von Sabine Hark & Paula-Irene Villa
rezensiert auf: socialnet, 23.10.2017 (Online).

Wege zum Nein. Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016
von Sina Holst, Johanna Montanari (Hg.)
rezensiert auf: socialnet, 18.10.2017 (Online).

Über Heteronormativität: Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Verhältnisse und konzeptuelle Zugänge
von Herrera Vivar, Maria Teresa; Rostock, Petra; Schirmer, Uta; Wagels, Uta (Hg.)
rezensiert auf: Dasendedessex, 10.4.2017 (Online).

Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur
von Dirck Linck
rezensiert auf: Dasendedessex, 3.4.2017 (Online).

Eine Übersicht aller Rezensionen (und Aufsätze) auch früherer Jahre findet sich hier.

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Cover Für mehr lesbische SichtbarkeitGern weise ich auf den Band von Stephanie Kuhnen (Hg.) für mehr lesbische Sichtbarkeit hin. Ich habe ihn für socialnet (zur vollständigen Rezension) besprochen. Im Folgenden findet ihr und finden Sie einen Auszug aus der Rezension:

... Zentral für die Analyse der Situation von Lesben ist der von Birgit Bosold verfasste Aufsatz „Doppeläxte raus! Warum die schwul-lesbischen Bündnisse der 1990er Jahre vielleicht doch nicht eine so gute Idee waren“ (S. 18). Bosold stellt darin die finanzielle Förderung im Land Berlin für LSBTTIQ*-Projekte vor: Im Jahr 2016 gingen demnach von 3,7 Millionen Euro 1,7 Millionen (46 %) an zwei Träger, die sich insbesondere um Belange schwuler Männer kümmern. Lediglich 18 % (677.000 Euro) gingen an lesbische Projekte. Für den Zeitraum von 2009 bis 2015 stellt Bosold eine ähnliche Ungleichheit fest. Als zweites Beispiel führt Bosold die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld an, die im Jahr 2013 insgesamt 24 Projekte förderte, darunter war nur ein einziges explizit lesbisches Projekt. Schon ökonomisch entstehe damit eine Situation, in der lesbische Projekte kaum überleben könnten. Im Weiteren zeigt Bosold auf, dass Lesben auch in der einschlägigen Geschichtsschreibung zu Homosexualität unterrepräsentiert sind – obwohl Bände übergreifend als „homosexuell“ bezeichnet werden – und nicht etwa als „schwul“ –, kämen Frauen darin kaum vor. Die „Unsichtbarmachung“ betreffe Lesben auch in der Erinnerungskultur, wo Schwule mit Macht durchgesetzt hatten, dass am NS-Mahnmal ausschließlich Männern gedacht werden sollte. Auch die abschließend gefundene Kompromisslösung setze Lesben nur hinzu, während die schwulen Männer dominant blieben. Bosold schlägt entsprechend, im Anschluss an Sabine Hark, mehr Eigenständigkeit für lesbische Forderungen vor, und es gelte sich vor Augen zu führen, wie die „Differenzen ineinander verwoben sind und hierarchisch organisiert wurden“ (S. 24, nach Hark, Hervorhebung im Original). Und weiter:

Es wäre viel gewonnen, wenn ‚wir‘ mehr Sorgfalt darauf verwenden würden. Präzise herauszuarbeiten, was wir jeweils Unterschiedliches wollen, statt dies mit dickem rosa Zuckerguss zu bemänteln. (Ebd.)

Die Herausgeberin Stephanie Kuhnen schließt in ihren Beiträgen an einige der Perspektiven von Bosold an. So betont sie die Bedeutung von Alexander Zinn, der sich gegen die Forderungen der Lesben stark gemacht hatte, am „Homo-Mahnmal“ auch der im NS ermordeten lesbischen bzw. frauenliebenden Frauen zu gedenken (S. 134). Kuhnen betont in den Aufsätzen „Sichtbarkeit ohne Baedeker“ und „Vom Verschwinden einer Identität“ die wichtige Bedeutung von lesbischer Sichtbarkeit und die Notwendigkeit eigenständiger Demonstrationsformen, wie der Dyke*Marches. Sie stellt fest, dass in der Community Lesbenprojekte zunehmend verdrängt wurden und werden. Auch heute, nach „Homo-Ehe“ und schließlich Öffnung der Ehe, gelte:

Die Verliererinnen sind wieder einmal die Lesben, die mit der Normalisierung in den 2000ern auf die billigen Plätze verwiesen wurden und jetzt allmählich aus der Legende der erfolgreichen Emanzipation geschrieben werden. […] Die Marginalisierung von Lesben hat Methode. (S. 27)

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