Gesellschaftlich findet ein Heteronormativitäts-Upgrade statt… Rezension von “Über Heteronormativität” (hg. von Herrera Vivar/Rostock/Schirmer/Wagels)

Auch wenn der Begriff „Heteronormativität“ bereits 1991 formuliert wurde (vgl. auch Gender-Glossar), lassen sich weiterhin bemerkenswerte und aktuelle Reflexionen hinzusetzen, wie der vorliegende Band zeigt. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Warner hat seinerzeit den Begriff geprägt, um (Hetero-)Sexualität als „normatives gesellschaftliches Strukturprinzip“ (S. 90; vgl. Gender-Glossar) zu beschreiben und zu untersuchen. Es geht bei „Heteronormativität“ also um den normativen Charakter von Heterosexualität in Gesellschaft, nicht um die Ablehnung von Heterosexualität an sich (wie es mitunter in rechtspopulistischen Zuschreibungen der wissenschaftlichen Theoriebildung unterstellt wird). Der Begriff „Homonormativität“ in der heute gebräuchlichen Form wurde deutlich später – 2002 – von Lisa Duggan geprägt, um neuere Politiken zu beschreiben, mit denen bisher gesellschaftlich stigmatisierte homosexuelle Lebensweisen in die klassischen heteronormativen Bahnen gelenkt werden. Ehe, Kinder, Hausbesitz, Monogamie und das “Recht”, im Militär mitzutun, würden nun auch dort Standard und Lesben und Schwule erhielten gesellschaftliche Integrationsangebote, wenn sie sich an der Heteronorm und den klassischen gesellschaftlichen Idealen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ orientierten.

Der 2016 im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienene Sammelband „Über Heteronormativität“, herausgegeben von Maria Teresa Herrera Vivar, Petra Rostock, Uta Schirmer und Karen Wagels, liefert nun ein Upgrade des Analysestandes zu Heteronormativität, den Martin Mlinarić in seinem Überblicksbeitrag zur heteronormativen Situation in Serbien und Kroatien treffend charakterisiert:

„Doch handelt es sich bei dem zeitgenössischen Dispositiv wirklich nur um ein Update von Heteronormativität? In der Selbstwahrnehmung des globalen Nordens erscheint es eher als Upgrade eines heteronormativen Betriebssystems respektive Dispositivs als eine höherwertige Konfiguration, die nicht nur einfach aktualisiert, sondern auf eine ganz neue, überlegenere Stufe gehoben wurde und sich als deutlich effizienter, ‚besser‘ und ‚gerechter‘ als ältere Versionen erweist.“ (S. 215, Hervorhebungen im Original)

Dieses Upgrade werde gerade dadurch erreicht, dass das im globalen Norden etablierte “heteronormative Betriebssystem” über den punktuellen, leicht rückholbaren Einschluss einiger homosexueller Lebensstile gegenüber den normativen Systemen im globalen Süden als „überlegen“ präsentiert werde: Continue reading “Gesellschaftlich findet ein Heteronormativitäts-Upgrade statt… Rezension von “Über Heteronormativität” (hg. von Herrera Vivar/Rostock/Schirmer/Wagels)” »

Schwule Literatur, Kunst und Politik – Besprechung des Buches “Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur” von Dirck Linck

Wer feste Identitäten mag, ist in der schwulen Literatur und Kunst in der Regel nicht richtig. Dort zeigen sich Auflösungen und ambige Aushandlungen, die sexuelle Akte, Verlangen und konkretes menschliches Miteinander in den Mittelpunkt stellen. Oder, wie Dirck Linck im vorliegenden Buch Hubert Fichte zitiert:

„Ich lobe den Arsch, den ich fühlen kann, sehen, riechen, schmecken, hören, den sinnlichsten von allen! […] Ich lobe den Arsch, der ist wie ein Auge, das wie die Welt ist, die wie ein Arsch ist!“ (Pubertät; nach: Linck, S. 118)

Wunderbar, dass es literaturwissenschaftliche Meister_innen gibt, die auch jenen einen Zugang zu Literatur ermöglichen, die erst eine kleine Hilfestellung benötigen – einen freundlichen Hinweis. Ich bin eine solche Person, die für Hilfestellung dankbar ist, die gern liest, aber gern auf andere Lesweisen aufmerksam gemacht wird. Dirck Linck gehört zu denen, die zur Hilfestellung in der Lage sind. Er ist ein ausgewiesener Kenner der subversiven, gendervarianten, schwulen und queeren Literatur – und macht Lust darauf, sie zu lesen, neu zu interpretieren und sich von ihr neu, politisch und aktivistisch inspirieren zu lassen. Und Linck schlägt anregende Perspektiven selbst vor, über die der Austausch lohnt. Continue reading “Schwule Literatur, Kunst und Politik – Besprechung des Buches “Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur” von Dirck Linck” »

Gegen Trans*misogynie – Buchempfehlung “Support your sisters not your cisters: Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten”

FaulenzA ist vielen von ihren Alben bekannt. Zuletzt erschienen ist ihr Album „Einhornrap“, von dem einige Songtexte auch in das Buch „Support your sisters not your cisters: Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“ eingegangen sind.

Wie in den Songs auch, stößt FaulenzA in dem bei edition assemblage erschienenen Buch Interessierte nicht zurück, sondern nimmt die ernsthaft Interessierten “an die Hand” und erläutert geduldig, was es mit Feindlichkeit gegenüber Trans*Weiblichkeiten auf sich hat. Dabei wendet sie sich in erster Linie an mögliche cis-weibliche, cis-männliche und trans*-männliche Unterstützer_innen von Trans*Frauen und stellt die spezifische Situation von Trans*Weiblichkeiten vor, die sich jeweils auch individuell unterscheidet. FaulenzA fokussiert bei den betrachtungen einerseits auf die gesellschaftliche Situation, mit zweigeschlechtlich-sexistischer Sozialisation etc., andererseits auf spezifische Diskriminierungen, wie sie in emanzipatorischen linken (oft cis-männlich dominierten) und queer-feministischen Kontexten vorkommen:

Trans*misogynie – das ist die Gewalt, die ich erlebe, seit ich denken kann. Ich bin mit ihr aufgewachsen, sie hat mich geprägt und geformt. Sie hat mich tief verwundet und klein gemacht. Immer wieder, jeden Tag, in unterschiedlichsten Formen. Mal durch offene aggressive körperliche, mal durch unterschwellige Gewalt. Ausgeschlossen werden, verlacht und respektlos behandelt werden gehört dazu. (S. 13)

Ausführlich erläutert sie, dass in Bezug auf FLT*I-Räume oft gerade diskutiert wird, ob Trans*-Weiblichkeiten zu diesen Räumen Zugang haben sollten. Trans*-Frauen wird dabei eine männliche Sozialisation unterstellt – FaulenzA fordert ein, dass die spezifische weibliche Sozialisation von Trans*Frauen hier anerkannt werden muss. Durch die elterliche Anforderung, männlich sein zu sollen, wobei das Kind für Fehlverhalten sanktioniert wird, erleben Trans*Weiblichkeiten massive Diskriminierung und Gewalt bereits in ihrer frühen Sozialisation. FaulenzA fordert, dass auch emanzipatorische Räume das zur Kenntnis nehmen und nicht durch den Ausschluss von Trans*Weiblichkeiten neue Diskriminierungserfahrungen dem bisher Erlebten hinzufügen sollten.

Diskriminierungen und Gewalt geht FaulenzA im Buch ausführlich nach: in Bezug auf Sozialisation, in Bezug auf Passing zur sexistisch-zweigeschlechtlichen Norm, in Bezug auf Arbeitsleben und Schutzräume. Dabei ist der Schreibstil wohltuend erläuternd und freundlich; das Buch ist insgesamt sehr achtsam formuliert und ermöglicht es damit auch Personen, die nicht von der Diskriminierung von Trans*-Weiblichkeiten betroffen sind, die erlebten Diskriminierungen und Gewalt ein Stück weit nachzuvollziehen – und die eigene Rolle zu reflektieren. Wo werden etwa stets spezifische Körperlichkeiten vorausgesetzt – gerade im Hinblick auf Genitalien und physiologische Prozesse wie Menstruation und Ejakulation? Wo werden bestimmte Verhaltensweisen unterschiedlich gewertet, nur weil sie von einem Cis-Mann, einer Cis-Frau, einem Trans*-Mann oder einer Trans*-Frau kommen? An die Beschreibungen anknüpfend können Klischees und Vorurteile reflektiert – und bearbeitet werden. Das Schlusskapitel macht hierfür konkrete Vorschläge für Unterstützer*innen – Empowerment von Trans*-Weiblichkeiten möchte FaulenzA hingegen an anderer Stelle leisten (bzw. leistet sie bereits an anderer Stelle).

Wohltuend an dem Band ist auch, dass FaulenzA Diskriminierungen und Gewalt entlang unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse reflektiert. So positioniert sie sich selbst als weiße Person, die die Möglichkeit zum Studium der Sozialen Arbeit hatte und weist immer wieder auf Diskriminierung und Gewalt hin, die mit Rassismus und Klassenverhältnissen verbunden sind:

Ich finde es super wichtig, sich die eigenen Privilegien klar zu machen und einen achtsamen Umgang damit zu finden! Dazu gehört auch, sich mit eigenem Diskriminierungsverhalten auseinanderzusetzen. Zum Beispiel, dass ich über meine Privilegien als Weiße, über weiße Dominanz und verinnerlichten Rassismus reflektiere. (S. 116)

Für den verschränkten Blick und für die deutliche Thematisierung von Trans*misogynie ist das Buch sehr lesenswert. Die Songtexte aus „Einhornrap“ und die von Yori Gagarim stammenden Illustrationen machen das Buch kurzweilig – und sprechen die_den Lesende_n auf vielfältige Weise an und ermöglichen so facettenreich Räume zum Nachdenken und zur produktiven Selbstreflexion.

Buch: FaulenzA: Support your sisters not your cisters – Über Diskriminierung von trans*Weiblichkeiten. Mit Illustrationen von Yori Gagarim. edition assemblage 2017. Informationen zum Buch.

Auch Evolutionsbiologie ist Wissenschaft – meist: Zu den Büchern „Adams Apfel und Evas Erbe“ von Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ von Ulrich Kutschera

von Heinz-Jürgen Voß

Die Bände „Adams Apfel und Evas Erbe“ des Biologen Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ des Pflanzenphysiologen und Biologen Ulrich Kutschera haben gesellschaftlich für Debatten gesorgt. Beide erwidern aktuellen Erkenntnissen der Geschlechterforschung; punktuell haben sie hierfür auch Arbeiten aus dieser Disziplin gelesen. Ulrich Kutschera macht das bereits im Titel kenntlich, in dem er hier Anleihe beim verbreiteten Buch „Gender-Paradoxien“ der  Soziologin und Geschlechterforscherin Judith Lorber nimmt, das 1999 auch in deutscher Sprache erschien(1995 auf Englisch).

Nach der Lektüre von Kutscheras Band ist Axel Meyers Publikation ein entspannender Stoff. Seine Aussagen sind gewiss streitbar, aber sie werden ruhig argumentierend vorgetragen. An verschiedenen Stellen wird kurz auch auf die wissenschaftlichen Gegenpositionen im biologischen Feld verwiesen – so z. B. auf den Populationsgenetiker Richard Lewontin, der in seinen Arbeiten der 1990er und 2000er Jahre die Einengung und Erstarrung in biologischer Theoriebildung beklagt hatte, etwa in dem vielbeachteten Buch „Biology as Ideology“ (1991). Ebenso wird der Paläontologe Stephen Jay Gould, der in dem 1983 auch in deutscher Sprache erschienenen Werk „Der falsch vermessene Mensch“ rassistischen Vorannahmen in biologischer Forschung nachging, von Meyer – respektvoll – erwähnt. Continue reading “Auch Evolutionsbiologie ist Wissenschaft – meist: Zu den Büchern „Adams Apfel und Evas Erbe“ von Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ von Ulrich Kutschera” »

Eine Halitstraße für Kassel. Rassismuserfahrene Menschen teilen ihr Wissen – gegen Rassismus.

Gespraeche_ueber_Rassismus_Cetin_TasRezension von:
Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände; hg. von Zülfukar Çetin und Savaş Taş.

Das von Zülfukar Çetin und Savaş Taş herausgegebene Buch “Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände” versammelt Gespräche mit und Beiträge von Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen und Künstler_innen gegen Rassismus: Iman Attia; María do Mar Castro Varela; Maisha Eggers; Mutlu Ergün-Hamaz; Elsa Fernandez; Noa Ha; Nivedita Prasad; Isidora Randjelović; Marianna Salzmann; Yasemin Shooman; Vassilis S. Tsianos; Deniz Utlu; Women in Exile; Koray Yılmaz-Günay; Anna-Esther Younes; Halil Can; Ayşe Güleç.

[…] Wird aus dem Beitrag von Ayşe Güleç ganz plastisch deutlich, wie wichtig die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus ist, so ist der Band in seiner Gesamtheit bemerkenswert. Versammelt sind Beiträge von rassismuserfahrenen Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Künstler_innen, die theoretisch und praktisch fundierte, klare Analysen vorlegen und Anregungen für weitere theoretische und aktivistische Auseinandersetzungen mit und Kämpfe gegen Rassismus geben. Für People of Color könnte der Band eine Art Positionsbestimmung sein, für Personen der weißen Mehrheitsgesellschaft sollte es ein Band sein, eigene Vorannahmen zu reflektieren und die im Band eröffneten Zugänge aufzunehmen, zu lesen und zuzuhören. Neben der Thematisierung des aktuellen Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland, der sich aus einer langen, gerade auch kolonial geprägten Vergangenheit seit dem 16. Jahrhundert speist, zielen die Beiträge auf eine Verständigung über Begrifflichkeiten. […]

zur ganzen Rezension

Die aus der Nische tretende Sexualwissenschaft und ihr Thema: Heterosexualität

Sexuelle_Vielfalt_Geschlechter_Lewandowski_KoppetschRezension von:
“Sexuelle Vielfalt und die UnOrdnung der Geschlechter“, hg. von Sven Lewandowski, Cornelia Koppetsch

Seitdem Sexualität aus dem Verborgenen heraustritt und auch in Gesellschaft offen und öffentlich verhandelt wird, ändern sich auch die sexualwissenschaftlichen Diskussionen. Einerseits wurden durch die breitere Thematisierung des Sexuellen Veränderungen erreicht, die dazu führen, dass sexualisierte Gewalt nun aufgedeckt werden kann – und nicht unter der Tabu-Decke bleibt. Andererseits wird es nötig, vielfältige geschlechtliche und sexuelle Identitäten anzuerkennen – Öffentlichkeit und Sichtbarkeit als Voraussetzung für selbstbestimmtes geschlechtliches und sexuelles Leben (aber möglicherweise auch als Basis für die Einhegung der Vielfalt in Kategorie, Sicherheit und Hegemonie).

Mit der Sexualität tritt auch Sexualwissenschaft zunehmend aus dem Nischendasein. Wies die Schließung der Frankfurter Sexualwissenschaft zunächst in eine andere Richtung, so zeigt sich mit aktuellen Förderprogrammen, dass ein gesellschaftlicher Wandel dahingehend stattfindet, sexualisierte Gewalt auch mit Blick auf die strukturellen Bedingungen über institutionelle Förderprogramme zu thematisieren und Akzeptanzförderung gegenüber lesbischen, bisexuellen und schwulen Begehrensweisen sowie trans*- und inter*geschlechtlichen Identitäten zu betreiben. Das geschieht sicherlich auch, um die eklatanten Diskriminierungen gegen und hohen Suizidversuchsraten unter LGBTTI-Jugendlichen zu verringern.

Interessanter Effekt der breiteren Debatte ist einerseits die stärkere Entrüstung einiger – erzkonservativer und rechtspopulistischer – gesellschaftlicher Kreise über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Rüdiger Lautmann stellt prägnant fest: „Was für akademisch-subkulturelle Kreise noch geduldet worden war, ja als schick galt, erhitzte nun die Gemüter, als es in den Kernbereich konservativen Selbstverständnisses vordrang: in Familie, Schule und Kirche.“ (S. 29) Hintergrund der Entrüstung ist dabei aber möglicherweise weniger die thematisierte Vielfalt, als vielmehr, dass nun Sexualität auch in den sexuellen Bereichen gesehen wird, wo sie zuvor kaum Thema war: Sexualwissenschaft schwenkt zunehmend auf Heterosexualität, die dort gelebten sexuellen Praktiken, das Zusammenleben in langjährigen Paarbeziehungen, dortige sexuelle Aktivität oder in anderen Fällen eintretende sexuelle Zurückhaltung sowie zwischen festen Paaren gelebte Beziehungskonstellationen. weiter bei socialnet

„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst?” – Rezension von: Cybersex – Psychoanalytische Perspektiven

Rezension von: Agatha Merk (Hg.): Cybersex: Psychoanalytische Perspektiven (Buchreihe: Beiträge zur Sexualforschung). Gießen 2014: Psychosozial-Verlag. (257 Seiten, EUR 29,90, ISBN-13: 978-3-8379-2252-3, Link zum Buch beim Verlag)

Verfasst von: Heinz-Jürgen Voß; Die Rezension erschien zuerst in: Sexuologie – Zeitschrift für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft, 21 (3-4): 200-203. (Vielen Dank an die Zeitschrift für die freundliche Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.)

 

„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst? …

…vielleicht eben gerade das Außermoralische, das, was den dunklen Kern des Individuums aus dem Gesellschaftlichen entrückt; das, was das Verhältnis zur ‚Wirklichkeit‘ uneindeutig macht.“ (Michael Pfister, S. 249)

Ich möchte den Band von hinten beginnen. Cybersex – herausgegeben von Agatha Merk – ist, das sei vorweggenommen, vielschichtig, punktuell widersprüchlich und lesenswert. Es wird das Themenfeld der Internetsexualität eröffnet, so wie es oft geschieht: Auf problematische Fallbeschreibungen fokussierte Betrachtungen[1] fügen stets im Nachgang an, dass es sich bei Cybersex um ein Massenphänomen handele, dass mittlerweile von jüngeren Männern und Frauen nahezu ausnahmslos genutzt werde. In mehreren der Beiträge werden konkrete Zahlen zum Nutzungsverhalten genannt, so führen etwa Jérôme Endrass et al. in ihrem Text Pornografiekonsum und (sexuelle) Aggression aus, dass unter den 18- bis 30-Jährigen 98 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen Pornografie im Internet nutzten.

Eine Betrachtung des Bandes von hinten erlaubt eine kulturwissenschaftlich ‚geerdete‘ Einordnung; so wird es möglich, das Internet und die Sexualität im Internet ‚nüchtern‘ in ihrem kulturgeschichtlichen Kontext zu verstehen und auf Besonderheiten zu untersuchen. Ebenfalls thematisch eingefügt, entwickeln die übrigen Beiträge eine Gesamtschau, wobei der Cybersex insbesondere im Hinblick auf die therapeutische Praxis diskutiert wird.

 

Von der Glasmalerei der Kirchenfenster zum Cybersex

„Mit dem Bildschirm […] ging zum ersten Mal seit dem 14. Jahrhundert wieder ein Bildträger kulturell in Führung, der das Bild von außen aus dem Raum leuchtend, strahlend zu uns kommen lässt. Im 14. Jahrhundert war das der Glasmalerei an den Fenstern zunächst der romanischen Kirchen und dann der großen gotischen Kathedralen gelungen. Sie avancierte innerhalb weniger Jahrzehnte zum ästhetisch und massenmedial dominanten Bildträger.“ (Reimut Reiche, S. 215) Dieser Vergleich wirkt erst einmal ziemlich fern. Er ist es aber keineswegs. Einerseits verweist er auf wichtige Träger von Informationen (Medien), die andererseits in ein moralisches Gefüge eingebunden sind. Gibt es bezüglich der Glasmalerei eine klare herrschaftliche Instanz, die bestimmt, welche Vorstellungen abgebildet werden, so finden sich – auch von dieser Instanz beauftragt – an eben denselben kirchlichen Bauwerken, nur an den Außenseiten, oft Darstellungen von denjenigen Dingen, die als ‚abstoßend‘, als ‚sündig‘ angesehen werden und die durch ihre Verbannung an die Außenmauern aus dem Inneren der Kirchen ferngehalten werden sollen. Continue reading “„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst?” – Rezension von: Cybersex – Psychoanalytische Perspektiven” »

Lektüreempfehlung: „Forschung im Queerformat“

Forschung_im_QueerformatForschung im Queerformat: Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hg.)
09/2014, 312 Seiten, 24,99 Euro
ISBN 978-3-8376-2702-2
Informationen hier, beim Transcript-Verlag
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier (pdf-Datei)

Ich möchte zur Lektüre und Diskussion anregen:
Das Buch „Forschung im Queerformat“ leistet das, was ein guter wissenschaftlicher Tagungsband machen soll. Es bringt unterschiedliche Perspektiven zueinander und in Diskussion. Und es zeigt auch, dass einige Perspektiven auf der Konferenz weitgehend ausgeschlossen blieben und ermöglicht damit, dass die Organisator_innen von Folgeveranstaltungen solche Ausschlüsse vermeiden. Besonders hervorheben möchte ich zwei Beiträge: Der Aufsatz von Saideh Saadat-Lendle und Zülfukar Çetin „Forschung und Soziale Arbeit zu Queer mit Rassismuserfahrungen“ fokussiert und kritisiert die rassistischen und identitären Zuschreibungen in den Studien der vermeintlichen ‚Opferberatung‘ Maneo, in der Simon-Studie und in LSVD-Kampagnen. Mit Blick auf den Kongress zeigen sie, wie Expertisen von Selbstorganisationen insbesondere von Personen of Color von den Organisator_innen als wissenschaftlich nicht relevant klassifiziert und aus dem Erkenntnisprozess der Konferenz ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig regen sie eine klare Lösung an: „Da sich ein ganzer Block dieses Kongresses mit der ‚Partizipativen Forschung‘ auseinandergesetzt hat, bleibt uns nichts anderes übrig als zu hoffen, dass die Reflexion über unsere Kritik in Bezug auf die Auswahl der Referent_innen des Kongresses die zukünftige Praxis […] zugunsten eines partizipativen Ansatzes beeinflussen kann.“ (S. 248) Der zweite Beitrag, der hier Erwähnung finden soll, ist der Aufsatz „Cruzando Fronteras – zur Heteronormativität von Grenz- und Migrationsregimen am Beispiel von Asyl- und aufenthaltsrechtlichen Verfahren“, der von Elisabeth Tuider und Ilka Quirling verfasst wurde. Sie geben dort einen Überblick über wichtige postkoloniale Arbeiten zum Thema und juristische aufenthaltsrechtliche Bestimmungen der Bundesrepublik Deutschland. Sie zeigen, wie Letztere von „normative[n] Vorstellungen von ‚normaler‘ Sexualität, Familie, Geschlecht und Einwanderung“ (S. 266) geprägt sind sowie „Herkunftsländer homogenisiert und kulturalisiert, nicht selten als ‚traditionell‘ und damit explizit heterosexuell skizziert“ (ebd.) werden. Das wirkt sich exemplarisch so aus, dass einer Antragstellerin – einer Trans*frau – nicht geglaubt wird, dass sie von vier Polizisten vergewaltigt wurde und u.a. deshalb fliehen musste, weil der Sachbearbeiter das Herkunftsland als homophob erkennt, so dass es – so der Sachbearbeiter – „absolut unvorstellbar [sei], dass ausgerechnet die vier Polizisten, die er [sic! – gemeint ist sie, die Asyl-Antragstellerin, Anm. HV] angezeigt hat, homosexuell veranlagt sein könnten“ (nach: S. 262). Neben der abstrusen Wertung, geht aus der zitierten Passage die Transphobie des Sachbearbeiters hervor, ebenso die problematische Wirkung, die sich aus starrem Identitätsdenken ergibt.

zum Band

Offenlegung: Die Autor_in dieses Beitrags war selbst auf der Konferenz vertreten und hat auch zum Band beigetragen.

Forderungen aus der emanzipatorischen Behindertenbewegung. Kurze Rezension des Buches “Budenzauber Inklusion” von Udo Sierck

sierck_budenzauber_inklusionUdo Sierck
Budenzauber Inklusion
mit farbigen Illustrationen von Nati Radtke
AG SPAK, 2013, 145 Seiten, 16 Euro,
ISBN 978-3-940865-57-1

„Die Untersuchung [eine Studie, auf die Sierck genauer eingeht; Anm. HV] rührt an einem Tabu der Behindertenhilfe, das in den Sonntagsreden zur Inklusion nicht vorkommt. Physische und psychische Gewalt werden von behinderten Frauen und Männern benannt, aber von den selbsternannten Experten in Behindertenverbänden oder kommunalen Trägern nicht zum vorrangigen Thema gemacht.“ (S.45)

Udo Sierck nimmt in seinem aktuellen Buch „Budenzauber Inklusion“ die aktuelle ‚Behindertenpolitik‘ in der Bundesrepublik Deutschland in den Blick. ‚Inklusion‘ sei das ‚Zauberwort‘ dieser Politik und es werde der Eindruck weitreichender Veränderung erweckt, dabei zeige sich, dass ‚Inklusion‘ oft einfach ein neues Wort für weiterhin schlechte Politik sei, in der Normen sogar verstärkt wirkten und Menschen ausgegrenzt würden. Er fordert ein, dass nicht mehr vermeintliche Expert_innen der Behindertenhilfe und aus wissenschaftlichen Disziplinen die Richtungen der politischen Kämpfe angeben, sondern dass die Selbstorganisationen behinderter Menschen als die zentrale Expertinnen anerkannt werden. Dafür gibt Sierck einerseits einen Überblick über die Behindertenbewegung, die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, und erläutert aber auch die unterschiedliche Sprecher_innen-Position: „Denn ‚Nichtbehinderte können sich aussuchen, über ihre Verletzbarkeit nachzudenken, Behinderte nicht.‘“ (S.101)

Auch die Paralympics und aktuelle Fragen zur Optimierbarkeit von Körpern beleuchtet Sierck kritisch. Behinderung werde dabei im Sinne eines Freakings verhandelt – Machbarkeiten würden erprobt und in Medien „Spiele der Wunder“ … „man darf staunen“ … „Meet the Superhumans“ (S.78) angekündigt. Sierck folgert: „Die Paralympics haben Erfolg, weil sie sich an den herrschenden Kriterien für Erfolg orientieren und dafür den Körper bis an die Grenze des Machbaren drangsalieren.“ (S.80)

Der seit Ende der siebziger Jahre in der emanzipatorischen Behindertenpolitik engagierte, ausgebildete Diplom-Bibliothekar Udo Sierck hat seit den 1980er Jahren zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zuletzt unter anderem „Behinderung: Chronik eines Jahrunderts“ (2012, Beltz Juventa) und das hier kurz eingeführte – und unbedingt empfehlenswerte – Buch „Budenzauber Inklusion“ (2013, AG SPAK).

Wo recherchierst du Bücher zu einem Thema und wo kaufst du sie? Eine kurze Rezension von „amazon – Das Buch als Beute“ (2014: Schmetterling Verlag)

amazon_das_buch_als_beuteLeisegang, Daniel:
amazon – Das Buch als Beute
Stuttgart 2014: Schmetterling
128 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 3-89657-068-4

„amazon – Das Buch als Beute“ besticht mit einer sachlichen, fundierten Argumentation. Das Buch ist vielseitig, flüssig geschrieben, gut lektoriert und empfiehlt sich all denjenigen als Lektüre, die über die aktuellen Entwicklungen des deutschen Buchhandels auf dem Laufenden sein wollen.

Dabei rechnet der Autor Daniel Leisegang keineswegs einfach mit Amazon und seinem Begründer Jeff Bezos ab, sondern beschreibt den persönlichen Lebensweg von Bezos, in der die Gründung und Entwicklung von Amazon einen zentralen Bestandteil einnimmt. Ausführlich geht Leisegang auf die Strategie von Bezos und Amazon ein. Diese richtet sich, so Leisegang, nicht zuerst auf möglichst großen Gewinn, sondern auf einen möglichst schnell und nachhaltig ansteigenden Marktanteil und Umsatz. Preise, die teilweise sogar unter dem Einkaufspreis liegen können, werden so nachvollziehbar – es geht um ‚Wachstum vor Gewinn‘. Schnell wird deutlich, warum die Buchpreisbindung in der Bundesrepublik Deutschland einen so wichtigen Anker für eine vielfältige Verlagslandschaft darstellt.

Sowohl der Umgang von Amazon mit Verlagen als auch mit den Mitarbeiter_innen wird dargestellt. So fliegt ein Verlag einfach aus dem Sortiment, sofern er nicht die Konditionen und Bedingungen von Amazon akzeptiert. Das trifft auch Kund_innen, die sich zuerst zuerst auf Amazon informieren und dann das Buch andernorts kaufen wollen – ist ein Buch bei Amazon nicht gelistet, werden sie auf dieses Buch nicht mehr aufmerksam. Bezogen auf die Mitarbeiter_innen wurden die problematischen Einstellungs- und Arbeitsbedingungen zuletzt durch die Dauerstreiks bei Amazon deutlich. „amazon – Das Buch als Beute“ ist auch hier nah an den Beschreibungen der Arbeitenden: Harte Betonböden, lange Wege, bei darauf nicht angemessen ausgerichtetem Arbeitsschutz, werden thematisiert. Ebenso die Berechnung der Arbeits- und Pausenzeiten, die stets und in extremer Form zu Ungunsten der Arbeitenden bemessen werden.

Gleichzeitig zeigt der Autor Alternativen auf: Zum Beispiel eine Kommune, die die Ansiedelung von Amazon ablehnt, da es die Beschäftigungsverhältnisse zu ‚flexibel‘ halten will. Stattdessen wird die Kommune mit einem anderen Versandhändler einig, der die kommunalen Mindestanforderungen akzeptiert. Und die Käufer_innen können Fragen wie Arbeitsbedingungen, Beratung, Umgang mit Verlagen etc. in ihre Kaufentscheidung einbeziehen. Schließlich gibt Leisegang auch dem ‚stationären Buchhandel‘ – also den herkömmlichen Buchhandlungen, teilweise mit Online-Angebot – einige Empfehlungen.

Der Autor fokussiert auf die Ware Buch, auch gerade im Hinblick auf die demokratische Bedeutung einer vielfältigen Medienlandschaft. Nicht nur Amazon steht im Blick, sondern punktuell auch die großen Buchhandelsketten, die, bevor sie nun in Bedrängnis kamen, selbst gegen Provisionszahlungen gute und sichtbare Platzierungen von Büchern in den Filialen und auf den Bestsellerlisten anboten – und so den Erfolg und Misserfolg von Büchern erheblich beeinflussen konnten.

„amazon – Das Buch als Beute“ sei unbedingt empfohlen! Wer nicht nur mutmaßen, sondern informiert sein will, kommt daran nicht vorbei.