Rezension von Lisa Krall zu “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

In der aktuellen Ausgabe (November 2016) der Zeitschrift “analyse & kritik” hat die Sozialarbeiter_in und Geschlechterforscher_in Lisa Krall das Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” (von Zülfükar Çetin und Heinz-Jürgen Voß) besprochen. In der Rezension schreibt sie unter anderem: “Çetin und Voß setzen sich in ihrem Band kritisch mit der Identitätskategorie »des Homosexuellen« und der mit ihr verbundenen Emanzipationsbewegung auseinander und diskutieren beides als Bestandteile westlicher Hegemonie. Im dicht argumentierten ersten Teil bereiten sie den Boden für zwei weitere Kapitel, die sich einmal auf »Homosexualität« in Naturwissenschaften und in Pädagogik konzentrieren (Voß) und zweitens Homo-/Queerpolitiken sowie Homonationalismus in Zusammenhang mit Gentrifizierung setzen (Çetin)…” weiter geht es hier, bei “analyse & kritik”.

Kinderbücher für die pädagogische Arbeit zu sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung

Seit 1994 ist der §175, der sich gegen mann-männliche Sexualität richtete, abgeschafft. Seitdem zielt die gesellschaftliche Entwicklung darauf, dass Lesben und Schwule und zunehmend auch Trans* und Inter* nicht mehr diskriminiert werden, sondern in ihrer sexuellen und/bzw. geschlechtlichen Selbstbestimmung ernstgenommen werden sollen. Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung kommt letztlich allen Menschen zu Gute.

Für die pädagogische Arbeit ergeben sich damit bedeutende Änderungen. So kann und darf es in Einrichtungen nicht mehr vorkommen, dass z.B. Homosexualität als Krankehti vorgestellt wird – wie es noch bis in die 1990er Jahre der Fall war. Vielmehr gilt es Kinder und Jugendliche in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen, so dass sie es nicht – oder weniger – als Problem erleben, wenn sie feststellen, nicht in die heterosexuelle, nicht in die “typisch männliche” oder “typisch weibliche” Norm zu passen. Gleichzeitig wird durch eine Toleranz und Akzeptanz fördernde Pädagogik Diskriminierung abgebaut – das Kinder diskriminierungsfrei miteinander umgehen, beginnt im Kindergarten und setzt sich in dem wichtigen Lernort Schule fort. Das Erleben in Familie und der näheren Umgebung ist ein weiteres wichtiges Lernfeld.

Auf den Einrichtungsalltag zielen Materialien, Bücher und Bücherkisten, die auf ministerielle Anforderung von Fachberatungsstellen zusammengestellt werden. Aktuell wurden zwei sehr gute und ertragreiche Bücherkisten vorgestellt – die im Folgenden verlinkt sind: “Geschlechter- und Familienvielfalt”, “Geschlecht, Sexualität und geschlechtliche und sexuelle Vielfaltin Krippe, Kindergarten und Hort”. Die Broschüren geben sehr gute Anregungen und bilden eine wichtige Grundlage für eine diskriminierungsfreie und demokratiefördernde Pädagogik.

NEUes Buch: Geschlechtliche Vielfalt (er)leben – Trans*- und Intergeschlechtlichkeit in Kindheit, Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter

cover_geschlechtliche_vielfalt_erleben_In der Reihe “Angewandte Sexualwissenschaft” des Psychosozial-Verlags ist gerade das lesenswerte Buch “Geschlechtliche Vielfalt (er)leben: Trans*- und Intergeschlechtlichkeit in Kindheit, Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter” neu erschienen. Es wendet sich Inter* und Trans* gerade vor dem Hintergrund aktuell stattfindender rechter Angriffe vor; im Band wird u.a. vorgeschlagen, interdisziplinär und intersektional Lösungsansätze zu entwickeln. Eingeleitet wird das Buch mit einem Grußwort der sächsischen Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping.

Geschlechtliche Vielfalt (er)leben:
Trans*- und Intergeschlechtlichkeit in Kindheit, Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter
von Alexander Naß, Silvia Rentzsch, Johanna Rödenbeck, Monika Deinbeck (Hg.)

Psychosozial-Verlag, Gießen
2016, 149 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-8379-2597-5

Verlagsinformationen

Aargauer Zeitung: “Der lesbische Aufschrei – doch vielen Schwulen ist dieser Sexismus nicht bewusst”

Mittlerweile beginnt in größerer Breite eine Diskussion um Ausschlüsse aus der schwulen Community. Im Fokus sind dabei insbesondere Rassismus und Sexismus, verübt von weißen Schwulen. Die Lesbenorganisation Schweiz kritisiert: “Wir haben genug von Schwulen, die sich in Anwesenheit von Frauen vulgär ausdrücken und abfällige Kommentare zu weiblichen Genitalien machen. Wir haben genug von Schwulen, die Frauen anfassen und den Mangel an Respekt vor der körperlichen Integrität relativieren und legitimieren mit der Tatsache, dass sie schwul seien.” Mehdi Künzle vom Vorstand des Vereins Pro Aequalitate – er setzt sich für LGBTI-Rechte im Rahmen von Volksabstimmungen ein – gibt der Lesbenorganisation Recht. Die Einrichtungen treten dafür ein, dass weiße Schwule ihre Privlilegien reflektieren und zur Unterstützung der Rechte Marginalisierter einsetzen. Zum Thema gibt es einen aktuellen lesenwerten Artikel in der Aargauer Zeitung, der sich hier findet.

1.11., Hochschule Merseburg: “Physik queer denken” – Vortrag von Prof. Dr. Helene Götschel im Rahmen der Ringvorlesung FEMPOWER „Technik und Geschlecht“

Nach dem gelungenen Auftakt mit Hrn. Dr. Vobker im Oktober, findet am 1.11.2016 (Beginn 16:30 Uhr) an der Hochschule Merseburg (Theater am Campus) die zweite Veranstaltung der Ringvorlesung FEMPOWER „Technik und Geschlecht“ statt.

Zu Gast ist die Physikerin Prof. Dr. Helene Götschel. In ihrem Vortrag „Physik queer denken“ zeigt sie, wie sich gesellschaftliche Fragestellungen in Kontexten der Physik wiederfinden lassen. „Queer“ ist dabei im Sinne geschlechtlicher und sexueller Vielfalt und Offenheit zu verstehen. Götschel führt aus, dass sich Queer Theory nicht nur in den Wissenschaften vom Menschen, wie den Sozialwissenschaften oder der Biologie, anwenden lasse. Vielmehr mache es Sinn, grundsätzlich die Denkmuster Zweigeschlechtlichkeit und heteronormative Matrix zu erkennen. Dies ermöglicht, Physik queer zu denken, d.h. zu hinterfragen, wie diese eingeschränkten Denkmöglichkeiten unsere Weltbilder, unsere Vorstellungen der unbelebten Natur prägen. Was darunter zu verstehen ist und wozu es gut sein soll, Physik queer zu denken, wird im Vortrag anhand von Beispielen diskutiert. Beginn der Veranstaltung ist um 16:30 Uhr, im Theater am Campus (im Hauptgebäude der Hochschule).

Prof. Dr. Helene Götschel: Die studierte Physikerin ist Maria-Goeppert-Mayer Professorin für Gender in Ingenieurwissenschaften und Informatik an der Fakultät für Maschinenbau und Bioverfahrenstechnik der Hochschule Hannover.

*Als weitere Veranstaltungen sind bereits fest:* Dr. Waltraud Ernst (15.12.2016, 16:30 Uhr, Vortrag: „Geschlecht und maschinelle Interaktion“) und Dipl.-Inf. Göde Both (17.1.2016, 16:30 Uhr, Vortrag: „Mensch-Maschine-Konfigurationen: Ist autonomes Fahren die ‚Entmannung des deutschen Autofahrers‘?“).

Das Projekt FEMPOWER, das neben der Ringvorlesung auch Maßnahmen zur Förderung von Promotionen von Frauen beinhaltet, wird aus Fördermitteln der Europäischen Union finanziert. Federführend liegt das Projekt bei der Gleichstellungsbeauftragten der Hochschule Merseburg, der Ingenieurin Kathrin Stritzel; die Ringvorlesung wird inhaltlich und organisatorisch in Kooperation mit Andreas Kröner (HoMe-Akademie) und Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß (Fachbereich Soziale Arbeit. Medien. Kultur) durchgeführt.

Es handelt sich um eine öffentliche Veranstaltung – alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Berlin, 3 Buchvorstellungen von “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

PSY-Cetin-2549-v03.inddSehr gern weise ich auf die folgenden drei Veranstaltungen in Berlin hin, bei denen das Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” gemeinsam von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß vorgestellt wird. (Informationen zum Buch finden sich hier hier ; eine sich erweiternde Übersicht erscheinender Rezensionen findet sich hier .

Die Buchvorstellungen:

[1] 18. November 2016, 19:00 Uhr, Schwules Museum (Lützowstraße 73, Berlin)
Vorstellung und Diskussion gleich von zwei Büchern. Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß und Jule Govrin stellen ihre jeweils neu erschienen Bücher vor und diskutieren miteinander. Bücher: Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß: “Schwule Sichtbarkeit – Schwule Identität. Kritische Perspektiven”; Jule Jakob Govrin: “Sex, Gott und Kapital. Houellebecqs Unterwerfung zwischen neoreaktionärer Rhetorik und postsäkularen Politiken”.

[2] 19. November 2016, 17:00 Uhr, Trude Ruth (Flughafenstraße 38, Berlin)
Vorstellung des Buches “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” und Gesprächs- und Diskussionsmöglichkeit mit den Autoren Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß.

[3] 16. Dezember 2016, 20:30 Uhr, Prinz Eisenherz Buchhandlung (Motzstraße 23, Berlin)
Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß stellen ihr neues Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” vor, das im Oktober im Psychosozial-Verlag erschienen ist. Während “Sichtbarkeit” und “Identität” auch heute noch vielfach als bedeutsam für die politischen Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt gelten, weisen beide Autoren darauf hin, wie auf diese Weise auch “ein Ordnungsregime entsteht, das auf Geschlechternorm, Weißsein, Bürgerlichkeit und Paarbeziehung basiert”. Dadurch entstehen Ausschlüsse gegen Queers of Color und Queers mit abweichenden Lebensentwürfen. Die Autoren erläutern die zwiespältige Bedeutung von “Anerkennung” und weisen auf nicht-identitäre Perspektiven hin. Buchvorstellung und Diskussion.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Rezensionen des Buchs „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß

PSY-Cetin-2549-v03.indd[aktualisiert: 6.3.2017]

Das Buch „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“ von Zülfukar Çetin und mir soll zur Diskussion anregen. Von daher freuen wir uns sehr über Besprechenungen. Die folgende Seite bietet eine Übersicht – sie wird in loser Folge aktualisiert.

Mit der Besprechung “Warum schwule Sichtbarkeit nicht grundsätzlich gut ist” macht Ulrike Kümel den Auftakt. Ihre auf dem Portal Queer.de erschienene Besprechung kommt zum Fazit: “Ich finde das Buch wichtig. Nach dem Lesen wissen wir, dass schwule Emanzipation viel mit der Unterdrückung anderer zu tun hat. “Homosexualität” als Konzept und Identität hat viel mit Rassismus und Kolonialismus zu tun – und damit auch Anteil an Gewalt gegen Menschen. Das ist wichtig zu wissen, damit heute sensibel gestritten werden kann.” Die ausführliche Rezension findet sich hier. Insbesondere auf der Facebookseite von Queer.de schloss sich direkt nach der Veröffentlichung eine intensive Diskussion an.

Im Katalog der schwulen Buchläden “Der Dicke” wird das Buch prominent hervorgehoben. Dort heißt es zu “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität”: “Noch heute gelten ‘Sichtbarkeit’ und ‘Identität’ weithin als Schlüsselbegriffe politischer Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt. Die Autoren des vorliegenden Bandes hinterfragen das Bestehen einer einheitlichen schwulen Identität aus unterschiedlichen Perspektiven: geschichtlich, wissenschaftstheoretisch und mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Homonationalismus und rassistische Gentrifizierung.” Der Dicke online

In der Zeitschrift “analyse & kritik” (November 2016) hat Lisa Krall das Buch besprochen. Krall schreibt: “Çetin und Voß setzen sich in ihrem Band kritisch mit der Identitätskategorie »des Homosexuellen« und der mit ihr verbundenen Emanzipationsbewegung auseinander und diskutieren beides als Bestandteile westlicher Hegemonie. Im dicht argumentierten ersten Teil bereiten sie den Boden für zwei weitere Kapitel, die sich einmal auf »Homosexualität« in Naturwissenschaften und in Pädagogik konzentrieren (Voß) und zweitens Homo-/Queerpolitiken sowie Homonationalismus in Zusammenhang mit Gentrifizierung setzen (Çetin). Sichtbarkeit und Identität werden dabei in unterschiedlichen Kontexten betrachtet: Anhand historischer und aktueller Beispiele aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft machen sie die Verschränkungen der Kategorie »Homosexualität« mit Kolonialismus und Rassismus nachvollziehbar und hinterfragen die Relevanz starrer Identitätskategorien. Sie zeigen, dass Kategorisierungen, die der Sichtbarmachung und Anerkennung dienen, nicht unschuldig, sondern Teil von Herrschaftsverhältnissen sind, da sie nur bestimmte Personen einschließen und in diesem Fall ausschließen, wer nicht weiß, europäisch, bürgerlich oder männlich ist. Ihre intersektionalen Analyse bringt nicht nur Gegenwart und Vergangenheit zusammen, sondern auch das, was gewöhnlich in Theorie und Praxis unterteilt wird. So gelingt es an gesellschaftliche Phänomene und aktuelle Herausforderungen sowie an theoretische Auseinandersetzungen anzuknüpfen und diese um wichtige Perspektiven zu erweitern.” zur Zeitschrift/Rezension

“Du musst es lesen!” heißt es in einer Rezension von Joachim Schönert im “Lustblättchen” (Wiesbaden und Rhein-Main) vom November 2016. Und weiter: “Das Buch ist aktuell in seinen wissenschaftlichen Analysen und Beispielen und äußerst hilfreich beim Erkennen von Zusammenhängen.” zur Zeitschrift

Transgenderradio (Berlin) empfiehlt in der Oktober-Sendung (2016) das Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität” und stellt es den Zuörenden vor: “Die Autoren des vorliegenden Bandes hinterfragen die Gewissheit, dass eine einheitliche schwule Identität existiert, aus unterschiedlichen Perspektiven: bewegungsgeschichtlich, wissenschaftstheoretisch und mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Homonationalismus und rassistische Gentrifizierung.” zu Transgenderradio

Mehr als eine Rezension verfasst Patsy l’Amour laLove – es handelt sich um einen persönlichen Standpunkt, der mit der Werbung für die Vorstellung (am 24.11.2016, Berlin) des eigenen – zu “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” inhaltlich konträren – Buchs verbunden ist; pikanterweise erscheint der Beitrag zudem drei Tage nachdem auf meinem Blog in einem Gastkommentar die von Patsy l’Amour laLove gehostete „Polymorphia“ (vom 21.11.2016) kritisiert worden war. Im Standpunkt stellt laLove mit Blick auf das Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” fest: “Das schwule Antigewaltprojekt Maneo, das unwissenden Leserinnen und Lesern nach der Lektüre des Buches als rassistischer Scheißverein erscheinen muss und in Berlin doch eine unwahrscheinlich wichtige Arbeit leistet…” usw. Als Information: Bei Maneo handelt es sich um ein “Opfertelefon auf Feindbildsuche”, bei dem Queer.de die Frage stellt, ob Fragebögen gezielt ausgefüllt wurden, um “Stimmung gegen Ausländer zu machen” und das auch Judith Butler im Interview mit der jungle world explizit als rassistischen Akteur in Berlin benannt hat. Der Beitrag von laLove findet sich nun ebenfalls in der Zeitschrift jungle world – Ausgabe vom 24.11.2016, Titel “Die schwule Gefahr”.

In der Zeitschrift Siegessäule diskutiert Roberto Manteufel das Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” in seiner Kolumne “Seitenblick”. Er merkt unter anderem an: “In ihrem Buch gehen [Çetin und Voss] ans Eingemachte. Sie skizzieren, wie das Wort ‘homosexuell’ allein schon durch seine historischen Ursprünge rassistisch gefärbt wurde. ‘Echte Homosexualität’ fände sich zum Beispiel nur bei reichen weißen Nordeuropäern, konstatierte Hirschfeld. Ursprünge, die bis heute ihre Wellen schlagen. Denn – um mal so richtig die Ironiekeule zu schwingen – wir als weiße, aufgeklärte Schwule wissen schon, wie es geht. Also in Sachen Toleranz und Miteinander und überhaupt. Dagegen sehen zum Beispiel die Muslime so richtig alt aus. […] Klingt doch einleuchtend. Nur stimmt das wirklich? Erschreckend klar analysieren Çetin und Voss, wie hinter solchen Gedankengängen ein neues Wir-Verständnis steht, das auch hervorragend als politisches Kampfinstrument dient. Denn Wir, das sind inzwischen auch wir Homos. Wir sind die treuen Demokraten, die gebildet sind und euch den Wohlstand bringen, wenn ihr es nur richtig macht. Vertraut uns bitte, denn was wahre Freiheit ist, das wissen einzig wir. Denn Wir, das sind diejenigen, die in Schwarz und Weiß denken, in Okzident und Orient, in fortschrittlich und rückständig. Ganz ehrlich, Nachtigall, ick hör dir trapsen. Das riecht nach großem Ärger.” (Siegessäule, Dezember 2016, S. 49)

Antje Schrupp rezensierte das Buch unter dem Titel “Homosexualität verlernen? Gute Idee.” auf ihrem Blog www.antjeschrupp.com. In der Besprechung heißt es u.a.: “Mit sehr großem Interesse habe ich dieses Buch gelesen, in dem es um die Frage geht, wie sich der westliche Diskurs über Homosexualität mit Nationalismus und rassistischen Zuschreibungen an „Migrant_innen“ verbindet. […] Angesichts der gegenwärtigen Diskurse, in denen speziell türkischen jungen Männern eine besonders ausgeprägte Homophobie zugeschrieben wird, ist es aufschlussreich, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts die Türkei ein Eldorado für westliche Schwule war, weil man sich dort nicht verstecken musste. Amüsant auch zu lesen, wie dann mit Hilfe westlicher Wissenschaftskonstrukte das ominöse homosexuelle Wesen, das bestimmte Menschen eben haben und andere nicht, versucht wurde, in körperlichen Markern zu vereindeutigen; in den Keimdrüsen oder in den Genen, je nachdem, was in der Biologie gerade Mode war. Die enge Verbindung dieser westlichen Erfindung der Homosexualität mit rassistischen und nationalistischen Ideologien war mir neu. Sie ist in dem vorliegenden Buch vielleicht auch etwas zu stark gezeichnet, man müsste, sagt die politische Ideengeschichtlerin in mir, die entsprechenden Diskurse noch einmal in einem größeren Rahmen kontextualisieren, um sie entsprechend bewerten zu können. Aber unbedingt muss heutiger schwuler Aktivismus diese Schattenseiten der eigenen Geschichte reflektieren und tut er tatsächlich viel zu wenig.” zur Rezension

Theodor Itten besprach “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” in der Zeitschrift “Psychotherapie Wissenschaft”. Dort schreibt er u.a.: Das Buch “kommt in drei Teilen daher. Im ersten werden die Homosexualität und ‘die Anderen’ besprochen. […] Danach wird die Homosexualität im Kontext von Naturwissenschaft und Pädagogik ausgiebig reflektiert. […] Um diese prozessorientierten theoretischen Überlegungen praxisnah zu verankern, beschreibt Çetin im dritten Teil, die homo- und queerpolitischen Dynamiken und Gentrifizierungsprozesse in Berlin. Hier wird die vielfältige homosexuelle Lebensweise als individuelle Bereicherung dargestellt. Wie sich Menschen in der Psychopolitik einer großen Metropole zurechtzufinden, ist hier wunderbar und eindrücklich beschrieben.” (Theodor Itten, Psychotherapie Wissenschaft, Jg. 6, Heft 2 (2016))

Unter dem Titel “Für ein Streitgespräch – Deutungskampf schwuler Emanzipation” rezensierte Folke Brodersen “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität” auf dem Blog der Feministischen Studien. Bordersen führt dabei u.a. aus und bezieht den kürzlich von Patsy l’Amour laLove herausgegebenen Sammelband “Selbsthass & Emanzipation” mit ein: “In und zu einer solchen Politik ist ein Streiten möglich und nötig. Eine Verwerfung des Gegenübers und Markierung als persona non grata kann ihr aber nicht zuträglich sein. Polemisierungen wie etwa l’Amour laLoves Vorwurf an Voß und Çetin, einen Kampf „gegen die Homosexualität an sich“ zu führen, delegitimiert die Position des Gegenübers im Diskurs und verstellt von vornherein jede gemeinsame Engführung oder Reibung. […] Die Polarisierung zwischen Hetero- und (Rest der) Homosexualität, aus der l’Amour laLove Impulse zur Diskussion der psychischen Verfasstheit schwuler Subjekte ableitet, erscheint vor diesem Hintergrund nicht mehr als gegebenes Faktum, sondern ist ein Effekt gegenwärtiger neo-konservativer Transformationen. […] Ähnliches gilt für die diskursive Verwerfung queerer Muslim_innen, die Zuweisung von Archaik an einen ‚islamischen Kulturkreis‘ sowie für die gesamte Entgegensetzung zwischen ‚Muslim_innen und Schwulen‘ [… E]ine politische Vision [muss] darauf bauen, Beziehungen neu zu gestalten. Entgegen der Zergliederung zwischen ‚Tunten‘, ‚Türken‘ und ‚happy rainbowfamilies‘ wäre zu versuchen, nicht nur situative Bündnisse zu schmieden, sondern auch kollektiv wie individuell Haltungen der Sorge, der Freude und der Lust an- und miteinander zu stiften. Nicht etwa um melancholisch das Begehren nach einer kollektiven Bewegung zu heilen, sondern um eine Hierarchisierung und Verwerfung bestehender Differenzen nicht zuzulassen.” zur ganzen Besprechung

Auf Querelles-net – Rezensionszeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung besprach Lisa Krall das Buch und hält abschließend fest: “Dass Auseinandersetzungen angeregt werden, wie es formuliertes Ziel des Buches ist, gelingt aber mit Sicherheit, und zwar nicht nur aufgrund der eng geführten, aber sehr fundierten theoretischen Analysen, sondern auch dadurch, dass es die Lesenden aus ihrer Komfortzone holt, wovon nicht alle begeistert sein werden. Die durch zahlreiche Beispiele untermauerten Argumentationen erweisen sich als zwingend, und es lohnt sich, ihnen zu folgen. So wie es nach wie vor mehr privilegienreflektierender Geschlechterforschung und feministischer Bewegungen bedarf, ist es notwendig, die eigene Beteiligung an Herrschaft zu thematisieren, wie Çetin und Voß am Beispiel der Schwulen aufzeigen. Der Forderung der Autor_innen, Identitäten zu verlernen (vgl. S. 17), könnte in diesem Sinne wohl auch Gayatri Chakravorty Spivaks (1996) Vorschlag hinzugefügt werden, Privilegien als einen Verlust zu verstehen.” zur ganzen Besprechung

Christian Höller betont in den Lambda Nachrichten die Notwendigkeit des kritischen Charakter des Buches, um Debatten zu eröffnen. Er hält fest: “Das Buch wird als Streitschrift für kontroverse Diskussionen sorgen. Es macht deutlich, wie sehr sich die derzeitige Polarisierung auch in der LSBTI-Welt ausbreitet.” (Lambda Nachrichten, März–April, Nr. 168, 39. Jahrgang, 1/2017)

 

FEMPOWER: Ringvorlesung „Technik und Geschlecht“ startet am 18. Oktober an der Hochschule Merseburg

Um Technik und Geschlecht geht es ab dem 18. Oktober an der Hochschule Merseburg (Theater am Campus). Dort startet eine Ringvorlesung, die für Studierende aller Fachbereiche und für die interessierte Öffentlichkeit, offen ist. Studierende einiger Fachbereiche können bei der Veranstaltung Credit points erhalten und sich im Studium anrechnen lassen.

vobker_automobil_geschlecht_Den Auftakt in der Reihe macht am 18. Oktober Dr. Marc Vobker mit dem Vortrag: Automobil und Geschlecht. Explorative Analysen jenseits stereotyper Zuschreibungen. Mit Blick auf sein gleichnamiges Buch, das er im renommierten Springer-Verlag veröffentlicht hat, untersucht Vobker im Vortrag das Auto jenseits seiner Eigenschaft als Transportmittel, insbesondere im Zusammenhang mit Geschlecht. Dabei versteht er Geschlecht in drei Hinsichten: 1.) als Sozialstrukturkategorie: Ähnlich wie Einkommen und Bildung beeinflusst das Geschlecht die Möglichkeiten und Muster des Handelns. 2.) im Hinblick auf Zuschreibungen: Geschlecht wird als Ansammlung gesellschaftlicher Zuschreibungen verstanden. Und 3.) in Bezug auf Identitätskonstruktion: Diese Zuschreibungen werden von Individuen herangezogen, um Aussagen darüber zu machen, wie Geschlecht und Automobil bei Ihnen selbst zusammenhängen. Beginn der Veranstaltung ist um 16:30 Uhr, im Theater am Campus (im Hauptgebäude der Hochschule).

An den folgenden Terminen sind Prof. Dr. Helene Götschel (1.11.2016, 16:30 Uhr, Vortrag „Physik queer denken“), Dr. Waltraud Ernst (15.12.2016, 16:30 Uhr, Vortrag: „Geschlecht und maschinelle Interaktion“) und Dipl.-Inf. Göde Both (17.1.2016, 16:30 Uhr, Vortrag: „Mensch-Maschine-Konfigurationen: Ist autonomes Fahren die ‚Entmannung des deutschen Autofahrers‘?“) an der Hochschule Merseburg zu Gast. Zwei weitere Termine werden von Studierenden der Hochschule gestaltet.

Das Projekt FEMPOWER, das neben der Ringvorlesung auch Maßnahmen zur Förderung von Promotionen von Frauen beinhaltet, wird aus Fördermitteln der Europäischen Union finanziert. Federführend liegt das Projekt bei der Gleichstellungsbeauftragten der Hochschule Merseburg, der Ingenieurin Kathrin Stritzel; die Ringvorlesung wird inhaltlich und organisatorisch in Kooperation mit Andreas Kröner (HoMe-Akademie) und Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß (Fachbereich Soziale Arbeit. Medien. Kultur) durchgeführt.

Nachfragen zur Ringvorlesung bitte an: heinz-juergen.voss@hs-merseburg.de .

“Making Sex Revisited” von Heinz-Jürgen Voss nun als OPEN-ACCESS zum Download

Nun zum Download: Das Buch “Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive” ist jetzt als OPEN-ACCESS verfügbar. Es kann z.B. hier als PDF-Datei heruntergeladen werden: Making Sex Revisited (Volltext) (DOI: https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/461573 )

Ich finde es insgesamt wichtig, dass wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst breit für alle verfügbar sind. Bei “Making Sex Revisited” freut es mich umso mehr, weil einige, die meine Arbeit anhand von kurzen Interviews diskutierten, keine Gelegenheit hatten, in eine der zu Grunde liegenden wissenschaftlichen Arbeiten zu sehen. Über Rückmeldungen zum Buch freue ich mich sehr! Eine Übersicht über die erschienenen Rezensionen zu “Making Sex Revisited” findet sich übrigens hier: Rezensions-Übersicht. (Darüber hinaus ist als wissenschaftlicher Einstieg auch weiterhin “Geschlecht: Wider die Natürlichkeit” empfohlen.)

Weitere Arbeiten schließen an “Making Sex Revisited” an – gerade mit Blick auf die Verschränkung von Herrschaftsverhältnissen. “Queer und (Anti-)Kapitalismus” (gemeinsam mit Salih Alexander Wolter) und “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” (gemeinsam mit Zülfukar Çetin) sind für die Lektüre im Anschluss besonders zu empfehlen.

Viel Freude beim Lesen!

NEUes Buch von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß: “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven”

PSY-Cetin-2549-v03.inddSehr gern weise ich auf das gerade erschienene Buch “Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven” von Zülfukar Çetin und mir hin. Wir freuen uns auf Diskussionen und eure und Ihre Anmerkungen. Gern könntet ihr und könnten Sie ein Rezensionsexemplar bestellen – entweder direkt beim Verlag oder bei: Heinz-Jürgen Voß, voss_heinz@yahoo.de .

Deutlich wird im Band u.a., dass das Konzept “Homosexualität” selbst von den emanzipatorisch Streitenden im Gegensatz zum “dem Sex ‘der Anderen'” entwickelt wurde, also gegen den gleichgeschlechtlichen Sex z.B. in Süditalien und der Türkei. Von den historischen Betrachtungen wird der Bogen zu aktuellen rassistischen Debatten und Akteuren gespannt. Gleichzeitig wird analytisch hergeleitet, warum “schwul” auf Schulhöfen ein oft abwertend genutzter Begriff ist, wenn er auch meist flachsend verwendet wird; es wird klar, warum das so bleiben muss, wenn nicht auch auf neue Konzepte zurückgegriffen wird …

Nun die detaillierten Informationen:

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß:
Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven

# Oktober 2016; 146 Seiten; 19,90 Euro
# ISSN: 2367-2420
# Psychosozial-Verlag, https://www.psychosozial-verlag.de
# Informationen zum Buch beim Verlag

# Klappentext:
Vorangetrieben von »Schwulen« selbst wurde seit dem 19. Jahrhundert das Konzept schwuler Identität durchgesetzt. Noch heute gelten »Sichtbarkeit« und »Identität« weithin als Schlüsselbegriffe politischer Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt. Jedoch wird aktuell immer deutlicher, dass auf diese Weise ein Ordnungsregime entsteht, das auf Geschlechternorm, Weißsein, Bürgerlichkeit und Paarbeziehung basiert. So werden beispielsweise Queers of Color und Queers mit abweichenden Lebensentwürfen marginalisiert.

Die Autoren des vorliegenden Bandes hinterfragen die Gewissheit, dass eine einheitliche schwule Identität existiert, aus unterschiedlichen Perspektiven: bewegungsgeschichtlich, wissenschaftstheoretisch und mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Homonationalismus und rassistische Gentrifizierung.