Auch Evolutionsbiologie ist Wissenschaft – meist: Zu den Büchern „Adams Apfel und Evas Erbe“ von Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ von Ulrich Kutschera

von Heinz-Jürgen Voß

Die Bände „Adams Apfel und Evas Erbe“ des Biologen Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ des Pflanzenphysiologen und Biologen Ulrich Kutschera haben gesellschaftlich für Debatten gesorgt. Beide erwidern aktuellen Erkenntnissen der Geschlechterforschung; punktuell haben sie hierfür auch Arbeiten aus dieser Disziplin gelesen. Ulrich Kutschera macht das bereits im Titel kenntlich, in dem er hier Anleihe beim verbreiteten Buch „Gender-Paradoxien“ der  Soziologin und Geschlechterforscherin Judith Lorber nimmt, das 1999 auch in deutscher Sprache erschien(1995 auf Englisch).

Nach der Lektüre von Kutscheras Band ist Axel Meyers Publikation ein entspannender Stoff. Seine Aussagen sind gewiss streitbar, aber sie werden ruhig argumentierend vorgetragen. An verschiedenen Stellen wird kurz auch auf die wissenschaftlichen Gegenpositionen im biologischen Feld verwiesen – so z. B. auf den Populationsgenetiker Richard Lewontin, der in seinen Arbeiten der 1990er und 2000er Jahre die Einengung und Erstarrung in biologischer Theoriebildung beklagt hatte, etwa in dem vielbeachteten Buch „Biology as Ideology“ (1991). Ebenso wird der Paläontologe Stephen Jay Gould, der in dem 1983 auch in deutscher Sprache erschienenen Werk „Der falsch vermessene Mensch“ rassistischen Vorannahmen in biologischer Forschung nachging, von Meyer – respektvoll – erwähnt. Continue reading “Auch Evolutionsbiologie ist Wissenschaft – meist: Zu den Büchern „Adams Apfel und Evas Erbe“ von Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ von Ulrich Kutschera” »

Eine Halitstraße für Kassel. Rassismuserfahrene Menschen teilen ihr Wissen – gegen Rassismus.

Gespraeche_ueber_Rassismus_Cetin_TasRezension von:
Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände; hg. von Zülfukar Çetin und Savaş Taş.

Das von Zülfukar Çetin und Savaş Taş herausgegebene Buch “Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände” versammelt Gespräche mit und Beiträge von Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen und Künstler_innen gegen Rassismus: Iman Attia; María do Mar Castro Varela; Maisha Eggers; Mutlu Ergün-Hamaz; Elsa Fernandez; Noa Ha; Nivedita Prasad; Isidora Randjelović; Marianna Salzmann; Yasemin Shooman; Vassilis S. Tsianos; Deniz Utlu; Women in Exile; Koray Yılmaz-Günay; Anna-Esther Younes; Halil Can; Ayşe Güleç.

[…] Wird aus dem Beitrag von Ayşe Güleç ganz plastisch deutlich, wie wichtig die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus ist, so ist der Band in seiner Gesamtheit bemerkenswert. Versammelt sind Beiträge von rassismuserfahrenen Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Künstler_innen, die theoretisch und praktisch fundierte, klare Analysen vorlegen und Anregungen für weitere theoretische und aktivistische Auseinandersetzungen mit und Kämpfe gegen Rassismus geben. Für People of Color könnte der Band eine Art Positionsbestimmung sein, für Personen der weißen Mehrheitsgesellschaft sollte es ein Band sein, eigene Vorannahmen zu reflektieren und die im Band eröffneten Zugänge aufzunehmen, zu lesen und zuzuhören. Neben der Thematisierung des aktuellen Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland, der sich aus einer langen, gerade auch kolonial geprägten Vergangenheit seit dem 16. Jahrhundert speist, zielen die Beiträge auf eine Verständigung über Begrifflichkeiten. […]

zur ganzen Rezension

Die aus der Nische tretende Sexualwissenschaft und ihr Thema: Heterosexualität

Sexuelle_Vielfalt_Geschlechter_Lewandowski_KoppetschRezension von:
“Sexuelle Vielfalt und die UnOrdnung der Geschlechter“, hg. von Sven Lewandowski, Cornelia Koppetsch

Seitdem Sexualität aus dem Verborgenen heraustritt und auch in Gesellschaft offen und öffentlich verhandelt wird, ändern sich auch die sexualwissenschaftlichen Diskussionen. Einerseits wurden durch die breitere Thematisierung des Sexuellen Veränderungen erreicht, die dazu führen, dass sexualisierte Gewalt nun aufgedeckt werden kann – und nicht unter der Tabu-Decke bleibt. Andererseits wird es nötig, vielfältige geschlechtliche und sexuelle Identitäten anzuerkennen – Öffentlichkeit und Sichtbarkeit als Voraussetzung für selbstbestimmtes geschlechtliches und sexuelles Leben (aber möglicherweise auch als Basis für die Einhegung der Vielfalt in Kategorie, Sicherheit und Hegemonie).

Mit der Sexualität tritt auch Sexualwissenschaft zunehmend aus dem Nischendasein. Wies die Schließung der Frankfurter Sexualwissenschaft zunächst in eine andere Richtung, so zeigt sich mit aktuellen Förderprogrammen, dass ein gesellschaftlicher Wandel dahingehend stattfindet, sexualisierte Gewalt auch mit Blick auf die strukturellen Bedingungen über institutionelle Förderprogramme zu thematisieren und Akzeptanzförderung gegenüber lesbischen, bisexuellen und schwulen Begehrensweisen sowie trans*- und inter*geschlechtlichen Identitäten zu betreiben. Das geschieht sicherlich auch, um die eklatanten Diskriminierungen gegen und hohen Suizidversuchsraten unter LGBTTI-Jugendlichen zu verringern.

Interessanter Effekt der breiteren Debatte ist einerseits die stärkere Entrüstung einiger – erzkonservativer und rechtspopulistischer – gesellschaftlicher Kreise über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Rüdiger Lautmann stellt prägnant fest: „Was für akademisch-subkulturelle Kreise noch geduldet worden war, ja als schick galt, erhitzte nun die Gemüter, als es in den Kernbereich konservativen Selbstverständnisses vordrang: in Familie, Schule und Kirche.“ (S. 29) Hintergrund der Entrüstung ist dabei aber möglicherweise weniger die thematisierte Vielfalt, als vielmehr, dass nun Sexualität auch in den sexuellen Bereichen gesehen wird, wo sie zuvor kaum Thema war: Sexualwissenschaft schwenkt zunehmend auf Heterosexualität, die dort gelebten sexuellen Praktiken, das Zusammenleben in langjährigen Paarbeziehungen, dortige sexuelle Aktivität oder in anderen Fällen eintretende sexuelle Zurückhaltung sowie zwischen festen Paaren gelebte Beziehungskonstellationen. weiter bei socialnet

„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst?” – Rezension von: Cybersex – Psychoanalytische Perspektiven

Rezension von: Agatha Merk (Hg.): Cybersex: Psychoanalytische Perspektiven (Buchreihe: Beiträge zur Sexualforschung). Gießen 2014: Psychosozial-Verlag. (257 Seiten, EUR 29,90, ISBN-13: 978-3-8379-2252-3, Link zum Buch beim Verlag)

Verfasst von: Heinz-Jürgen Voß; Die Rezension erschien zuerst in: Sexuologie – Zeitschrift für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft, 21 (3-4): 200-203. (Vielen Dank an die Zeitschrift für die freundliche Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.)

 

„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst? …

…vielleicht eben gerade das Außermoralische, das, was den dunklen Kern des Individuums aus dem Gesellschaftlichen entrückt; das, was das Verhältnis zur ‚Wirklichkeit‘ uneindeutig macht.“ (Michael Pfister, S. 249)

Ich möchte den Band von hinten beginnen. Cybersex – herausgegeben von Agatha Merk – ist, das sei vorweggenommen, vielschichtig, punktuell widersprüchlich und lesenswert. Es wird das Themenfeld der Internetsexualität eröffnet, so wie es oft geschieht: Auf problematische Fallbeschreibungen fokussierte Betrachtungen[1] fügen stets im Nachgang an, dass es sich bei Cybersex um ein Massenphänomen handele, dass mittlerweile von jüngeren Männern und Frauen nahezu ausnahmslos genutzt werde. In mehreren der Beiträge werden konkrete Zahlen zum Nutzungsverhalten genannt, so führen etwa Jérôme Endrass et al. in ihrem Text Pornografiekonsum und (sexuelle) Aggression aus, dass unter den 18- bis 30-Jährigen 98 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen Pornografie im Internet nutzten.

Eine Betrachtung des Bandes von hinten erlaubt eine kulturwissenschaftlich ‚geerdete‘ Einordnung; so wird es möglich, das Internet und die Sexualität im Internet ‚nüchtern‘ in ihrem kulturgeschichtlichen Kontext zu verstehen und auf Besonderheiten zu untersuchen. Ebenfalls thematisch eingefügt, entwickeln die übrigen Beiträge eine Gesamtschau, wobei der Cybersex insbesondere im Hinblick auf die therapeutische Praxis diskutiert wird.

 

Von der Glasmalerei der Kirchenfenster zum Cybersex

„Mit dem Bildschirm […] ging zum ersten Mal seit dem 14. Jahrhundert wieder ein Bildträger kulturell in Führung, der das Bild von außen aus dem Raum leuchtend, strahlend zu uns kommen lässt. Im 14. Jahrhundert war das der Glasmalerei an den Fenstern zunächst der romanischen Kirchen und dann der großen gotischen Kathedralen gelungen. Sie avancierte innerhalb weniger Jahrzehnte zum ästhetisch und massenmedial dominanten Bildträger.“ (Reimut Reiche, S. 215) Dieser Vergleich wirkt erst einmal ziemlich fern. Er ist es aber keineswegs. Einerseits verweist er auf wichtige Träger von Informationen (Medien), die andererseits in ein moralisches Gefüge eingebunden sind. Gibt es bezüglich der Glasmalerei eine klare herrschaftliche Instanz, die bestimmt, welche Vorstellungen abgebildet werden, so finden sich – auch von dieser Instanz beauftragt – an eben denselben kirchlichen Bauwerken, nur an den Außenseiten, oft Darstellungen von denjenigen Dingen, die als ‚abstoßend‘, als ‚sündig‘ angesehen werden und die durch ihre Verbannung an die Außenmauern aus dem Inneren der Kirchen ferngehalten werden sollen. Continue reading “„Was an der Pornografie macht eigentlich Angst?” – Rezension von: Cybersex – Psychoanalytische Perspektiven” »

Lektüreempfehlung: „Forschung im Queerformat“

Forschung_im_QueerformatForschung im Queerformat: Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hg.)
09/2014, 312 Seiten, 24,99 Euro
ISBN 978-3-8376-2702-2
Informationen hier, beim Transcript-Verlag
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe: hier (pdf-Datei)

Ich möchte zur Lektüre und Diskussion anregen:
Das Buch „Forschung im Queerformat“ leistet das, was ein guter wissenschaftlicher Tagungsband machen soll. Es bringt unterschiedliche Perspektiven zueinander und in Diskussion. Und es zeigt auch, dass einige Perspektiven auf der Konferenz weitgehend ausgeschlossen blieben und ermöglicht damit, dass die Organisator_innen von Folgeveranstaltungen solche Ausschlüsse vermeiden. Besonders hervorheben möchte ich zwei Beiträge: Der Aufsatz von Saideh Saadat-Lendle und Zülfukar Çetin „Forschung und Soziale Arbeit zu Queer mit Rassismuserfahrungen“ fokussiert und kritisiert die rassistischen und identitären Zuschreibungen in den Studien der vermeintlichen ‚Opferberatung‘ Maneo, in der Simon-Studie und in LSVD-Kampagnen. Mit Blick auf den Kongress zeigen sie, wie Expertisen von Selbstorganisationen insbesondere von Personen of Color von den Organisator_innen als wissenschaftlich nicht relevant klassifiziert und aus dem Erkenntnisprozess der Konferenz ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig regen sie eine klare Lösung an: „Da sich ein ganzer Block dieses Kongresses mit der ‚Partizipativen Forschung‘ auseinandergesetzt hat, bleibt uns nichts anderes übrig als zu hoffen, dass die Reflexion über unsere Kritik in Bezug auf die Auswahl der Referent_innen des Kongresses die zukünftige Praxis […] zugunsten eines partizipativen Ansatzes beeinflussen kann.“ (S. 248) Der zweite Beitrag, der hier Erwähnung finden soll, ist der Aufsatz „Cruzando Fronteras – zur Heteronormativität von Grenz- und Migrationsregimen am Beispiel von Asyl- und aufenthaltsrechtlichen Verfahren“, der von Elisabeth Tuider und Ilka Quirling verfasst wurde. Sie geben dort einen Überblick über wichtige postkoloniale Arbeiten zum Thema und juristische aufenthaltsrechtliche Bestimmungen der Bundesrepublik Deutschland. Sie zeigen, wie Letztere von „normative[n] Vorstellungen von ‚normaler‘ Sexualität, Familie, Geschlecht und Einwanderung“ (S. 266) geprägt sind sowie „Herkunftsländer homogenisiert und kulturalisiert, nicht selten als ‚traditionell‘ und damit explizit heterosexuell skizziert“ (ebd.) werden. Das wirkt sich exemplarisch so aus, dass einer Antragstellerin – einer Trans*frau – nicht geglaubt wird, dass sie von vier Polizisten vergewaltigt wurde und u.a. deshalb fliehen musste, weil der Sachbearbeiter das Herkunftsland als homophob erkennt, so dass es – so der Sachbearbeiter – „absolut unvorstellbar [sei], dass ausgerechnet die vier Polizisten, die er [sic! – gemeint ist sie, die Asyl-Antragstellerin, Anm. HV] angezeigt hat, homosexuell veranlagt sein könnten“ (nach: S. 262). Neben der abstrusen Wertung, geht aus der zitierten Passage die Transphobie des Sachbearbeiters hervor, ebenso die problematische Wirkung, die sich aus starrem Identitätsdenken ergibt.

zum Band

Offenlegung: Die Autor_in dieses Beitrags war selbst auf der Konferenz vertreten und hat auch zum Band beigetragen.

Forderungen aus der emanzipatorischen Behindertenbewegung. Kurze Rezension des Buches “Budenzauber Inklusion” von Udo Sierck

sierck_budenzauber_inklusionUdo Sierck
Budenzauber Inklusion
mit farbigen Illustrationen von Nati Radtke
AG SPAK, 2013, 145 Seiten, 16 Euro,
ISBN 978-3-940865-57-1

„Die Untersuchung [eine Studie, auf die Sierck genauer eingeht; Anm. HV] rührt an einem Tabu der Behindertenhilfe, das in den Sonntagsreden zur Inklusion nicht vorkommt. Physische und psychische Gewalt werden von behinderten Frauen und Männern benannt, aber von den selbsternannten Experten in Behindertenverbänden oder kommunalen Trägern nicht zum vorrangigen Thema gemacht.“ (S.45)

Udo Sierck nimmt in seinem aktuellen Buch „Budenzauber Inklusion“ die aktuelle ‚Behindertenpolitik‘ in der Bundesrepublik Deutschland in den Blick. ‚Inklusion‘ sei das ‚Zauberwort‘ dieser Politik und es werde der Eindruck weitreichender Veränderung erweckt, dabei zeige sich, dass ‚Inklusion‘ oft einfach ein neues Wort für weiterhin schlechte Politik sei, in der Normen sogar verstärkt wirkten und Menschen ausgegrenzt würden. Er fordert ein, dass nicht mehr vermeintliche Expert_innen der Behindertenhilfe und aus wissenschaftlichen Disziplinen die Richtungen der politischen Kämpfe angeben, sondern dass die Selbstorganisationen behinderter Menschen als die zentrale Expertinnen anerkannt werden. Dafür gibt Sierck einerseits einen Überblick über die Behindertenbewegung, die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, und erläutert aber auch die unterschiedliche Sprecher_innen-Position: „Denn ‚Nichtbehinderte können sich aussuchen, über ihre Verletzbarkeit nachzudenken, Behinderte nicht.‘“ (S.101)

Auch die Paralympics und aktuelle Fragen zur Optimierbarkeit von Körpern beleuchtet Sierck kritisch. Behinderung werde dabei im Sinne eines Freakings verhandelt – Machbarkeiten würden erprobt und in Medien „Spiele der Wunder“ … „man darf staunen“ … „Meet the Superhumans“ (S.78) angekündigt. Sierck folgert: „Die Paralympics haben Erfolg, weil sie sich an den herrschenden Kriterien für Erfolg orientieren und dafür den Körper bis an die Grenze des Machbaren drangsalieren.“ (S.80)

Der seit Ende der siebziger Jahre in der emanzipatorischen Behindertenpolitik engagierte, ausgebildete Diplom-Bibliothekar Udo Sierck hat seit den 1980er Jahren zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zuletzt unter anderem „Behinderung: Chronik eines Jahrunderts“ (2012, Beltz Juventa) und das hier kurz eingeführte – und unbedingt empfehlenswerte – Buch „Budenzauber Inklusion“ (2013, AG SPAK).

Wo recherchierst du Bücher zu einem Thema und wo kaufst du sie? Eine kurze Rezension von „amazon – Das Buch als Beute“ (2014: Schmetterling Verlag)

amazon_das_buch_als_beuteLeisegang, Daniel:
amazon – Das Buch als Beute
Stuttgart 2014: Schmetterling
128 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 3-89657-068-4

„amazon – Das Buch als Beute“ besticht mit einer sachlichen, fundierten Argumentation. Das Buch ist vielseitig, flüssig geschrieben, gut lektoriert und empfiehlt sich all denjenigen als Lektüre, die über die aktuellen Entwicklungen des deutschen Buchhandels auf dem Laufenden sein wollen.

Dabei rechnet der Autor Daniel Leisegang keineswegs einfach mit Amazon und seinem Begründer Jeff Bezos ab, sondern beschreibt den persönlichen Lebensweg von Bezos, in der die Gründung und Entwicklung von Amazon einen zentralen Bestandteil einnimmt. Ausführlich geht Leisegang auf die Strategie von Bezos und Amazon ein. Diese richtet sich, so Leisegang, nicht zuerst auf möglichst großen Gewinn, sondern auf einen möglichst schnell und nachhaltig ansteigenden Marktanteil und Umsatz. Preise, die teilweise sogar unter dem Einkaufspreis liegen können, werden so nachvollziehbar – es geht um ‚Wachstum vor Gewinn‘. Schnell wird deutlich, warum die Buchpreisbindung in der Bundesrepublik Deutschland einen so wichtigen Anker für eine vielfältige Verlagslandschaft darstellt.

Sowohl der Umgang von Amazon mit Verlagen als auch mit den Mitarbeiter_innen wird dargestellt. So fliegt ein Verlag einfach aus dem Sortiment, sofern er nicht die Konditionen und Bedingungen von Amazon akzeptiert. Das trifft auch Kund_innen, die sich zuerst zuerst auf Amazon informieren und dann das Buch andernorts kaufen wollen – ist ein Buch bei Amazon nicht gelistet, werden sie auf dieses Buch nicht mehr aufmerksam. Bezogen auf die Mitarbeiter_innen wurden die problematischen Einstellungs- und Arbeitsbedingungen zuletzt durch die Dauerstreiks bei Amazon deutlich. „amazon – Das Buch als Beute“ ist auch hier nah an den Beschreibungen der Arbeitenden: Harte Betonböden, lange Wege, bei darauf nicht angemessen ausgerichtetem Arbeitsschutz, werden thematisiert. Ebenso die Berechnung der Arbeits- und Pausenzeiten, die stets und in extremer Form zu Ungunsten der Arbeitenden bemessen werden.

Gleichzeitig zeigt der Autor Alternativen auf: Zum Beispiel eine Kommune, die die Ansiedelung von Amazon ablehnt, da es die Beschäftigungsverhältnisse zu ‚flexibel‘ halten will. Stattdessen wird die Kommune mit einem anderen Versandhändler einig, der die kommunalen Mindestanforderungen akzeptiert. Und die Käufer_innen können Fragen wie Arbeitsbedingungen, Beratung, Umgang mit Verlagen etc. in ihre Kaufentscheidung einbeziehen. Schließlich gibt Leisegang auch dem ‚stationären Buchhandel‘ – also den herkömmlichen Buchhandlungen, teilweise mit Online-Angebot – einige Empfehlungen.

Der Autor fokussiert auf die Ware Buch, auch gerade im Hinblick auf die demokratische Bedeutung einer vielfältigen Medienlandschaft. Nicht nur Amazon steht im Blick, sondern punktuell auch die großen Buchhandelsketten, die, bevor sie nun in Bedrängnis kamen, selbst gegen Provisionszahlungen gute und sichtbare Platzierungen von Büchern in den Filialen und auf den Bestsellerlisten anboten – und so den Erfolg und Misserfolg von Büchern erheblich beeinflussen konnten.

„amazon – Das Buch als Beute“ sei unbedingt empfohlen! Wer nicht nur mutmaßen, sondern informiert sein will, kommt daran nicht vorbei.

„Gene ‚tragen‘ keine Information“ – Rezension des Buches „Was sind Gene nicht?“

schmidt_was_sind_gene_nichtKirsten Schmidt
Was sind Gene nicht? Über die Grenzen des biologischen Essentialismus
Transcript-Verlag, 2014, 348 Seiten, 29,99 Euro

ISBN 978-3-8376-2583-7

„Der genetische Essentialismus erscheint […] weit weniger plausibel, als ursprünglich angenommen. Es scheint, als könnte er durch eine kurze Darstellung der neuesten empirischen Befunde der modernen Biologie widerlegt und endgültig in den Giftschrank wissenschaftlich überholter philosophischer Konzepte verbannt werden.“ (S. 9)

Kirsten Schmidt ist Diplom-Biologin und wurde mit der Arbeit „Tierethische Probleme der Gentechnik“ im Jahr 2007 promoviert. Sie war langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich „Ethik in Medizin und Biowissenschaften/Angewandte Ethik“ am Institut für Philosophie an der Universität Bochum. Ihre neue, aus einem DFG-Forschungsprojekt hervorgegangene Studie „Was sind Gene nicht? Über die Grenzen des biologischen Essentialismus“ basiert somit auf einer interdisziplinären fachlichen Perspektive, bei der biologische (u.a. molekulargenetische) Kenntnisse insbesondere mit ethischen kombiniert sind.

Mit einer Fülle von Material kommt die Autorin in „Was sind Gene nicht?“ zu der Einschätzung, dass auf Grund der molekularbiologischen (auch molekulargenetischen) Beschreibungen der letzten Jahre und Jahrzehnte in der Biologie längst nicht mehr von dem populär verbreiteten Genkonzept ausgegangen werde, nachdem ein ‚Gen‘ eine exakt fixierbare Einheit und die Essenz eines Lebewesens darstelle. Vielmehr würden Gene als veränderliche Faktoren wahrgenommen, die erst im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren in der Zelle und in komplexer Regulation existierten. Kurz gesagt: „Gene sind keine dauerhaften materiellen Entitäten, sondern temporär existierende Prozesse.“ (S. 11) Mit dieser Formel geht Schmidt auch davon ab, Gene lediglich in Netzwerken und im Zusammenspiel mit anderen zellulären Faktoren betrachten zu wollen – und sie dabei immer noch als fixe Einheiten zu betrachten. Stattdessen schlägt sie vor, ‚Gene‘ selbst als Prozess zu denken und damit unter anderem in den Blick zu bekommen, dass sie häufig nicht als strukturelle Einheiten nebeneinander auf der DNA ‘vorliegen’, sondern die einzelnen Sequenzen eines Gens oft über die DNA ‚verstreut‘ sind und zudem erst durch chemische Modifikationen (unter anderem alternatives Spleißen) eine funktionale Einheit entsteht, die temporär vorhanden ist und weiteren Veränderungen in der Zelle unterliegt. Schmidt schreibt: „Gene ‚tragen‘ keine Information. Vielmehr konstituiert umgekehrt der Syntheseprozess, mit seinem Zusammenspiel unterschiedlicher genischer, extragenischer und nicht-genetischer Elemente, das Gen, das uns lediglich rückblickend als eine bereits vor dem Prozess existierende und auf der DNA lokalisierbare Entität erscheint.“ (S. 231)

Schmidt argumentiert für ein Prozessdenken, statt von Vorgegebenheiten auszugehen; um dem Prozesscharakter auch sprachlich Rechnung zu tragen, schlägt sie vor, den Begriff Gen nicht mehr als Substantiv, sondern als Verb zu verwenden (im Sinne ‚ich gene‘, genau wie ‚ich verdaue‘). Ihre Argumentation führt sie schlüssig entlang des wissenschaftlichen Forschungsstands der Molekulargenetik, der Systembiologie (u.a. Proteomic) sowie der Epigenetik. Dabei hat sie stets auch die geschichtliche Entwicklung der biologischen Spezialdisziplinen im Blick, was gerade bzgl. der Epigenetik bei einigen der Lesenden Kenntnislücken schließen dürfte, da diese Disziplin derzeit oftmals fälschlich als ‚neu‘ postuliert wird (vgl. S. 259-286).

Schmidts Ergebnisse decken sich mit denen, die sich auch bzgl. der biologisch-medizinischen Theorien zur Geschlechtsentwicklung feststellen lassen. Bzgl. Geschlecht ließ sich festhalten: „Deutlich wird, dass DNA keinen beständigen, unveränderlichen ‚Text‘ darstellt, den es nur zu ‚lesen‘ gilt, vielmehr ist sie innerhalb des Organismus in Veränderung begriffen. Außerdem wird bereits hier ersichtlich, dass Prozesse notwendig sind, um in der Zelle bzw. im Organismus aus einer DNA-Sequenz erst einmal verwertbare ‚Information‘ für eine RNA-Sequenz zu machen…“ (Voß: Making Sex Revisited. Bielefeld 2010: S. 298)

Hintergrund der Untersuchung Schmidts zu genetischem Essentialismus sind hingegen nicht Geschlechterfragen, sondern die feste Einteilung von Organismen in Arten. Da die Arteinordnung wesentlich über genetische Merkmale – die DNA-Sequenz – getroffen werde, müsse diese Abgrenzung wanken, wenn gerade nicht von einem fixen und beständigen genetischen Material als Essenz der Individuen und der Arten ausgegangen werden kann. Die genetische ‚Information‘ wird in den jeweiligen Individuen erst in einem Prozess; – eine Deckungsgleichheit innerhalb einer Art, wie sie mit dem Konzept fixer, unveränderlicher Gene postuliert wurde, sei so nicht möglich. Hiervon ausgehend eröffnet Schmidt gentechnische Überlegungen, ob die Übertragung von menschlichen Zellen zur Erzeugung transgener Mäuse zulässig sein könnte. Hier führt sie auf eine deutlich bejahende Position hin – eine kritisch zu diskutierende Einschätzung, weil es um die Grundfrage geht, was den Menschen zum Menschen macht.

Gendermedizin als antiemanzipatorisches Projekt

Im Zusammenhang mit dem band “Gendermedizin: Prävention, Diagnose, Therapie” (hg. von Alexandra Kautzky-Willer) sollen im folgenden einige grundlegende Problematiken aktueller ‘gendermedizin’ in die Debatte gebracht werden:

“Die ‚Gendermedizin‘ ist im Begriff, zu einem antiemanzipatorischen Projekt zu werden. Menschen werden als durch und durch vergeschlechtlicht gedacht, die Ursachen nicht in gesellschaftlicher Ungleichbehandlung gesucht, sondern essentialisiert. Der von Alexandra Kautzky-Willer herausgegebene Sammelband macht diese Entwicklung deutlich. Gleichwohl zeigen sich in ihm vereinzelt auch reflektierte Betrachtungen, die soziale Faktoren in der Analyse zumindest zulassen. Ist der Band als Lehrbuch gedacht und soll er erste Orientierungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen für die Praxis bieten, so wird er beidem nicht gerecht. Vielmehr handelt es sich um einen theoretisch gehaltenen Sammelband für Wissenschaftler/-innen mit lediglich vereinzelten Anregungen für die medizinische Praxis.” weiter

Lektüreempfehlung: Katharina Oguntoye “Eine afro-deutsche Geschichte: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950”

oguntoye_eine_afro_deutsche_geschichte_Selten habe ich eine solch gute Arbeit gelesen, wie die 1997 als Buch erschienene Magisterarbeit “Eine afro-deutsche Geschichte: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950”, von Katharina Oguntoye. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Interviews, die die Historikerin mit Mitgliedern der Familie Diek geführt hat. Vor diesem Hintergrund rollt sie die Geschichte Schwarzer Deutscher und Schwarzer Menschen in Deutschland auf. Hierzu wertete die Autorin gedruckte Quellen aus und sichtete einen umfassenden Archivbestand, der sich in Teilen als ertragreiche Anlage im Anhang des Buches findet. Auf dieser Basis entsteht ein differenziertes und umfassendes Bild.

Da das Buch, erschienen im Verlag Christine Hoffmann, leider nur noch über Bibliotheken erhältlich zu sein schein, sei an dieser Stelle gleichzeitig auf die daraus hervorgegangene Ausstellung “Spurensuche” und den bei der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Aufsatz Oguntoyes “Afrikanische Zuwanderung nach Deutschland zwischen 1884 und 1945” hingewiesen. Wem immer möglich oder wer gar an einer sozialwissenschaftlichen oder historischen Untersuchung (Magisterarbeit / Dissertation) arbeitet, sollte aber schon allein für das beispielhafte methodische Vorgehen auf Oguntoyes Buch zurückgreifen!

Katharina Oguntoye:Eine afro-deutsche Geschichte: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950
Berlin: Verlag Christine Hoffmann
ISBN 3-929120-08-9 / 209 Seiten

Ebenfalls von der Autorin empfehlenswert:
Oguntoye, Katharina / Opitz [Ayim], May / Schultz, Dagmar (1997
[Erstausgabe 1986]): Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf
den Spuren ihrer Geschichte. Neu aufgelegt 2012 –> Orlanda.