4. Mai, Merseburg: Präsentation des „Dritten deutschen Männergesundheitsbericht – Sexualität von Männern“ – Publikums- und Pressegespräch

Sehr gern weise ich auf die Vorstellung des “Dritten deutschen Männergesundheitsberichts – Sexualität von Männern” am 4. Mai 2017 in Merseburg hin. Bereits am Tag zuvor findet die Bundespressekonferenz in Berlin (Haus der Pressekonferenz) statt.

Kurzfassung des Inhalts der Veranstaltung:
# Zeit: 4. Mai, 14:30 – 17:00 Uhr
# Ort: Foyer des Gartenhauses, Hochschule Merseburg (Eberhard-Leibnitz-Str. 2, Merseburg)

Vorstellung des von der Stiftung Männergesundheit in Kooperation mit der Hochschule Merseburg herausgegebenen Berichts, der interdisziplinär ist und Sexualität positiv betrachtet. Der Vielfalt von Sexualität und von Männlichkeiten wird Rechnung getragen. Bei der Veranstaltung findet u.a. statt:

* Grußwort der Ministerin für Arbeit, Soziales und Integration des
Landes Sachsen-Anhalt, Petra Grimm-Benne;
* Einordnung des Männergesundheitsberichts durch die Referentin an
der Leitstelle für Frauen- und Gleichstellungspolitik des
Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt
Katharina Scholz;
* Vorstellung des Männergesundheitsberichts durch die Herausgeber_innen
* Podiumsdiskussion zum Männergesundheitsbericht u. a. mit der
Fernseh-Moderatorin und Bestseller-Autorin Ann-Marlene Henning, dem Bildungsreferenten für Jungen*arbeit Michael Ney und Prof. Dr. Harald Stumpe.

Die Langfassung der Einladung mit vollständigem Programm findet sich hier.
Der “Dritte deutsche Männergesundheitsbericht” erscheint beim Psychosozial-Verlag und ist ab Ende April 2017 überall im Buchhandel erhältlich.

Trans*, Inter*, lesbisch, schwul – was haben die Parteien in der letzten Legislatur gemacht

Schön, dass sich Menschen Zeit für genaue Analysen nehmen. Verqueert.de hat das als Wahlanalyse in Bezug auf trans*, inter*, queere, lesbische und schwule Themen gemacht und einen lesenswerten Überblicksbeitrag verfasst. Auf diesen weise ich hiermit gern hin:

Die große Leere – Parteiencheck zur Bundestagswahl Teil 1: Was ist in der vergangenen Legislatur passiert?Hier gehts zum Beitrag.

Einen Folgebeitrag zu den jetzt nach und nach formulierten und erscheinenden Wahlprogrammen für die kommende Bundestagswahl kündigt verqueert.de bereits an.

Gesellschaftlich findet ein Heteronormativitäts-Upgrade statt… Rezension von “Über Heteronormativität” (hg. von Herrera Vivar/Rostock/Schirmer/Wagels)

Auch wenn der Begriff „Heteronormativität“ bereits 1991 formuliert wurde (vgl. auch Gender-Glossar), lassen sich weiterhin bemerkenswerte und aktuelle Reflexionen hinzusetzen, wie der vorliegende Band zeigt. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Warner hat seinerzeit den Begriff geprägt, um (Hetero-)Sexualität als „normatives gesellschaftliches Strukturprinzip“ (S. 90; vgl. Gender-Glossar) zu beschreiben und zu untersuchen. Es geht bei „Heteronormativität“ also um den normativen Charakter von Heterosexualität in Gesellschaft, nicht um die Ablehnung von Heterosexualität an sich (wie es mitunter in rechtspopulistischen Zuschreibungen der wissenschaftlichen Theoriebildung unterstellt wird). Der Begriff „Homonormativität“ in der heute gebräuchlichen Form wurde deutlich später – 2002 – von Lisa Duggan geprägt, um neuere Politiken zu beschreiben, mit denen bisher gesellschaftlich stigmatisierte homosexuelle Lebensweisen in die klassischen heteronormativen Bahnen gelenkt werden. Ehe, Kinder, Hausbesitz, Monogamie und das “Recht”, im Militär mitzutun, würden nun auch dort Standard und Lesben und Schwule erhielten gesellschaftliche Integrationsangebote, wenn sie sich an der Heteronorm und den klassischen gesellschaftlichen Idealen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ orientierten.

Der 2016 im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienene Sammelband „Über Heteronormativität“, herausgegeben von Maria Teresa Herrera Vivar, Petra Rostock, Uta Schirmer und Karen Wagels, liefert nun ein Upgrade des Analysestandes zu Heteronormativität, den Martin Mlinarić in seinem Überblicksbeitrag zur heteronormativen Situation in Serbien und Kroatien treffend charakterisiert:

„Doch handelt es sich bei dem zeitgenössischen Dispositiv wirklich nur um ein Update von Heteronormativität? In der Selbstwahrnehmung des globalen Nordens erscheint es eher als Upgrade eines heteronormativen Betriebssystems respektive Dispositivs als eine höherwertige Konfiguration, die nicht nur einfach aktualisiert, sondern auf eine ganz neue, überlegenere Stufe gehoben wurde und sich als deutlich effizienter, ‚besser‘ und ‚gerechter‘ als ältere Versionen erweist.“ (S. 215, Hervorhebungen im Original)

Dieses Upgrade werde gerade dadurch erreicht, dass das im globalen Norden etablierte “heteronormative Betriebssystem” über den punktuellen, leicht rückholbaren Einschluss einiger homosexueller Lebensstile gegenüber den normativen Systemen im globalen Süden als „überlegen“ präsentiert werde:

„Die mit der Toleranz von dissidenten Sexualitäten verbundenen Fortschritts-, Freiheits- und Modernitätsdiskurse meinen eben genau die nächste Stufe, die genommen wurde oder noch zu nehmen ist. Deshalb benötigen diese Superioritäts-Diskurse den Kontrast zu kulturellen ‚Anderen‘ aus dem Nahen Osten, Russland oder dem Balkan“ (ebd.).

Diesem Heteronormativitäts-Upgrade wenden sich die im Band versammelten Beiträge ausführlich zu. In der von den Herausgeber_innen verfassten Einleitung wird ein prägnanter Überblick gegeben. Dabei zeigen die Autor_innen im Anschluss an Arbeiten von Jin Haritaworn und Beiträge aus dem Sammelband „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule‘“ (eine Rezension findet sich hier) auf, wie die Selbsterhöhung des globalen Nordens funktioniert und wie darüber die Abgrenzung zum globalen Süden und zu trans*, lesbischen, schwulen, queeren Leuten of Colour, die in Ländern des globalen Nordens leben, funktioniert. In den Erzählungen westlicher Selbsterhöhung werden

„…die Existenz- und Erfahrungsweisen von Queers of Colour und von migrantischen Queers tendenziell negiert, wenn sie nicht als (von ‚uns‘ zu rettende) Opfer ‚ihrer‘ Kultur dargestellt und damit als weiterer Beweis für deren homophobe Gewaltförmigkeit herangezogen werden. In zahlreichen Aktionen und Verlautbarungen intervenieren rassismuskritische Organisationen und Gruppen, insbesondere solche von Queers of Colour und migrantischen Queers, in derartige Politiken, und treiben alternative Politiken voran.“ (S. 10)

Neben der Kritik an hegemonialen Politiken und gesellschaftlichen Entwicklungen, die auf die Ausgrenzung spezifischer trans*, lesbisch, schwuler Erfahrungen of Colour setzen, merken es die Autor_innen damit als bedeutsam an, dass jeweils auch die Potenziale politischen Aktivismuses im Blick sind.

Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass auch (weiße) Homosexuelle in den westlichen Gesellschaften (als Synonym für: globaler Norden) im neuen ‚heteronormativen Betriebssystem‘ lediglich Geduldete sind – und zwar dann, wenn sie sich bürgerlich einfügen, in Paarstruktur, Monogamie etc.; auch sind die Coming-outs von nicht-heterosexuellen und nicht-cis-geschlechtlichen Jugendlichen weiterhin schwierig und riskant.

Monika Götsch vertieft letztere Perspektive in ihrem Beitrag. Sie zeigt darin, wie sich Jugendliche im Kontext der „Kontrastierung von ‚früher‘ und ‚heutzutage‘“, von „‚westlich-fortschrittlich‘ versus ‚muslimisch-rückständig‘“, von „‚urban‘ versus ‚ländlich‘“ sowie von „‚gebildet‘ versus ‚ungebildet‘“ (S. 125) selbst geschlechtlich und sexuell positionieren. Sie beziehen sich auf einige der gesellschaftlich positiv besetzten Partner der genannten, gesellschaftlich verhandelten ‚Gegensatzpaare‘, um sich der eigenen „Modernität“ zu versichern. Innerhalb ihrer so bestätigten „Modernität“ gelte dennoch: „nicht-heteronormative Subjekte bleiben die ‚Anderen‘“ (S. 126).

Die Fragen zu Normativität und Gewalt betrachtet Maria do Mar Castro Varela ausführlicher, indem sie die große Studie von LesMigraS zu Mehrfachdiskriminierungserfahrungen darstellt. Dabei kommen Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen in den Blick, die Personen im Kontext des neuen ‚heteronormativen Betriebssystems‘ machen – und es wird deutlich, wie diese Gewalt und Diskriminierung innerhalb der Struktur nicht wahrgenommen werden kann.

Mit Blick auf die Betrachtungen zu Heteronormativität, mit ihren neueren homonormativen Bestandteilen, sind auch die weiteren Beiträge des Buches lesenswert: In den beiden Beiträgen von Jin Haritaworn und Jennifer Petzen werden die Ausschlüsse von Queers of Colour in der Gesellschaft und in den lesbischen und schwulen Szenen deutlicher. Jin Haritaworn fordert ein, dass auch weiße Trans*, Lesben und Schwule ihre Privilegien reflektieren und zum Beispiel in den Blick bekommen, wie auch sie an Gentrifizierung mitwirken können. Haritaworn betont hierbei den produktiven und positiven Wert von Aktivismus, bei gleichzeitiger Benennung von Beschränkungen:

„Der hier formulierten queeren Rassismus- und Gentrifizierungskritik fehlen dennoch oft materielle Räume, in denen Aktivist_innen sich zusammenfinden und nach außen hin als soziale Bewegung sichtbar werden können. Die an QTPoC [Queer, Trans* People of Colour] Küchentischen entstehenden Narrative fordern koloniale Geschichtsschreibungen von queerem Raum und queerer Sicherheit heraus, deren Verständnis von ‚queerer Community‘ singulär bleibt und somit Logiken von Rassismus, Klassismus, Verdrängung und Verwertung verhaftet bleibt. Sie eröffnen Methoden der Verortung und der Mobilisierung, die Alternativen zu dominanten Strukturen von Sicherheit, Privatisierung und Vertreibung heranrücken lassen.“ (S. 157f)

Es geht um Möglichkeiten des Streitens und darum wahrzunehmen, dass Trans*, Lesben, Schwule, Queers auf beiden Seiten zu finden sind – auf Seiten der Profitierenden von Gentrifizierung, neuen stigmatisierenden Gesetzen etc., aber eben auch auf Seiten der von diesen Prozessen und Gesetzen Betroffenen, Marginalisierten, Verdrängten. Jennifer Petzen wendet sich detaillierter Fragen zu, wie Gesetze zu Hasskriminalität bestehende Stereotype und Gewaltverhältnisse reproduzieren, da sie an Gegensatzpaare – rassistische und solche in Bezug auf Klassen- und Geschlechterverhältnisse – anschließen und die damit verbundenen Diskriminierungs- und Gewaltverhältnisse befördern und verstärken. (Ein Beispiel ist hier etwa das Racial Profiling durch Polizei und andere staatliche Institutionen.) Petzen weist darauf hin, wie auch einige (weiße) Schwule und Lesben sich derzeit an ausgrenzenden Politiken beteiligen, teilweise sogar an Pegida, der rechtsextremen Demonstration in Dresden:

„Dismayingly – but unsurpriningly – a selfie taken by a white drag queen in a queer bar alongside a prominent leader of Pegida was being shared and reshared. A right-wing populist movement […] have capitalized on pervasive racist fears of the so-called Islamization of the West to mobilize a considerable portion of the electorate. […]  In fact, this picture represents a further concretization of mainstream gay and right-wing agendas that has been ongoing and seems now to have picked up steam.“ (S. 191)

Ein solches Koalitionsbemühen einiger Schwuler und einiger Lesben in rechte Richtung ist paradox, wenn man sich die dauerhaften transfeindlichen und homofeindlichen Entgleisungen (heterosexueller) rechter Akteur_innen ansieht. Auch die punktuelle Adressierung von AfD und Pegida an Homosexuelle, dass lediglich ‚die Werbung für Homosexualität‘[1] sowie wissenschaftliche Forschung im Hinblick auf Diskriminierung und Gewalt eingestellt, hingegen keine direkte neuerliche rechtliche Sanktionierung gegen Homosexuelle erfolgen solle, wird nicht aufhalten, dass solche Verfolgung kommen wird, wenn Rechtsextreme in Deutschland regieren.

Warum das so ist, dafür lohnt es, den ganzen Band zu lesen. Für die Analyse bemerkenswert ist etwa noch der Beitrag von Mike Laufenberg. Er arbeitet heraus, wie in den modernen Gesellschaften „das Andere“ als bedrohlich und krankmachend dargestellt wird. Dazu diskutiert er die krankheitszuschreibende Wirkung, die kolonial und rassistisch „den Anderen“ zugewiesen wurde, und geht darauf ein, wie auch die Homosexualität so entwickelt wurde, dass sie die gesellschaftlich als problematisch betrachteten Bestandteile von Sexualität beinhalte:

„Im sexuellen Imaginären biopolitischer Gesellschaften verkörpern Homosexuelle die von der Normalsexualität abgespaltenen gefährlichen und potenziell krankmachenden Aspekte des Sexuellen. Homosexualität wird zu den Körpern und Vergemeinschaftungsformen der Mehrheitsgesellschaft (Staat, Familie, Ehe, Zivilgesellschaft) auf eine Weise ins Verhältnis gesetzt, dass sie als Gefahr für deren Integrität und Stabilität erscheint.“ (S. 53)

Bei genauer Analyse von Heteronormativität wird klar, warum nur partieller Einschluss von Homosexuellen erfolgt, nämlich sofern sie sich in die heteronormativen Strukturen fügen. Das, was rassistisch oder über Klassenverhältnisse marginalisiert wird, das, was an schwulem und lesbischem Sex aus der Normalität ausschert, das, was quer zur zweigeschlechtlichen Norm steht, wird problematisiert, ausgegrenzt, verdrängt und stärker verfolgt. Oder, um es mit Volker Woltersdorff zu sagen, der im Band die – auch in den übrigen Beiträgen immer wieder thematisierten – Verbindungen zu kapitalistischer Gesellschaftsordnung fokussiert:

„Eingeschlossen in die prekäre Normalität werden diejenigen, die die Norm weniger verletzen als andere: männlich wirkende Schwule eher als Tunten, Schwule eher als Lesben, Mittelstands-Homos eher als Hartz-IV-Homos, Cis*-Menschen eher als Trans*-Menschen und weiße Queers eher als Queers of Colour. Auf diese Weise gelingt es, sowohl heteronormativitätskonforme als auch heteronnormativitätsnonkonforme Menschen zu disziplinieren: die einen durch die Androhung, ihre Privilegien zu suspendieren, die anderen durch die Inaussichtstellung, sie an diesen Privilegien teilhaben zu lassen.“ (S. 40)

Fazit: Das Buch ist eine notwendige, Analyse von Heteronormativität, so wie sie sich heute zeigt. Es ist den Autor_innen und Herausgeber_innen dafür zu danken, dass sie über ihre Beiträge eine reflektierende Auseinandersetzung mit dem neuen ‚heteronormativen Betriebssystem‘ ermöglichen und auch Aktivismus unterstützen. Die Autor_innen und Herausgeber_innen haben damit Diskussionsprozesse, „die auf einer Tagung im Jahr 2013 und im Anschluss an diese geführt wurden, zu einem produktiven Ergebnis entwickelt, das sich sehen lassen kann.

Herrera Vivar, Maria Teresa; Rostock, Petra; Schirmer, Uta; Wagels, Uta (Hg., 2016): Über Heteronormativität:Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Verhältnisse und konzeptuelle Zugänge. Münster: Westfälisches Dampfboot. Informationen zum Buch.

 

[1] Mit diesem Slogan werden von rechter Seite Aufklärungsprojekte und Bildungsmaterialien zur Förderung von Toleranz und Akzeptanz diskreditiert.

Schwule Literatur, Kunst und Politik – Besprechung des Buches “Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur” von Dirck Linck

Wer feste Identitäten mag, ist in der schwulen Literatur und Kunst in der Regel nicht richtig. Dort zeigen sich Auflösungen und ambige Aushandlungen, die sexuelle Akte, Verlangen und konkretes menschliches Miteinander in den Mittelpunkt stellen. Oder, wie Dirck Linck im vorliegenden Buch Hubert Fichte zitiert:

„Ich lobe den Arsch, den ich fühlen kann, sehen, riechen, schmecken, hören, den sinnlichsten von allen! […] Ich lobe den Arsch, der ist wie ein Auge, das wie die Welt ist, die wie ein Arsch ist!“ (Pubertät; nach: Linck, S. 118)

Wunderbar, dass es literaturwissenschaftliche Meister_innen gibt, die auch jenen einen Zugang zu Literatur ermöglichen, die erst eine kleine Hilfestellung benötigen – einen freundlichen Hinweis. Ich bin eine solche Person, die für Hilfestellung dankbar ist, die gern liest, aber gern auf andere Lesweisen aufmerksam gemacht wird. Dirck Linck gehört zu denen, die zur Hilfestellung in der Lage sind. Er ist ein ausgewiesener Kenner der subversiven, gendervarianten, schwulen und queeren Literatur – und macht Lust darauf, sie zu lesen, neu zu interpretieren und sich von ihr neu, politisch und aktivistisch inspirieren zu lassen. Und Linck schlägt anregende Perspektiven selbst vor, über die der Austausch lohnt. Continue reading “Schwule Literatur, Kunst und Politik – Besprechung des Buches “Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur” von Dirck Linck” »

Gegen Trans*misogynie – Buchempfehlung “Support your sisters not your cisters: Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten”

FaulenzA ist vielen von ihren Alben bekannt. Zuletzt erschienen ist ihr Album „Einhornrap“, von dem einige Songtexte auch in das Buch „Support your sisters not your cisters: Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“ eingegangen sind.

Wie in den Songs auch, stößt FaulenzA in dem bei edition assemblage erschienenen Buch Interessierte nicht zurück, sondern nimmt die ernsthaft Interessierten “an die Hand” und erläutert geduldig, was es mit Feindlichkeit gegenüber Trans*Weiblichkeiten auf sich hat. Dabei wendet sie sich in erster Linie an mögliche cis-weibliche, cis-männliche und trans*-männliche Unterstützer_innen von Trans*Frauen und stellt die spezifische Situation von Trans*Weiblichkeiten vor, die sich jeweils auch individuell unterscheidet. FaulenzA fokussiert bei den betrachtungen einerseits auf die gesellschaftliche Situation, mit zweigeschlechtlich-sexistischer Sozialisation etc., andererseits auf spezifische Diskriminierungen, wie sie in emanzipatorischen linken (oft cis-männlich dominierten) und queer-feministischen Kontexten vorkommen:

Trans*misogynie – das ist die Gewalt, die ich erlebe, seit ich denken kann. Ich bin mit ihr aufgewachsen, sie hat mich geprägt und geformt. Sie hat mich tief verwundet und klein gemacht. Immer wieder, jeden Tag, in unterschiedlichsten Formen. Mal durch offene aggressive körperliche, mal durch unterschwellige Gewalt. Ausgeschlossen werden, verlacht und respektlos behandelt werden gehört dazu. (S. 13)

Ausführlich erläutert sie, dass in Bezug auf FLT*I-Räume oft gerade diskutiert wird, ob Trans*-Weiblichkeiten zu diesen Räumen Zugang haben sollten. Trans*-Frauen wird dabei eine männliche Sozialisation unterstellt – FaulenzA fordert ein, dass die spezifische weibliche Sozialisation von Trans*Frauen hier anerkannt werden muss. Durch die elterliche Anforderung, männlich sein zu sollen, wobei das Kind für Fehlverhalten sanktioniert wird, erleben Trans*Weiblichkeiten massive Diskriminierung und Gewalt bereits in ihrer frühen Sozialisation. FaulenzA fordert, dass auch emanzipatorische Räume das zur Kenntnis nehmen und nicht durch den Ausschluss von Trans*Weiblichkeiten neue Diskriminierungserfahrungen dem bisher Erlebten hinzufügen sollten.

Diskriminierungen und Gewalt geht FaulenzA im Buch ausführlich nach: in Bezug auf Sozialisation, in Bezug auf Passing zur sexistisch-zweigeschlechtlichen Norm, in Bezug auf Arbeitsleben und Schutzräume. Dabei ist der Schreibstil wohltuend erläuternd und freundlich; das Buch ist insgesamt sehr achtsam formuliert und ermöglicht es damit auch Personen, die nicht von der Diskriminierung von Trans*-Weiblichkeiten betroffen sind, die erlebten Diskriminierungen und Gewalt ein Stück weit nachzuvollziehen – und die eigene Rolle zu reflektieren. Wo werden etwa stets spezifische Körperlichkeiten vorausgesetzt – gerade im Hinblick auf Genitalien und physiologische Prozesse wie Menstruation und Ejakulation? Wo werden bestimmte Verhaltensweisen unterschiedlich gewertet, nur weil sie von einem Cis-Mann, einer Cis-Frau, einem Trans*-Mann oder einer Trans*-Frau kommen? An die Beschreibungen anknüpfend können Klischees und Vorurteile reflektiert – und bearbeitet werden. Das Schlusskapitel macht hierfür konkrete Vorschläge für Unterstützer*innen – Empowerment von Trans*-Weiblichkeiten möchte FaulenzA hingegen an anderer Stelle leisten (bzw. leistet sie bereits an anderer Stelle).

Wohltuend an dem Band ist auch, dass FaulenzA Diskriminierungen und Gewalt entlang unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse reflektiert. So positioniert sie sich selbst als weiße Person, die die Möglichkeit zum Studium der Sozialen Arbeit hatte und weist immer wieder auf Diskriminierung und Gewalt hin, die mit Rassismus und Klassenverhältnissen verbunden sind:

Ich finde es super wichtig, sich die eigenen Privilegien klar zu machen und einen achtsamen Umgang damit zu finden! Dazu gehört auch, sich mit eigenem Diskriminierungsverhalten auseinanderzusetzen. Zum Beispiel, dass ich über meine Privilegien als Weiße, über weiße Dominanz und verinnerlichten Rassismus reflektiere. (S. 116)

Für den verschränkten Blick und für die deutliche Thematisierung von Trans*misogynie ist das Buch sehr lesenswert. Die Songtexte aus „Einhornrap“ und die von Yori Gagarim stammenden Illustrationen machen das Buch kurzweilig – und sprechen die_den Lesende_n auf vielfältige Weise an und ermöglichen so facettenreich Räume zum Nachdenken und zur produktiven Selbstreflexion.

Buch: FaulenzA: Support your sisters not your cisters – Über Diskriminierung von trans*Weiblichkeiten. Mit Illustrationen von Yori Gagarim. edition assemblage 2017. Informationen zum Buch.

YouTube-Video zu “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

Gerade von einer schönen Buchvorstellung von Zülfukar Çetins und meinem Buch aus Wien zurück. Es war schön bei Löwenherz! Und für alle, die lieber erst einmal ins Buch ‘hineinhören’ wollen, um es dann zu lesen, gibt es nun auch ein einführendes YouTube-Video:

Also gern sehen – und wer dann das Buch lesen und diskutieren mag, hat morgen (Mittwoch, 22.3.) in der Rosalinde in Leipzig und am Donnerstag (23.3.) in der Frauenkultur in Leipzig bei Buchvorstellungen zur Buchmesse Gelegenheit dazu.

 

“Öffnet die Herzen, herzt die Öffnungen!” – Lilo Wanders und der schöne Fachtag von “gerne anders!”

Um “Kontroversen und Chancen: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Jugendarbeit” ging es beim Fachtag von “Gerne anders!” in Hagen (NRW). Es handelte sich um eine sehr schöne und hoch angebundene Veranstaltung, die auch über die Region hinaus wirken sollte. Ich durfte mit dem Vortrag „Kontroversen um sexuelle & geschlechtliche Vielfalt in Gesellschaft & LSBT* Community“ beitragen – alle Vorträge und Grußworte und einige weitere Eindrücke sind nun in einer Online-Videodokumentation zugänglich. Neben der guten Organisation und der wertschätzenden Diskussion hat mich besonders gefreut, dass Lilo Wanders (Homepage) die Veranstaltung moderiert hat – ich werde mich sehr gern an diese schöne Veranstaltung erinnern!

Abb.: Lilo Wanders und Heinz-Jürgen Voß beim Fachtag “Kontroversen und Chancen: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Jugendarbeit” von “gerne anders!”. Copyright bei: Gerne anders!

 

Querelles-net: Rezension zu “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

Eine umfassende Rezension des von Zülfukar Çetin und mir verfassten Buches “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität” ist auf dem Rezensionsportal Querelles-net.de erschienen. Darin schreibt die Soziologin und Geschlechterforscherin Lisa Krall u.a.: “Dass Auseinandersetzungen angeregt werden, wie es formuliertes Ziel des Buches ist, gelingt aber mit Sicherheit, und zwar nicht nur aufgrund der eng geführten, aber sehr fundierten theoretischen Analysen, sondern auch dadurch, dass es die Lesenden aus ihrer Komfortzone holt, wovon nicht alle begeistert sein werden. Die durch zahlreiche Beispiele untermauerten Argumentationen erweisen sich als zwingend, und es lohnt sich, ihnen zu folgen. So wie es nach wie vor mehr privilegienreflektierender Geschlechterforschung und feministischer Bewegungen bedarf, ist es notwendig, die eigene Beteiligung an Herrschaft zu thematisieren, wie Çetin und Voß am Beispiel der Schwulen aufzeigen. Der Forderung der Autor_innen, Identitäten zu verlernen (vgl. S. 17), könnte in diesem Sinne wohl auch Gayatri Chakravorty Spivaks (1996) Vorschlag hinzugefügt werden, Privilegien als einen Verlust zu verstehen.”

Die ganze Rezension findet sich hier. Eine Übersicht über die bisher erschienenen Rezensionen zum Buch ist hier hinterlegt.

Magdeburg, 12.1.17 um 17.30 Uhr: Einladung zur ‘bunten Veranstaltung’ mit Vortrag “Gendermainstreaming an der Hochschule” von Sandra Tiefel

Gerne teile ich den folgenden Veranstaltungshinweis:

Liebe MitstreiterInnen der Gleichstellung,

wie Sie sicher schon alle erfahren haben, ist am 12.01.17 ab 19.00 Uhr in H6 eine Veranstaltung der Campus Alternative Hochschulgruppe (AFD) zum Thema „Gender an der Uni“ geplant, bei welcher André Poggenburg und der pensionierte Prof. Gerald Wolf als Redner auftreten werden. Diese Veranstaltung wurde bislang fast nur über die AFD-Website beworben, so dass die Teilnehmenden diese Politik teilen werden. Im Sinne einer modernen, innovativen und erfolgreichen Hochschule sollte uns allen an einer Präsentation einer demokratischen Positionsvielfalt gelegen sein.

Auf Initiative der StudierendenvertreterInnen soll es dementsprechend am Donnerstag, den 12.01.17 ab 17.00Uhr im HS6 eine „bunte Veranstaltung“ geben, die das formulierte Leitbild der OvGU zur Gemeinschaft zum Leben erweckt:  „Unsere Universität ist eine Gemeinschaft von Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Studierenden, die geprägt ist durch Offenheit, Vertrauen, Toleranz und Kooperation. Sie strebt ein harmonisches Klima an, welches Gesundheit und Leistungsbereitschaft fördert. Chancengleichheit für Frauen und Männer und die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie sind für uns verbindliche Vorgaben.“
(http://www.ovgu.de/Universit%C3%A4t/Im+Portrait/Leitbild.html)

So soll die Pluralität und Vielfalt universitären Lebens und Wirkens mit vielen Menschen sichtbar gemacht werden. Parallel werden z.B. Ausstellungen und Filmclips gezeigt (wer noch etwas beitragen kann, wende sich bitte an den StudierendenRat): stura@ovgu.de).

Das Büro für Gleichstellung beteiligt sich ebenfalls mit einem Vortrag und wir würden uns freuen, wenn Sie zahlreich erscheinen würden.

12.01.2017 – 17.30; H6 OvGU,
Vortrag von Dr. Sandra Tiefel (Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der OVGU):
„Gender Mainstreaming an der Hochschule – Stand und Potenziale einer Strategie zur Förderung von Chancengerechtigkeit im Bildungssektor“.

Trotz der Verankerung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen nach §3 des Grundgesetzes, zeigen sich in der Alltagspraxis wie in sozialen, beruflichen und politischen Kontexten weiterhin unterschiedliche Zugangschancen und –-barrieren für beide Geschlechter. „Die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit ist daher wesentlicher Bestandteil des politischen Handelns der Bundesregierung in allen Politikbereichen“ (www.bmfsfj.de). Der Vortrag diskutiert, welche Strategien und Maßnahmen Hochschulen in den letzten Jahren ergriffen haben, um dieses Leitbild einer gerechten Teilhabe und Ressourcenverteilung umzusetzen? Ziel ist es, über weitere Potenziale für erfolgreiches Gender Mainstreaming an der OVGU nachzudenken und gemeinsam Ideen zu entwickeln.

Wir möchten Sie alle herzlich einladen, Gesicht zu zeigen.
Um bunte Kleidung und Gedanken wird gebeten!

MfG

Sandra Tiefel

Einladung bitte weiterverteilen!

Erfurt, Berlin, Oldenburg, Frankfurt/Main etc.: nächste Buchvorstellungen “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

Sehr gern weise ich auf die nächsten Buchvorstellungen zum Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: kritische Perspektiven” (verfasst von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß) hin.

– Informationen zum Buch.
– Übersicht über erschienene Rezensionen.

Buchvorstellungen:

– 17.1.2017 in Erfurt: Beginn 18:30 Uhr, Ort: RedRoXX, http://www.th.rosalux.de/event/57487/schwule-sichtbarkeit-schwule-identitaet.html

– 27.1.2017 in Berlin: Beginn 20:00 Uhr, Ort: Schwarze Risse (organisiert von Schwarze Risse)

– 30.1.2017 in Oldenburg: Beginn 18:00 Uhr, Ort: Universität Oldenburg (Raum V03 0-E003) (organisiert vom Autonomen Schwulenreferat)

– 7.2.2017 in Frankfurt (Main): Beginn: 18:00 Uhr, Ort: Universität Frankfurt (Seminarhaus 0.101 Campus Westend) (im Rahmen der Queeren Ringvorlesung)

Weitere Vorstellungen sind am 16. März in Regensburg, am 18. März in Salzburg (Österreich) und am 20. März in Wien (Österreich) geplant. Vor und im Rahmen der Leipziger Buchmesse finden am 22. März und am 23. März Veranstaltungen statt.

Über reges Interesse freuen wir uns!