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Martin*e von Coloradio (Dresden) hat mit mir ein sehr schönes Interview und Gespräch zum Buch "Die Idee der Homosexualität musikalisieren: Zur Aktualität von Guy Hocquenghem" geführt. In 18 Minuten können Sie und könnt ihr nun einen ersten Eindruck vom Buch bekommen: zum Interview.

Weitere Informationen zum Buch finden sich hier.

Die nächsten Buchvorstellungen sind in: Zürich (7. März), Leipzig (15. März), Berlin (5. April), Regensburg (17. Mai), Wien (28. Mai), Merseburg (6. Juni), München, Essen etc.

Gern weise ich auf ein paar Rezensionen aktueller Bücher hin, die ich für socialnet.de verfasst habe. Im Folgenden jeweils ein kurzer Auszug - und der Link zum Weiterlesen:

(1) “Queer Wars: Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung”; von Dennis Altman und Jonathan Symons:

Gegen westliche Bevormundung werden Altman und Symons noch deutlicher: „Radikale Ideen voranzutreiben oder eine zu große Sichtbarkeit herzustellen in Gesellschaften, in denen nicht jede Sexualität als eine legitime Identität aufgefasst wird, kann einen Rückschlag provozieren, der vorhandene sexuelle Freiheiten sogar wieder zurückdrängt.“ (S. 138) [...] Leichtgängig liefern Altman und Symons in Freundls Übersetzung dem deutschsprachigen Publikum einen Zugang zum internationalen Stand aktueller Debatten um die Emanzipation von LSBTIQ.

Rezensiert auf: socialnet, 26.1.2018 (Online).

(2) “Schweigen = Tod, Aktion = Leben. ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993”; von Ulrich Würdemann:

Ulrich Würdemann liefert mit dem vorliegenden Band einen hervorragenden Einstieg in Betrachtungen zu ACT UP in Deutschland. Er räumt mit dem mitunter angenommenen Mythos auf, dass HIV/Aids-Aktivismus, Aidshilfen und Schwulenbewegung ineinander aufgingen. Vielmehr stellt er die Diskrepanzen zwischen ACT UP auf der einen Seite und Schwulenbewegung und Aidshilfen auf anderen Seiten heraus. Besonders betont er die gegen HIV-Positive feindliche Politik, wie sie vor allem von Peter Gauweiler und Horst Seehofer betrieben wurde.

Rezensiert auf: socialnet, 25.1.2018 (Online).

(3) “Demo. Für. Alle. Homophobie als Herausforderung”; von Detlef Grumbach (Hg.):

Der vorliegende Band formuliert zuallererst ein Unbehagen mit den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen. Rechte und reaktionäre Strömungen stellen, so die Autoren, eine zunehmende Bedrohung für LSBTIQ* dar – und Anhänger(_innen) von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien und Initiativen fänden sich auch unter LSBTIQ* selbst. Wichtig am Band ist, dass er diese Verunsicherung transparent macht und mit einigen theoretischen Überlegungen unterfüttert. Gleichzeitig werden aus einigen Beiträgen Ansätze für Strategien gegen diese reaktionären Strömungen deutlich: Vielfach wird die Koalition mit anderen Gruppen angesprochen, die der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt in LSBTIQ* Rechnung tragen, aber auch mit anderen Marginalisierten zusammengehen sollte. Das Stichwort Intersektionalität taucht auf, auch das gemeinsame Streiten gegen Rassismus und Geschlechterhierarchie. Hier wird anzusetzen sein – und könnte mit einer Selbstreflexion schwuler Kontexte begonnen werden.

Rezensiert auf: socialnet, 24.1.2018 (Online).

(4) “Magnus Hirschfeld und seine Zeit”, von Manfred Herzer:

Das Buch ist ein unbedingtes Muss für alle diejenigen, die sich mit schwuler Geschichte im Allgemeinen und mit Magnus Hirschfeld und seinen Zeitgenoss_innen im Besonderen beschäftigen. Es stellt einen sehr guten Auftakt für die weitere Debatte dar.

Rezensiert auf: socialnet, 29.1.2018 (Online).

Im Jahr 2017 habe ich die folgenden Bücher besprochen und gebe euch und Ihnen hier einen kurzen Überblick. Die Rezensionen sind jeweils im Volltext online verfügbar. Ich wünsche eine gute Lektüre und wünsche einen schönen Jahresausklang! Heinz-Jürgen Voß

Das Coming-out der Staaten. Europas sexuelle Minderheiten und die Politik der Sichtbarkeit
von Phillip M. Ayoub
rezensiert auf: socialnet, 21.12.2017 (Online).

Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit
von Stephanie Kuhnen (Hg.)
rezensiert auf: socialnet, 7.12.2017 (Online).

Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität
von Patsy l´Amour laLove (Hg.)
rezensiert auf: socialnet, 24.11.2017 (Online).

Wir Deutschen und die Liebe. Wie wir lieben. Was wir lieben. Was uns erregt
von Christoph Drösser
rezensiert auf: socialnet, 23.10.2017 (Online).

Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart
von Sabine Hark & Paula-Irene Villa
rezensiert auf: socialnet, 23.10.2017 (Online).

Wege zum Nein. Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016
von Sina Holst, Johanna Montanari (Hg.)
rezensiert auf: socialnet, 18.10.2017 (Online).

Über Heteronormativität: Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Verhältnisse und konzeptuelle Zugänge
von Herrera Vivar, Maria Teresa; Rostock, Petra; Schirmer, Uta; Wagels, Uta (Hg.)
rezensiert auf: Dasendedessex, 10.4.2017 (Online).

Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur
von Dirck Linck
rezensiert auf: Dasendedessex, 3.4.2017 (Online).

Eine Übersicht aller Rezensionen (und Aufsätze) auch früherer Jahre findet sich hier.

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Cover Für mehr lesbische SichtbarkeitGern weise ich auf den Band von Stephanie Kuhnen (Hg.) für mehr lesbische Sichtbarkeit hin. Ich habe ihn für socialnet (zur vollständigen Rezension) besprochen. Im Folgenden findet ihr und finden Sie einen Auszug aus der Rezension:

... Zentral für die Analyse der Situation von Lesben ist der von Birgit Bosold verfasste Aufsatz „Doppeläxte raus! Warum die schwul-lesbischen Bündnisse der 1990er Jahre vielleicht doch nicht eine so gute Idee waren“ (S. 18). Bosold stellt darin die finanzielle Förderung im Land Berlin für LSBTTIQ*-Projekte vor: Im Jahr 2016 gingen demnach von 3,7 Millionen Euro 1,7 Millionen (46 %) an zwei Träger, die sich insbesondere um Belange schwuler Männer kümmern. Lediglich 18 % (677.000 Euro) gingen an lesbische Projekte. Für den Zeitraum von 2009 bis 2015 stellt Bosold eine ähnliche Ungleichheit fest. Als zweites Beispiel führt Bosold die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld an, die im Jahr 2013 insgesamt 24 Projekte förderte, darunter war nur ein einziges explizit lesbisches Projekt. Schon ökonomisch entstehe damit eine Situation, in der lesbische Projekte kaum überleben könnten. Im Weiteren zeigt Bosold auf, dass Lesben auch in der einschlägigen Geschichtsschreibung zu Homosexualität unterrepräsentiert sind – obwohl Bände übergreifend als „homosexuell“ bezeichnet werden – und nicht etwa als „schwul“ –, kämen Frauen darin kaum vor. Die „Unsichtbarmachung“ betreffe Lesben auch in der Erinnerungskultur, wo Schwule mit Macht durchgesetzt hatten, dass am NS-Mahnmal ausschließlich Männern gedacht werden sollte. Auch die abschließend gefundene Kompromisslösung setze Lesben nur hinzu, während die schwulen Männer dominant blieben. Bosold schlägt entsprechend, im Anschluss an Sabine Hark, mehr Eigenständigkeit für lesbische Forderungen vor, und es gelte sich vor Augen zu führen, wie die „Differenzen ineinander verwoben sind und hierarchisch organisiert wurden“ (S. 24, nach Hark, Hervorhebung im Original). Und weiter:

Es wäre viel gewonnen, wenn ‚wir‘ mehr Sorgfalt darauf verwenden würden. Präzise herauszuarbeiten, was wir jeweils Unterschiedliches wollen, statt dies mit dickem rosa Zuckerguss zu bemänteln. (Ebd.)

Die Herausgeberin Stephanie Kuhnen schließt in ihren Beiträgen an einige der Perspektiven von Bosold an. So betont sie die Bedeutung von Alexander Zinn, der sich gegen die Forderungen der Lesben stark gemacht hatte, am „Homo-Mahnmal“ auch der im NS ermordeten lesbischen bzw. frauenliebenden Frauen zu gedenken (S. 134). Kuhnen betont in den Aufsätzen „Sichtbarkeit ohne Baedeker“ und „Vom Verschwinden einer Identität“ die wichtige Bedeutung von lesbischer Sichtbarkeit und die Notwendigkeit eigenständiger Demonstrationsformen, wie der Dyke*Marches. Sie stellt fest, dass in der Community Lesbenprojekte zunehmend verdrängt wurden und werden. Auch heute, nach „Homo-Ehe“ und schließlich Öffnung der Ehe, gelte:

Die Verliererinnen sind wieder einmal die Lesben, die mit der Normalisierung in den 2000ern auf die billigen Plätze verwiesen wurden und jetzt allmählich aus der Legende der erfolgreichen Emanzipation geschrieben werden. […] Die Marginalisierung von Lesben hat Methode. (S. 27)

... weiter auf socialnet

Auch wenn der Begriff „Heteronormativität“ bereits 1991 formuliert wurde (vgl. auch Gender-Glossar), lassen sich weiterhin bemerkenswerte und aktuelle Reflexionen hinzusetzen, wie der vorliegende Band zeigt. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Warner hat seinerzeit den Begriff geprägt, um (Hetero-)Sexualität als „normatives gesellschaftliches Strukturprinzip“ (S. 90; vgl. Gender-Glossar) zu beschreiben und zu untersuchen. Es geht bei „Heteronormativität“ also um den normativen Charakter von Heterosexualität in Gesellschaft, nicht um die Ablehnung von Heterosexualität an sich (wie es mitunter in rechtspopulistischen Zuschreibungen der wissenschaftlichen Theoriebildung unterstellt wird). Der Begriff „Homonormativität“ in der heute gebräuchlichen Form wurde deutlich später – 2002 – von Lisa Duggan geprägt, um neuere Politiken zu beschreiben, mit denen bisher gesellschaftlich stigmatisierte homosexuelle Lebensweisen in die klassischen heteronormativen Bahnen gelenkt werden. Ehe, Kinder, Hausbesitz, Monogamie und das "Recht", im Militär mitzutun, würden nun auch dort Standard und Lesben und Schwule erhielten gesellschaftliche Integrationsangebote, wenn sie sich an der Heteronorm und den klassischen gesellschaftlichen Idealen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ orientierten.

Der 2016 im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienene Sammelband „Über Heteronormativität“, herausgegeben von Maria Teresa Herrera Vivar, Petra Rostock, Uta Schirmer und Karen Wagels, liefert nun ein Upgrade des Analysestandes zu Heteronormativität, den Martin Mlinarić in seinem Überblicksbeitrag zur heteronormativen Situation in Serbien und Kroatien treffend charakterisiert:

„Doch handelt es sich bei dem zeitgenössischen Dispositiv wirklich nur um ein Update von Heteronormativität? In der Selbstwahrnehmung des globalen Nordens erscheint es eher als Upgrade eines heteronormativen Betriebssystems respektive Dispositivs als eine höherwertige Konfiguration, die nicht nur einfach aktualisiert, sondern auf eine ganz neue, überlegenere Stufe gehoben wurde und sich als deutlich effizienter, ‚besser‘ und ‚gerechter‘ als ältere Versionen erweist.“ (S. 215, Hervorhebungen im Original)

Dieses Upgrade werde gerade dadurch erreicht, dass das im globalen Norden etablierte "heteronormative Betriebssystem" über den punktuellen, leicht rückholbaren Einschluss einiger homosexueller Lebensstile gegenüber den normativen Systemen im globalen Süden als „überlegen“ präsentiert werde: Continue reading “Gesellschaftlich findet ein Heteronormativitäts-Upgrade statt… Rezension von “Über Heteronormativität” (hg. von Herrera Vivar/Rostock/Schirmer/Wagels)” »

Wer feste Identitäten mag, ist in der schwulen Literatur und Kunst in der Regel nicht richtig. Dort zeigen sich Auflösungen und ambige Aushandlungen, die sexuelle Akte, Verlangen und konkretes menschliches Miteinander in den Mittelpunkt stellen. Oder, wie Dirck Linck im vorliegenden Buch Hubert Fichte zitiert:

„Ich lobe den Arsch, den ich fühlen kann, sehen, riechen, schmecken, hören, den sinnlichsten von allen! […] Ich lobe den Arsch, der ist wie ein Auge, das wie die Welt ist, die wie ein Arsch ist!“ (Pubertät; nach: Linck, S. 118)

Wunderbar, dass es literaturwissenschaftliche Meister_innen gibt, die auch jenen einen Zugang zu Literatur ermöglichen, die erst eine kleine Hilfestellung benötigen – einen freundlichen Hinweis. Ich bin eine solche Person, die für Hilfestellung dankbar ist, die gern liest, aber gern auf andere Lesweisen aufmerksam gemacht wird. Dirck Linck gehört zu denen, die zur Hilfestellung in der Lage sind. Er ist ein ausgewiesener Kenner der subversiven, gendervarianten, schwulen und queeren Literatur – und macht Lust darauf, sie zu lesen, neu zu interpretieren und sich von ihr neu, politisch und aktivistisch inspirieren zu lassen. Und Linck schlägt anregende Perspektiven selbst vor, über die der Austausch lohnt. Continue reading “Schwule Literatur, Kunst und Politik – Besprechung des Buches “Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur” von Dirck Linck” »

FaulenzA ist vielen von ihren Alben bekannt. Zuletzt erschienen ist ihr Album „Einhornrap“, von dem einige Songtexte auch in das Buch „Support your sisters not your cisters: Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“ eingegangen sind.

Wie in den Songs auch, stößt FaulenzA in dem bei edition assemblage erschienenen Buch Interessierte nicht zurück, sondern nimmt die ernsthaft Interessierten "an die Hand" und erläutert geduldig, was es mit Feindlichkeit gegenüber Trans*Weiblichkeiten auf sich hat. Dabei wendet sie sich in erster Linie an mögliche cis-weibliche, cis-männliche und trans*-männliche Unterstützer_innen von Trans*Frauen und stellt die spezifische Situation von Trans*Weiblichkeiten vor, die sich jeweils auch individuell unterscheidet. FaulenzA fokussiert bei den betrachtungen einerseits auf die gesellschaftliche Situation, mit zweigeschlechtlich-sexistischer Sozialisation etc., andererseits auf spezifische Diskriminierungen, wie sie in emanzipatorischen linken (oft cis-männlich dominierten) und queer-feministischen Kontexten vorkommen:

Trans*misogynie – das ist die Gewalt, die ich erlebe, seit ich denken kann. Ich bin mit ihr aufgewachsen, sie hat mich geprägt und geformt. Sie hat mich tief verwundet und klein gemacht. Immer wieder, jeden Tag, in unterschiedlichsten Formen. Mal durch offene aggressive körperliche, mal durch unterschwellige Gewalt. Ausgeschlossen werden, verlacht und respektlos behandelt werden gehört dazu. (S. 13)

Ausführlich erläutert sie, dass in Bezug auf FLT*I-Räume oft gerade diskutiert wird, ob Trans*-Weiblichkeiten zu diesen Räumen Zugang haben sollten. Trans*-Frauen wird dabei eine männliche Sozialisation unterstellt – FaulenzA fordert ein, dass die spezifische weibliche Sozialisation von Trans*Frauen hier anerkannt werden muss. Durch die elterliche Anforderung, männlich sein zu sollen, wobei das Kind für Fehlverhalten sanktioniert wird, erleben Trans*Weiblichkeiten massive Diskriminierung und Gewalt bereits in ihrer frühen Sozialisation. FaulenzA fordert, dass auch emanzipatorische Räume das zur Kenntnis nehmen und nicht durch den Ausschluss von Trans*Weiblichkeiten neue Diskriminierungserfahrungen dem bisher Erlebten hinzufügen sollten.

Diskriminierungen und Gewalt geht FaulenzA im Buch ausführlich nach: in Bezug auf Sozialisation, in Bezug auf Passing zur sexistisch-zweigeschlechtlichen Norm, in Bezug auf Arbeitsleben und Schutzräume. Dabei ist der Schreibstil wohltuend erläuternd und freundlich; das Buch ist insgesamt sehr achtsam formuliert und ermöglicht es damit auch Personen, die nicht von der Diskriminierung von Trans*-Weiblichkeiten betroffen sind, die erlebten Diskriminierungen und Gewalt ein Stück weit nachzuvollziehen – und die eigene Rolle zu reflektieren. Wo werden etwa stets spezifische Körperlichkeiten vorausgesetzt – gerade im Hinblick auf Genitalien und physiologische Prozesse wie Menstruation und Ejakulation? Wo werden bestimmte Verhaltensweisen unterschiedlich gewertet, nur weil sie von einem Cis-Mann, einer Cis-Frau, einem Trans*-Mann oder einer Trans*-Frau kommen? An die Beschreibungen anknüpfend können Klischees und Vorurteile reflektiert – und bearbeitet werden. Das Schlusskapitel macht hierfür konkrete Vorschläge für Unterstützer*innen – Empowerment von Trans*-Weiblichkeiten möchte FaulenzA hingegen an anderer Stelle leisten (bzw. leistet sie bereits an anderer Stelle).

Wohltuend an dem Band ist auch, dass FaulenzA Diskriminierungen und Gewalt entlang unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse reflektiert. So positioniert sie sich selbst als weiße Person, die die Möglichkeit zum Studium der Sozialen Arbeit hatte und weist immer wieder auf Diskriminierung und Gewalt hin, die mit Rassismus und Klassenverhältnissen verbunden sind:

Ich finde es super wichtig, sich die eigenen Privilegien klar zu machen und einen achtsamen Umgang damit zu finden! Dazu gehört auch, sich mit eigenem Diskriminierungsverhalten auseinanderzusetzen. Zum Beispiel, dass ich über meine Privilegien als Weiße, über weiße Dominanz und verinnerlichten Rassismus reflektiere. (S. 116)

Für den verschränkten Blick und für die deutliche Thematisierung von Trans*misogynie ist das Buch sehr lesenswert. Die Songtexte aus „Einhornrap“ und die von Yori Gagarim stammenden Illustrationen machen das Buch kurzweilig – und sprechen die_den Lesende_n auf vielfältige Weise an und ermöglichen so facettenreich Räume zum Nachdenken und zur produktiven Selbstreflexion.

Buch: FaulenzA: Support your sisters not your cisters - Über Diskriminierung von trans*Weiblichkeiten. Mit Illustrationen von Yori Gagarim. edition assemblage 2017. Informationen zum Buch.

von Heinz-Jürgen Voß

Die Bände „Adams Apfel und Evas Erbe“ des Biologen Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ des Pflanzenphysiologen und Biologen Ulrich Kutschera haben gesellschaftlich für Debatten gesorgt. Beide erwidern aktuellen Erkenntnissen der Geschlechterforschung; punktuell haben sie hierfür auch Arbeiten aus dieser Disziplin gelesen. Ulrich Kutschera macht das bereits im Titel kenntlich, in dem er hier Anleihe beim verbreiteten Buch „Gender-Paradoxien“ der  Soziologin und Geschlechterforscherin Judith Lorber nimmt, das 1999 auch in deutscher Sprache erschien(1995 auf Englisch).

Nach der Lektüre von Kutscheras Band ist Axel Meyers Publikation ein entspannender Stoff. Seine Aussagen sind gewiss streitbar, aber sie werden ruhig argumentierend vorgetragen. An verschiedenen Stellen wird kurz auch auf die wissenschaftlichen Gegenpositionen im biologischen Feld verwiesen – so z. B. auf den Populationsgenetiker Richard Lewontin, der in seinen Arbeiten der 1990er und 2000er Jahre die Einengung und Erstarrung in biologischer Theoriebildung beklagt hatte, etwa in dem vielbeachteten Buch „Biology as Ideology“ (1991). Ebenso wird der Paläontologe Stephen Jay Gould, der in dem 1983 auch in deutscher Sprache erschienenen Werk „Der falsch vermessene Mensch“ rassistischen Vorannahmen in biologischer Forschung nachging, von Meyer – respektvoll – erwähnt. Continue reading “Auch Evolutionsbiologie ist Wissenschaft – meist: Zu den Büchern „Adams Apfel und Evas Erbe“ von Axel Meyer und „Das Gender-Paradoxon“ von Ulrich Kutschera” »

Gespraeche_ueber_Rassismus_Cetin_TasRezension von:
Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände; hg. von Zülfukar Çetin und Savaş Taş.

Das von Zülfukar Çetin und Savaş Taş herausgegebene Buch "Gespräche über Rassismus – Perspektiven und Widerstände" versammelt Gespräche mit und Beiträge von Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen und Künstler_innen gegen Rassismus: Iman Attia; María do Mar Castro Varela; Maisha Eggers; Mutlu Ergün-Hamaz; Elsa Fernandez; Noa Ha; Nivedita Prasad; Isidora Randjelović; Marianna Salzmann; Yasemin Shooman; Vassilis S. Tsianos; Deniz Utlu; Women in Exile; Koray Yılmaz-Günay; Anna-Esther Younes; Halil Can; Ayşe Güleç.

[...] Wird aus dem Beitrag von Ayşe Güleç ganz plastisch deutlich, wie wichtig die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus ist, so ist der Band in seiner Gesamtheit bemerkenswert. Versammelt sind Beiträge von rassismuserfahrenen Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Künstler_innen, die theoretisch und praktisch fundierte, klare Analysen vorlegen und Anregungen für weitere theoretische und aktivistische Auseinandersetzungen mit und Kämpfe gegen Rassismus geben. Für People of Color könnte der Band eine Art Positionsbestimmung sein, für Personen der weißen Mehrheitsgesellschaft sollte es ein Band sein, eigene Vorannahmen zu reflektieren und die im Band eröffneten Zugänge aufzunehmen, zu lesen und zuzuhören. Neben der Thematisierung des aktuellen Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland, der sich aus einer langen, gerade auch kolonial geprägten Vergangenheit seit dem 16. Jahrhundert speist, zielen die Beiträge auf eine Verständigung über Begrifflichkeiten. [...]

zur ganzen Rezension

Sexuelle_Vielfalt_Geschlechter_Lewandowski_KoppetschRezension von:
"Sexuelle Vielfalt und die UnOrdnung der Geschlechter", hg. von Sven Lewandowski, Cornelia Koppetsch

Seitdem Sexualität aus dem Verborgenen heraustritt und auch in Gesellschaft offen und öffentlich verhandelt wird, ändern sich auch die sexualwissenschaftlichen Diskussionen. Einerseits wurden durch die breitere Thematisierung des Sexuellen Veränderungen erreicht, die dazu führen, dass sexualisierte Gewalt nun aufgedeckt werden kann – und nicht unter der Tabu-Decke bleibt. Andererseits wird es nötig, vielfältige geschlechtliche und sexuelle Identitäten anzuerkennen – Öffentlichkeit und Sichtbarkeit als Voraussetzung für selbstbestimmtes geschlechtliches und sexuelles Leben (aber möglicherweise auch als Basis für die Einhegung der Vielfalt in Kategorie, Sicherheit und Hegemonie).

Mit der Sexualität tritt auch Sexualwissenschaft zunehmend aus dem Nischendasein. Wies die Schließung der Frankfurter Sexualwissenschaft zunächst in eine andere Richtung, so zeigt sich mit aktuellen Förderprogrammen, dass ein gesellschaftlicher Wandel dahingehend stattfindet, sexualisierte Gewalt auch mit Blick auf die strukturellen Bedingungen über institutionelle Förderprogramme zu thematisieren und Akzeptanzförderung gegenüber lesbischen, bisexuellen und schwulen Begehrensweisen sowie trans*- und inter*geschlechtlichen Identitäten zu betreiben. Das geschieht sicherlich auch, um die eklatanten Diskriminierungen gegen und hohen Suizidversuchsraten unter LGBTTI-Jugendlichen zu verringern.

Interessanter Effekt der breiteren Debatte ist einerseits die stärkere Entrüstung einiger – erzkonservativer und rechtspopulistischer – gesellschaftlicher Kreise über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Rüdiger Lautmann stellt prägnant fest: „Was für akademisch-subkulturelle Kreise noch geduldet worden war, ja als schick galt, erhitzte nun die Gemüter, als es in den Kernbereich konservativen Selbstverständnisses vordrang: in Familie, Schule und Kirche.“ (S. 29) Hintergrund der Entrüstung ist dabei aber möglicherweise weniger die thematisierte Vielfalt, als vielmehr, dass nun Sexualität auch in den sexuellen Bereichen gesehen wird, wo sie zuvor kaum Thema war: Sexualwissenschaft schwenkt zunehmend auf Heterosexualität, die dort gelebten sexuellen Praktiken, das Zusammenleben in langjährigen Paarbeziehungen, dortige sexuelle Aktivität oder in anderen Fällen eintretende sexuelle Zurückhaltung sowie zwischen festen Paaren gelebte Beziehungskonstellationen. weiter bei socialnet