Buchvorstellung “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” mit Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß bei den Linken Buchtagen 2017

Die Buchvorstellung von “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” bei den Linken Buchtagen 2017 wurde freundlicher Weise als Video aufgenommen – und ist nun bei YouTube online. Damit können auch all jene, die an der Buchvorstellung nicht teilnehmen konnten, einen ersten Einblick in den – lesenswerten 🙂 – Band erhalten.

Kurztext zur Veranstaltung: Rassismus und Antisemitismus in der Dominanzkultur und im Konzept der „Homosexualität“: Während „Sichtbarkeit“ und „Identität“ auch heute noch vielfach als bedeutsam für die politischen Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt gelten, weisen Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß in ihrem Band darauf hin, wie auf diese Weise auch „ein Ordnungsregime entsteht, das auf Geschlechternorm, Weißsein, Bürgerlichkeit und Paarbeziehung basiert“. Dadurch entstehen Ausschlüsse gegen Queers of Color und Queers mit abweichenden Lebensentwürfen. Çetin/Voß erläutern die zwiespältige Bedeutung von „Anerkennung“ und weisen auf nicht-identitäre Perspektiven hin.

Informationen zum Buch finden sich hier – und Rezensionen auf dieser Seite.

 

Die Kritik in „Beißreflexe“ hat keinen intellektuellen Biss, sondern will nur verletzen. Eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen Diskussionsstand.

Eine Kritik kann bereichernd sein. Sie kann dazu führen, dass Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden. Sie kann gut formuliert sein, und sie kann, obwohl oder gerade weil sie scharf ist, Spaß bereiten. Es ging mir schon so, dass ich eine Kritik als so beißend und unzutreffend erlebte – und ihr gleichzeitig Respekt zollen musste, auf Grund ihres Stils und einer bemerkenswerten Wortgewandtheit. Eine solche Kritik bedeutet für mich aber auch stets, dass eine gewisse Ebene gewahrt wird: Es geht einer Kritik um die Sache, um die Auseinandersetzung – nicht um Denunziation, Verleumdung und Beleidigung der Diskussionspartner_innen oder eben auch einmal der Gegner_innen.

Eine solche Kritik sucht man in dem Buch „Beißreflexe“ vergebens. Die dortige Kritik hat keinen intellektuellen Biss, sondern will nur verletzen. Statt sich die Mühe zu machen, sich mit Argumenten von Diskussionspartner_innen oder „Gegner_innen“ pointiert auseinanderzusetzen, werden sie verzerrt, unvollständig und unaufrichtig dargestellt. Bereits der Titel „Beißreflexe“ – und wie er vom Herausgeber und den Autor_innen eingeführt wurde – nimmt den Diskussionspartner_innen und den stilisierten Gegner_innen das Argument aus dem Mund: Es sei ja doch nur eine – so wird unterstellt – der „üblichen“ und „nicht gerechtfertigten“ Positionen, die da kommen würde, eben „Beißreflexe“. Wer die von den Macher_innen von „Beißreflexe“ lancierte Twitter-Diskussion verfolgt hat, merkte rasch, wie sie sich geradezu nach der Selbstverteidigung der Angegriffenen sehnten, um dann gleich zu SCHREIEN, dass das ja alles Beißreflexe seien.

Johannes Kram führte in einer Auseinandersetzung mit einer Vorstellung des „Beißreflexe“-Buches aus, dass auch „ein LGBTIQ*-Populismus“ nicht grundsätzlich „schlecht sein muss“ (1). Gerade in der aktuellen, durch Rechtspopulismus getragenen Entwicklung könne er in der Lage sein, die Interessen von LGBTIQ* so zuzuspitzen, dass sie gesellschaftlich weiterhin verstanden würden. Doch der Herausgeber des Sammelbandes „Beißreflexe“, Patsy l’Amour laLove, „belässt es nicht beim Zuspitzen“ (ebd.). Kram führt weiter aus: „Ein Argument ist dann falsch, wenn es nicht argumentiert, sondern behauptet, wenn es so tut, als ob man sich mit der Annahme seiner Unrichtigkeit gar nicht beschäftigen muss. Aber es ist nicht nur die Wortwahl rund um den Vorwurf vermeintlicher ‚Sprechverbote‘, der Pose des ‚das wird man doch wohl endlich mal sagen dürfen‘, mit der sich Patsy hier verirrt, es ist das Prinzip dahinter: Ein Populismus, der nicht zuspitzt, sondern verzerrt.“ (Ebd.) Continue reading “Die Kritik in „Beißreflexe“ hat keinen intellektuellen Biss, sondern will nur verletzen. Eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen Diskussionsstand.” »

Rezension von Lisa Krall zu “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

In der aktuellen Ausgabe (November 2016) der Zeitschrift “analyse & kritik” hat die Sozialarbeiter_in und Geschlechterforscher_in Lisa Krall das Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” (von Zülfükar Çetin und Heinz-Jürgen Voß) besprochen. In der Rezension schreibt sie unter anderem: “Çetin und Voß setzen sich in ihrem Band kritisch mit der Identitätskategorie »des Homosexuellen« und der mit ihr verbundenen Emanzipationsbewegung auseinander und diskutieren beides als Bestandteile westlicher Hegemonie. Im dicht argumentierten ersten Teil bereiten sie den Boden für zwei weitere Kapitel, die sich einmal auf »Homosexualität« in Naturwissenschaften und in Pädagogik konzentrieren (Voß) und zweitens Homo-/Queerpolitiken sowie Homonationalismus in Zusammenhang mit Gentrifizierung setzen (Çetin)…” weiter geht es hier, bei “analyse & kritik”.

Ende jetzt! Der primäre Antisemitismus der so genannten Antideutschen

In den 1990er Jahren war ich froh, als ‚antideutsch‘ aufkam. Einerseits hatte ich die Erwartung, dass damit dem neuen Erstarken von Deutschland und den sich weiter zuspitzenden rassistischen und antisemitischen Ausschlüssen entgegengewirkt werden könnte, andererseits fand ich es gut, dass dem Antisemitismus, wie er sich oft unwidersprochen auch in linken Zeitungen zeigte, entgegnet wurde. Das geschah unter dem Stichwort ‚antideutsch‘ punktuell – wichtiger waren und nachhaltiger zeigen sich die Positionierungen und Aktivitäten jüdischer und migrantischer Selbstorganisationen – und so hat ‚antideutsch‘ auch dazu beigetragen, dass zunächst Antisemitismus, Rassismus und völkisch-deutschem Denken in der Bundesrepublik und dort auch in linken mehrheitsdeutschen Zusammenhängen thematisiert wurden.

Heute hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Ich verstehe (noch) nicht, warum, aber insbesondere aus den ‚antideutschen‘ Kontexten kamen und kommen insbesondere und seit dem letzten Jahr die widerlichsten Hetzreden gegen Jüdinnen und Juden, wie auch gegen Musliminnen und Muslime. Ganz alte antisemitische Bilder wie das des ‚genitalverstümmelnden Juden‘ wurden beschrieben und teilweise sehr bildlich ausgemalt. Es ist die gleiche Art von Bildern, wie sie in den 1920er Jahren von völkischen Mehrheitsdeutschen gezeichnet wurden, nur heute werden sie von Leuten erzeugt, die vorgeben, etwas gegen Antisemitismus tun zu wollen. Aber selbst die These der ‚Solidarität mit Israel‘ erscheint seit dem letzten Jahr mehr denn je als vorgeschoben: So machten sich ‚Antideutsche‘ – linke Mehrheitsdeutsche und als solche Enkel_innen der Täter_innen – ernsthaft auf, Israel und den in Israel lebenden Menschen erklären zu wollen, wie man in Israel zu leben habe und wie jüdische (und muslimische) Traditionen aussehen müssten, damit sie für Deutschland und insbesondere für mehrheitsdeutsche Jugendliche in linken Jugendhäusern tolerierbar seien. Geht’s noch? Wie war das mit der Forderung ‚Gegen deutsches Großmachtstreben‘? Wie war das mit dem Streiten gegen Antisemitismus und Rassismus? Wie war das mit deutscher Schuld – und mit der Forderung, als Deutsche einfach mal die Klappe zu halten?

Ich habe in den letzten Monaten den Eindruck gewonnen, dass der aktuelle, der primäre Antisemitismus in ‚antideutschen‘ Zusammenhängen sogar krasser zu finden war; auf jeden Fall zeigte er sich aber in gleichem Maße wie in anderen linken mehrheitsdeutschen und weiteren weißen Kontexten. Und es ist mir ein Rätsel: Warum produzieren und reproduzieren Leute, die sich doch gegen Antisemitismus wenden wollten, in krassem Maße selbst völkisch antisemitische Stereotype? Liegt es an den begrenzten mehrheitsdeutschen linken Kontexten, in denen in der Regel weiße Typen unter sich sind? Kommt die Sozialisation im westdeutschen kleinstädtischen Einfamilienhaus durch, die in der Regel keinen Kontakt zu Jüd_innen und Muslim_innen sowie allgemein zu vielfältigen, offenen Lebenswelten ermöglicht? Ist es alternativ die Sozialisation in ostdeutscher ‚Nach-Wende-Zeit‘, in der sich Ostdeutsche gern als Wende-Verlierer stilisierten (wo doch sie die Wahl hatten) und ihre Kinder in diesem Umfeld aufgewachsen sind und ihr ‚Leid‘ vergleichen wollen? …oder sich selbst erheben und als besser darstellen wollen, was gut auf dem Rücken anderer geht, indem man diese als ‚unzivilisiert‘ erscheinen lässt und man ihnen dann erklärt, wie ‚Gutsein‘ geht, wie man emanzipatorisch ist?

Mehrheitsdeutsche müssen genau ihren eigenen Antisemitismus und Rassismus thematisieren, reflektieren und bekämpfen. Er ist institutionell in diesem Land tief verankert – allein schon das Staatsbürgerschaftsrecht geht auf das völkische Reichsstaatsbürgerschaftsrecht aus dem Jahr 1913 zurück und beispielsweise die Körpervorstellungen sind tief christlich (und tief antijudaistisch und antisemitisch) geprägt. Antisemitismus und Rassismus sind damit tief im mehrheitsdeutschen Verständnis verwurzelt. Sie sind so in ‚uns‘, dass ich hier bewusst ‚mehrheitsdeutsch‘  setze und mich einschließe. Auch ich arbeite daran, meine ‚Selbstverständlichkeiten‘ immer weiter zu hinterfragen und dabei rassistische und antisemitische Vorannahmen zu erkennen und daran zu arbeiten, diese zu überwinden. Arbeit gegen Antisemitismus heißt so gerade auch Arbeit an sich selbst und Kritik und politischer Kampf gegen den in Deutschland verbreiteten Antisemitismus und antisemitischen Hass. Und sie bedeutet Offenheit für Sichtweisen fernab der eigenen christlich-säkularen und damit gleichzeitig antisemitisch gewordenen.

Gegen den deutschen rassistischen und antisemitischen Normalzustand!

Und damit auch gegen das, was heute als ‚antideutsch‘ firmiert, aber besser als allzudeutsch zu fassen ist!