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Sehr gern weise ich auf die Veranstaltung #zur debatte# in der Kunsthalle Berlin hin. Sie findet am kommenden Dienstag, 6. Juni 2017, ab 17:30 Uhr statt. Mit dabei sind die Beiträge:

  • Vielfalt anerkennen, Debatten wertschätzend führen - Wege zu einer guten Diskussionskultur
    Heinz-Jürgen Voss
  • #direnayol (#resistayol) (Kanka Productions, 2016)
    Rüzgâr Buşki
  • How was your day? (Tal Iungman, 2016)
    Tal Iungman

Ausführliche Informationen finden sich hier. Alle Interessierten sind zur Veranstaltung herzlich eingeladen!

Bereits im Vorfeld führt die Siegessäule ein Gespräch unter dem Titel "Was fasziniert Schwule, Lesben oder Trans*menschen an der AfD?". Das Interview mit meinen Antworten findet sich hier.

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von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Hochschule Merseburg

Ich bin entsetzt über die Art der Aushandlung, wie sie in der Süddeutschen Zeitung Einzug hält. Dass Fragen zu Geschlecht aktuell gesellschaftlich hitzig diskutiert werden, ist verständlich, da seit Beginn der 1990er Jahre einige grundlegende gesellschaftliche Umgangsweisen in Bezug auf Geschlecht und Sexualität revidiert wurden – der Strafparagraf 175 wurde abgeschafft, Regelungen zur zwangsweisen Sterilisierung, wie sie für die Personenstandsänderung in Bezug auf Transgeschlechtlichkeit gesetzlich festgelegt waren, wurden aufgehoben, die Gewalt gegen intergeschlechtliche Menschen ist auch gesellschaftlich Thema geworden. Debatte ja – und sie darf auch einmal hitzig sein. Aber der aufgeregte Artikel „Krampfzone“ von Christian Weber (16.4.2016), in dem ich etwa als „Spinner“ geschmäht werde und Fragen zur biologischen Geschlechtsentwicklung fern inhaltlicher Debatte weggewischt werden, ist doch eine Spur zu unwissenschaftlich, zu persönlich, zu krass. Dass Christian Weber ungenau zitiert, zudem nur mit Bezug auf ein Interview, dass ich vor geraumer Zeit der populären Zeitschrift „Chrismon“ gab, zeugt davon, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, meine wissenschaftlichen Fachartikel und Bücher (etwa „Making Sex Revisited“, „Geschlecht“ und „Biologie und Homosexualität“) auch nur anzulesen. Mir leuchtet mehreres nicht ein; zumindest zwei Punkte möchte ich anführen: 1) Warum setzt sich teilweise selbst im Bildungsbürgertum die These durch, dass Wissenschaft nur das wiederholen sollte, was der populäre erste Blick erkennt? Wissenschaft ist doch gerade dafür da, neue Einsichten zu eröffnen. 2) Warum glauben sich gerade bei der Frage „Geschlecht“ so viele in Deutschland in einer so starken Gewissheit und grenzen sich gegen wissenschaftliche Betrachtungen ab? Mir als einem diplomierten Biologen, promovierten Sozialwissenschaftler und Professor für Sexualwissenschaft erscheint es geradezu absurd, warum Menschen, nur weil sie bei sich einen Penis oder eine Vagina erblicken, gleich alle Fragen um Geschlecht für geklärt hielten und meinen, dass nun alle einen Penis oder alternativ eine Vagina an sich erblicken müssten. Warum ringt dann eigentlich die Gesellschaft und auch die Biologie so intensiv mit der Frage Geschlecht, wenn alles so überzeitlich klar und eindeutig sein sollte? Ein wissenschaftlicher Blick tut not – und ja, man kann auch voraussetzen, dass ein*e Biolog*in und Sexualwissenschaftler*in durchaus besser über biologische Vorgänge informiert sein wird als ein*e MA Politik/Volkswirtschaft/Soziologie Christian Weber. Selbstverständlich kann man intensiv diskutieren, aber es ist kein so feiner Zug, mir die Expertise für „meine“ Fächer aberkennen zu wollen. Ein solches Vorgehen gehörte niemals zum anerkannten Umgang. Hr. Weber: Erkennen Sie doch einfach an, dass Sie und ich unterschiedliche Sichtweisen haben, die verschieden begründet sind – und formulieren auch Sie Ihre Position wertschätzend.

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(Aktualisiert: 4.5.2015)

Nach dem ausgeschütteten Hass gegen Wissenschaftler_innen der Geschlechterforschung und der Sexualpädagogik ist eine breite Solidarität aufgekommen. Wissenschaftliche Fachgesellschaften (und zahlreiche weitere Akteur_innen) haben sich positioniert. Mittlerweile sind einige gute Übersichtsbeiträge über die Debatte erschienen. Im Folgenden eine kurze Übersicht, aber zunächst ein einführender Beitrag:

Einführender Beitrag zu Hass-Kampagnen im Netz
„Troll-Kommentare – Meine Tage im Hass“, Frankfurter Allgemeine Zeitung;

Gute Übersichtsartikel über die Angriffe
Aufstand der Biedermänner, Welt;

Unter dem Deckmantel des Journalismus, A.v.Beyme

„Hass und Heteronormativität“, Jungle world;

„Brutale Drohungen im Internet: Hass und Hetze gegen Geschlechterforscher“, Zeit und Tagesspiegel;

Streit um sexuelle Aufklärung:"Kann man Teenager überhaupt übersexualisieren?", T-Online

"Hart hinter der Grenze", MZ

"Hass im Netz: Woher kommt er und was können wir dagegen tun?", MissyMagazine

Empfehlenswerte Publikationen zu den Akteuren der Angriffe und ihrer Vernetzung
Lotta – Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, Nr. 57 (Herbst 2014), „Antifeminismus als Scharnier zwischen extremer Rechter, Konservativismus und bürgerlichem Mainstream“. Bestellbar hier;

Sanders / Jentsch / Hansen (2014): ‚Deutschland treibt sich ab‘: Organisierter ‚Lebensschutz‘, Christlicher Fundamentalismus, Antifeminismus. Münster: Unrast. Bestellbar hier (und überall im Buchhandel);

Auffallend ist, dass viele der Beiträge gegen Geschlechterforschung und Sexualaufklärung in rechten Zeitschriften und Blogs erschienen sind – insbesondere in der Jungen Freiheit.

Weitere Beiträge wurden insbesondere in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht, so im von Volker Zastrow verantworteten Ressort „Politik“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Zastrow hat sich selbst mit einem Buch 2006 deutlich insgesamt gegen die Gleichstellung von Frauen und Männern gewandt (vgl. etwa Roßhart, hier online). In der FAZ schrieb am 22.10.2014 Martin Voigt, am 14.11.2014 veröffentlichte er einen der zentralen Beiträge im extrem rechten Blatt Junge Freiheit.

Bei der Gruppe „Besorgte Eltern“ handelt es sich eher um besorgniserregende Eltern. Die oben genannte Zeitschrift Lotta gibt Auskunft. Die besorgniserregenden Eltern organisieren iIhre Kampagne gemeinsam mit dem rechtspopulistischen Compact-Magazin und dessen Leiter Jürgen Elsässer. (zur Lotta / nun auch im Spiegel zu den Verbindungslinien der Gruppe "Besorgte Eltern" zu rechten Kreisen, hier online) Continue reading “Überblick: Angriffe gegen Geschlechterforscher_innen und Sexualpädagog_innen und die Positionierungen von Fachgesellschaften” »