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DIE IDEE DER HOMOSEXUALITÄT MUSIKALISIEREN. VON RADIKALER SCHWULENBEWEGUNG UND CRUISING.
***Ein Gespräch zum Buch mit dem Herausgeber Heinz-Jürgen Voss***Eintritt frei***keine Vorkenntnisse nötig***

Heinz-Jürgen Voss ist Sexualwissenschaftler*in. In seinem neusten Buch geht es um den französischen Aktivisten Guy Hocquenghem. Seine Auffassung: Jeder Mensch ist zu gleichgeschlechtlichem Begehren fähig. Jeder Mensch ist also bisexuell?

Damit wird Guy Hocquenghem auch als wichtiger Vordenker der Queer-Theorie eingeordnet. Zugleich kann man an seinen Werken nachvollziehen, wie er - als weisser Mann - nach und nach gelernt hat, den eigenen Rassismus zu reflektieren. Und er sah Cruisen und Klappensex als wichtige Möglichkeiten an, wie Menschen sich kennenlernen könnten - über gesellschaftliche Schranken hinweg.

Ohne Klappensex wird "jeder [...] nur noch in seiner eigenen gesellschaftlichen Klasse ficken", wie es in seinem Aufsatz im Buch heist, den Salih Alexander Walter aus dem Französischen übersetzt hat. Warum kam Hocquenghem zu dieser Einschätzung?

Heinz-Jürgen Voss erläutert die wichtigen Punkte des Buches und bringt kleine Textabschnitte mit. Davon ausgehend diskutieren wir unter der Moderation von Florian Vock.

Ort und Infos zur Veranstaltung:
7. März, 19:30 Uhr, Heldenbar Zürich (Sihlquai 240, 8005 Zürich),
...bei Facebook.

Infos zum Buch:
...finden sich sich hier.

In Kürze folgen Buchvorstellungen in:
Leipzig (15. März), Berlin (5. April), Regensburg (17. Mai), Wien (28. Mai), Merseburg (6. Juni), München, Essen etc.

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Sehr gern weise ich euch und Sie auf das neue Buch "Die Idee der Homosexualität musikalisieren: Zur Aktualität von Guy Hocquenghem" hin. Ich bin sehr stolz auf diesen Band! Er dürfte einige gute Diskussionen anregen. So gilt Hocquenghem als Vordenker der Queer Theorie - und ist er ein wichtiger Schwulenaktivist, der in Frankreich aktiv war und sich auch deutlich zu den schwulen Aktivitäten in Westberlin und der BRD positionierte. Richtungsweisend für den Band ist das Zitat von Guy Hocquenghem:

"Ich würde die Idee der Homosexualität gern musikalisieren: Sie existiert nur in ihren Rhythmen, ihren Intervallen und ihren Pausen, sie existiert nur durch ihre (dramatische) Bewegung. Sie konjugiert Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit in diesem Rhythmus des Erscheinens und des Verschwindens."
(Guy Hocquenghem, übersetzt von Salih Alexander Wolter)

Zum Buch haben Rüdiger Lautmann, Norbert Reck und ich mit Aufsätzen beigetragen; Salih Alexander Wolter hat einen Aufsatz von Guy Hocquenghem für das Buch wunderbar übersetzt. Ein schöner, runder Band! 🙂

Weitere Informationen zum Band:
https://www.psychosozial-verlag.de/2783

Interesse an Austausch:
Wer Interesse an Diskussion hat, kann gern ein Rezensionsexemplar bestellen und ihre*seine Perspektive beitragen. Dafür schreibt bitte an Melanie Fehr-Fichtner vom Psychosozial-Verlag: melanie.fehr-fichtner@psychosozial-verlag.de

Wenn es Interesse an einer Buchvorstellung oder Diskussionsveranstaltung gibt, dann sendet sehr gern mir eine Nachricht: Heinz-Jürgen Voß, voss_heinz@yahoo.de .

Ausgehend von Betrachtungen zur Klappenkultur in Westberlin – und ihre Beurteilung durch Aktivist*innen aus anderen europäischen Ländern, etwa durch Guy Hocquenghem – wendet sich der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß (Hochschule Merseburg) aktuellen bedrohlichen gesellschaftlichen Entwicklungen zu. Er schildert, wie rechte Strömungen zunehmend Diskurse bestimmen, und verweist – unter anderem in Anschluss an die lesbische Aktivistin Jutta Oesterle-Schwerin – darauf, dass unter dem Deckmantel aktueller gesellschaftlicher Normierungen neue (gewalttätige) Restriktionen eingeführt werden. Voß fragt und stellt zur Diskussion: Wie können wir etwa den von Hubert Fichte positiv geprägten Begriff „Verschwulung“ behaupten – gegen „unsere“ eigene Geschichtsvergessenheit und gegen rechte Vereinnahmung?

Die Veranstaltung findet als Begleitveranstaltung zur Ausstellung von Marc Martin "Fenster zum Klo. Public Toilets & Private Affairs" im Schwulen Museum* (Berlin) statt. Beginn ist 19:00 Uhr.

Heinz-Jürgen Voß ist Biolog*in und Sexualwissenschaftler*in an der Hochschule Merseburg.

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[Update 13.12.2015: Rosa und ich diskutieren intensiv per E-Mail. Wir arbeiten.]

Nach einem Telefonat von 55 Minuten sagt Rosa von Praunheim ein Seminar ab, das er morgen an der Hochschule Merseburg halten wollte. Nach einigen Eingangsfreundlichkeiten und nochmaliger Erläuterung der Erreichbarkeit der Hochschule Merseburg, kam das Telefonat rasch auf den Begriff Person of Color. Rosa erläuterte, dass er den Begriff bisher noch nicht kannte und es schwierig fände, wenn eine migrantische Person, die er selbst als weiß zuschrieb, sich als „of Color“ bezeichnete. Davon aus kamen wir im Gespräch zu der bei Tea-Riffic (später bei Mädchenmannschaft) formulierten Kritik und der Gegendarstellung auf der Facebook-Seite Rosa von Praunheims. Ich regte an, dass Rosa beides beim Seminar in Merseburg aufgreifen und in die Diskussion bringen sollte. Und weiter ging es zu „dem Islam“. Bei ihm wollte Rosa keinerlei Unterscheidung zulassen. Alle homosexuellen muslimischen Männer und Frauen seien unterdrückt. Das gelte sowohl für islamisch geprägte Länder als auch für Musliminnen und Muslime in Berlin. Diese trauten sich – nach Meinung Rosas – nicht vor seine Kamera, weil sie Angst hätten von den Eltern in „ihren Herkunftsländern“ erkannt zu werden. Besorgt zeigte sich Rosa über die Geflüchteten – sei seien muslimisch und damit homophob. Abwehrend verwies ich auf Basisargumente – etwa die von Zülfukar Çetin in seiner Dissertation „Homophobie und Islamophobie“ ausgewerteten Interviews und das von Thomas Bauer veröffentlichte Buch „Die Kultur der Ambiguität: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“. Das wollte Rosa von Praunheim nicht gelten lassen. Auch Verweise auf gelebten gleichgeschlechtlichen Sex etwa in Afghanistan, mehrere Geschlechter und institutionalisierte Geschlechterkategorien etwa in Pakistan ließ Rosa von Praunheim nicht gelten. Die Diskussion verlief ruhig aber bestimmt von beiden Seiten. Ich regte an, den morgigen Austausch mit den Merseburger Studierenden für die Diskussion zu nutzen. Rosa fragte, ob auch Gender-Studierende in Merseburg seien. Ich sagte ja und diversifizierte ein wenig unterschiedliche berufliche und Bildungs-Verortungen. Da kam auf einmal von Rosa die Ansage, dass er für morgen absage und dass ich das Seminar in Vertretung für ihn allein geben solle. Er fühle sich selbst nicht den aktuellen Debatten gewachsen, sei mittlerweile schon älter und stecke nicht mehr so in den aktuellen Diskussionen. Gerade Kritiken von Genderseite seien problematisch. Seine Sicht schöpfe aus der Erfahrung, meine sei hingegen nur theoretisch und stamme von empirischen Studien und würde lediglich die Ränder betreffen. Seine Sicht treffe zu. Ich regte noch einmal an, dass Seminar gerade für die Debatte zu nutzen. Rosa von Praunheim lehnte das ab und meinte nur, dass er sich entschieden habe. Ich setzte noch einmal an, und sagte, dass er die Entscheidung einfach noch einmal überschlafen sollte… Noch bevor ich den Satz zu Ende gesprochen hatte, hatte er aufgelegt.

Ich finde es schade. Wie sollen eigene weiße Selbstverständlichkeiten reflektiert und bearbeitet werden, wie sollen „Vorurteilshamster“, wie soll antimuslimischer Rassismus in der deutschen Gesellschaft bearbeitet werden, wenn sich selbst eine Person, die kritische Debatte gewöhnt sein sollte, nicht traut, mit 21 Studierenden zu diskutieren. Sehr schade. Von dem neuen Film „Überleben in Neukölln“ ist nach den Aussagen im Telefonat nur antimuslimischer Rassismus zu erwarten; er ist auch ein Zeichen dafür, dass die Schwulenbewegung neben der Homobefreiung eben auch ganz viel Scheiße gebracht hat – Homonationalismus und Ausgrenzung und Hass gegen andere Menschen, die genauso schön gruppiert werden wie „die Schwulen“.

Heinz-Jürgen Voß